Der Mann, der aus der Kälte kam

Moskaus Bürgermeister Sobjanin hat die Aura eines Apparatschiks, aber auch den Ruf eines Machers. Jetzt steht der treue Gefolgsmann Putins vor der Wiederwahl. Gut über ihn sprechen sogar jene, die den Mächtigen sonst nicht das Wort reden.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte Moskau einen Bürgermeister, ohne den, das dachte nicht nur er, Elend und Verdammnis über die Stadt hereinbrechen würden. Ein Patriarch. Ein Volkstribun. Ein Ur-Moskauer. Jurij Luschkow hieß er und war 2010 nach 18 Jahren von heute auf morgen weg, weil er es sich mit dem Kreml verscherzt hatte. Und mit der Zeit stellte sich heraus, dass Elend und Verdammnis eher seine Amtszeit beschreiben, wenn man sie mit heute vergleicht.

Unter Sympathieträger Jurij Luschkow nahm Moskau eine eher eklektische Entwicklung. © Wikimedia Commons / Anastasiya Fedorenko

Nicht, dass sich der Mann mit der Schirmmütze keine Verdienste um die Stadt erworben hätte, oh nein. Unter ihm fing Moskau nach dem Sowjetgrau wieder an zu glänzen, wenn auch nur stellenweise, innerhalb Russlands war es ohnehin eine Klasse für sich. Die Rentner mochten Luschkow, weil er ihnen aus dem Stadtsäckel die staatlichen Renten aufbesserte, um die vergleichsweise hohen Lebenshaltungskosten auszugleichen. Aber es war paradox: Dieser freundliche, gemütliche ältere Herr, der es ständig menscheln ließ, regierte eine Stadt, die unfreundlich und ungemütlich wirkte, so als sei sie nicht für die Menschen gemacht. Sie erstickte im Verkehr, war großflächig mit Werbung tapeziert und unter einer Staubschicht aus Kleinkommerz oft kaum noch wahrzunehmen. Statt gesundem Menschenverstand herrschte das Recht des Stärkeren. Sinnbildlich für die Luschkow-Ära war das Messegelände WDNCh, wo die Säulenhallen der Sowjetzeit dem Ramsch preisgegeben wurden, Honigverkäufer und Teppichhändler in die glorreichen Pavillons einzogen und drittklassige Fahrgeschäfte für Volksbelustigung sorgten. Der Rubel musste eben rollen.

Vieles blieb Stückwerk. Und weil sich kardinal nie etwas änderte und sich der Kampf gegen zahlreiche sich verschärfende Probleme meist auf Ankündigungen und die ewig gleichen Rezepte beschränkte, mochte es scheinen, diese Probleme – die Staus, die zugeparkten Straßen, der ganze „wilde Osten“ – seien nicht hausgemacht, sondern hässliche, aber unvermeidliche Begleitumstände der neuen Zeit.

Abgelöst wurde Luschkow vor acht Jahren von einem Mann, der kein Patriarch, kein Volkstribun und kein Moskauer ist. Sergej Sobjanin hat nicht das Charisma seines Vorgängers, der bei öffentlichen Auftritten in seinem Element war und noch beim Fassanstich zum – nach ihm abgeschafften – Bierfestival sich selbst und die Menge prächtig unterhielt. Wenn man Sobjanin zuhört, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sich im Büro oder überhaupt in der zweiten Reihe wohler fühlen würde. Dennoch hat er mit Moskau nichts weniger als eine Wende, einen Aufbruch geschafft. Und das praktisch gleichzeitig an allen oder zumindest vielen Fronten. Doch sein größtes Verdienst besteht vermutlich darin, schlicht Ordnung geschaffen zu haben. Als erstes ließ er den ganzen Wildwuchs an Kleinkapitalismus rund um die Metrostationen und in den Unterführungen beseitigen, nicht immer auf die feine Art übrigens. Viele hielten das damals für eine Schrulle, denn man hatte ja eigentlich andere Sorgen als die Büdchen für Lebensmittel, Zeitungen und alles, was die Laufkundschaft sonst noch auf dem Nachhauseweg gebrauchen kann. Ausgerechnet das sollte ein vordringliches Ärgernis sein? Aber Sobjanin sprach vom öffentlichen Raum, der den Menschen zurückgegeben werden muss. Das sei ihm ein großes Anliegen. Nach und nach wurden die großen Moskauer Parks zu wahren Wohlfühloasen, von billigen „Attraktionen“ und alkoholgeschwängerter Luft entschlackt, familienfreundlich umgestaltet und für viele Freizeitaktivitäten geöffnet. Mit dem Diktat des Autos ist es auch vorbei. Sobjanin ließ nicht Straßen verbreitern, sondern Gehwege. Seit das Parken vielerorts kostenpflichtig ist und im widerrechtlichen Falle konsequent verfolgt wird, wirkt die früher so zugeparkte Stadt auch hier geradezu aufgeräumt. Fußgänger oder auch Radfahrer erleben den Wandel mit besonderer Freude. Früher hat ihnen Moskau die kalte Schulter gezeigt, jetzt werden sie geradezu gehätschelt.

