F wie Fotoretusche

Die Zensur hat in Russland eine lange Tradition und ist auch heute noch aktuell. Die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ zeigt jetzt, wie umgreifend die Zensur in der Sowjetunion war.

Zensur

Bitte ohne Alkohol und Zigaretten. Auch Willy Brandt wurde Opfer der Zensur. © Fiete Lembeck

Groß sei sie vielleicht nicht, dafür umso bedeutender, meint die Historikerin Irina Schtscherbakowa über die Ausstellung „Das A ist heruntergefallen, das B verschwunden. Ein Wörterbuch der sowjetischen Zensur.“ Was die Menschenrechtsorganisation Memorial versuche, sei nicht weniger, als die Absurdität der Verbote und der Zensur in der Sowjetunion darzustellen, so Schtscherbakowa.

Kuratorin Marina Sawranskaja hat das russische Alphabet mit seinen 33 Buchstaben gewählt, um zu zeigen, wie sehr der sowjetische Staat in das Leben seiner Bürger eingriff. Vorwiegend in Schwarz gehalten, verdeutlicht die Ausstellung, dass Überwachung und Verbote größtenteils im Verborgenen abliefen und es einiger Mühe bedurfte, diese aufzudecken. So muss bei jedem Buchstaben und Ausstellungsstück ein Licht angeknipst, Vorhänge zur Seite geschoben oder eine Schublade geöffnet werden, um mehr sehen und erfahren zu können.

Alphabet der Zensur

Von A bis Ja beleuchtet die Ausstellung die Vielfältigkeit der Zensur in der Sowjetunion. Wie drastisch und zugleich einfallsreich zensiert wurde, zeigt das Beispiel des Buchstabens F‚ der hier für „Fotoretusche“ steht. Die frühe Form der Bildbearbeitung erlaubte es mit einer Apparatur, Fotos in mehreren Schritten zu verändern. Knipst man das Licht am Schaukasten an und zieht die passende Schublade auf, erscheint ein Bild von KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew, Bundeskanzler Willy Brandt und Staatssekretär Egon Bahr. An dem unscheinbaren Foto nahm die Zeitung „Prawda“ Anstoß, denn auf dem Tisch standen Zigaretten und Bier. Weil das nicht staatsmännisch genug erschien, mussten die Genussmittel verschwinden.

Für Kuratorin Sawranskaja hat die Ausstellung auch für die aktuelle Zeit Bedeutung. Denn so wie früher das Papier zensiert wurde, wird heute versucht, das Internet zu kontrollieren. 

Fiete Lembeck

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