Unter Sergej Sobjanin, hier im Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan am Rande der Wiedereröffnung der umgebauten Moskauer Zentralmoschee 2015, ist Moskau in vielerlei Hinsicht aufgeblüht, obwohl im das kaum jemand zugetraut hatte. © mos.ru

Und das alles passiert amüsanterweise nicht unter der Ägide eines im Westen geschulten Reformers, sondern eines ehemaligen Komsomol-Funktionärs, der im kalten Norden Sibiriens geboren wurde und sich dort auch seine ersten Sporen im Beamtenapparat verdiente. Sobjanin hat nicht in Harvard und noch nicht mal an der Moskauer Lomonossow-Universität studiert, sondern am Technologischen Institut der Provinzhauptstadt Kostroma (später kam noch ein juristischer Abschluss in Uljanowsk hinzu). Er fing als Schlosser und Elektriker im Rohrwalzwerk von Tscheljabinsk im Ural an, arbeitete sich hoch, bekam einen Posten beim Komsomol. Der entsandte ihn 1984 in den Norden Sibiriens nach Kogalym, damals noch ein Dorf, bald schon eine der wichtigsten Ölförderstädte Russlands. 1991 wird Sobjanin zum Bürgermeister ernannt. Zehn Jahre später ist er Gouverneur der Region Tjumen (in der Kogalym liegt), 2005 wird er als politisches Talent nach Moskau abberufen und folgt auf den heutigen Premier Dmitrij Medwedew als Leiter der Präsidialadministration von Wladimir Putin. Sobjanin, 2004 in Kremlpartei „Einiges Russland“ eingetreten, kann als treuer Gefolgsmann Putins gelten. Von eigenen Positionen, die sich von denen des Präsidenten unterschieden, ist nichts bekannt. In Sobjanins Moskau wird das Demonstrationsrecht betont restriktiv gebraucht, sobald sich die Opposition versammeln möchte. Vor den Bürgermeisterwahlen beteiligte sich der Amtsinhaber ebenso wenig an Debatten mit seinen Herausforderern, wie das Putin mit den seinen zu tun pflegte. Wenn über dessen Nachfolge spekuliert wird, fällt immer öfter auch der Name Sobjanins.

Für viele wäre er eine gute Wahl, selbst wenn sie sonst ein kritisches Verhältnis zur Obrigkeit pflegen. So wie der namhafte Designer und populäre Blogger Artemij Lebedew, der bekannt dafür ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. In einer Talkshow sagte er einmal, Sobjanin wäre ein „ausgezeichneter technischer Präsident“, der „wenig redet und viel tut“. Um sich habe er ausgezeichnete Fachleute geschart wie etwa Sergej Kusnezow, den „besten Stadtarchitekten seit hundert Jahren“. Heute nun stellt sich Sobjanin zur Wiederwahl. Ernsthafte Gegenkandidaten hat er nicht.

Tino Künzel

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