Kreml-Pfannkuchen und Salzhonig

5000 Quadratmeter, 250 Aussteller, 18 Regionen: Bei der Grünen Woche präsentierte Russland die neuesten Trends aus seiner Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie. Doch der Auftakt gehörte deutschen Bürokraten.

Wiktor Beljajew (links) bekochte Kremlchefs von Breschnew bis Putin und verriet Rezepte zum Nachkochen. (Foto: Birger Schütz)

Den Start in die Grüne Woche hatten sich die Aussteller und Händler in der russischen Halle sicher etwas anders vorgestellt: Nur wenige Stunden nach der feierlichen Eröffnung des russischen Salons in Anwesenheit von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) wurde das Gebäude gesperrt. Die Aussteller mussten ihre Stände verlassen, Schaulustige wurden aus den Räumen gebeten. Der Grund für die Unterbrechung: Bei einer Routinekontrolle hatten Beamte des Veterinäramtes 20 illegal eingeführte Schweinewürste und 280 Liter Waren ohne Zolldeklaration entdeckt. Doch nach rund zwei Stunden war der Spuk wieder vorbei, die Sperrung wurde aufgehoben und die Besucher drängten sich wieder dicht an dicht durch die Halle.

Rustikaler Charme und Kreml-Anekdoten

Dabei stieß vor allem der Stand des Moskauer Gebietes auf großes Interesse. Von dem Pavillon, der mit künstlichen roten Ziegelsteinen einen rustikalen Charme versprühte, zog der verführerische Duft von frisch Gebratenem durch die Messeräume. „Kommen Sie näher und probieren Sie“, lockt eine Sprecherin die Ausstellungsgäste zu dem Stand, an dem mit Theke, Herdplatten und einer Mikrowelle eine komplette Küche aufgebaut war. „Hier gibt es Kreml-Pfannkuchen“, erklärt Viktor Beljajew, der mit einem Schneebesen in einer Schüssel Teig verrührt. „Die mögen alle – auch Staatsführer!“ Der gut gelaunte Chefkoch, der mit zwei Assistenten die Messebesucher bekochte, muss es wissen.

Denn Beljajew hat über dreißig Jahre als Koch im Kreml gearbeitet und sowjetische wie russische Staatslenker von Leonid Breschnew über Boris Jelzin bis zu Wladimir Putin bekocht. „Hatten Sie nie Angst, dass es Ärger gibt, wenn mal was anbrennt?“, will ein besonders neugieriger Zuschauer wissen. Beljajew lacht breit über das ganze Gesicht und entgegnet dann schelmisch: „Ich habe keine Angst vor Putin, ich bin ja schon viel länger im Kreml!“ Schallendes Gelächter. Auch zu Angela Merkel hat Beljajew eine Anekdote auf Lager. „Sie sorgte dafür, dass es bei unseren Empfängen wieder die gute alte russische Küche gibt“, erklärt der Küchenmeister. Bei einem EU-Russland-Treffen habe sich die Bundeskanzlerin über die moderne und leichte Kost gewundert und Beljajew nach Pelmeni, Bliny und anderen russischen Köstlichkeiten gefragt. Seitdem gehe es bei den Empfängen wieder traditioneller zu.

Ob gesalzenes Karamell oder Ingwer: Arie Gal wirbt für russischen Honig mit exotischen Geschmacksnoten. (Foto: Birger Schütz)

Die ganze Vielfalt Russlands

Doch der Stand des Moskauer Chefkochs war nur einer von vielen in der rund 5000 Quadratmeter großen Messehalle 2. Insgesamt 250 Unternehmen aus 18 russischen Regionen, von Kaliningrad bis zur sibirischen Republik Burjatien, wollten hier ihre Produkte an den deutschen Verbraucher bringen. Dass der weltgrößten Verbrauchermesse für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau dabei auch von offizieller Seite viel Bedeutung beigemessen wird, zeigte die Anwesenheit der Gouverneure des Rostower und Iwanower Gebietes bei der Eröffnungszeremonie. Die russischen Politiker unterschrieben zudem wichtige Dokumente zur weiteren Vertiefung der Zusammenarbeit mit Deutschland.

Auch Vize-Agrarminister Sergej Lewin war extra nach Berlin gereist. Die Exporte von Landwirtschafts- und Nahrungsprodukten nach Deutschland hätten im vergangenen Jahr weiter zugenommen, erklärte der Politiker vor Journalisten. „Und ich bin sicher, dass die russischen Exporteure die Lieferungen von Getreide, Milch, Fleisch und Fisch nach Deutschland noch weiter ausweiten können.“ Dazu sei es wichtig, weiter auf den Agrarpolitischen Dialog zwischen Russland und Deutschland zu setzen, in dessen Rahmen beide Länder seit 1994 eng zusammenarbeiten.

Klar und hochprozentig: Die Wodka-Verkostung ist ein Klassiker auf der Grünen Woche. (Foto: Birger Schütz)

Von Bio-Honig und tatarischem Wodka

Ob Wurst aus dem Altai, Bio-Käse vom Moskauer Öko-Farmer oder Moosbeerensaft aus Iwanowo: Bei den Besuchern stießen die Produkte aus dem größten Land der Erde auf großes Interesse. „Ja, die Leute sind begeistert“, bestätigt Arie Gal, der an seinem Stand russische Honigspezialitäten der Firma Peroni anpreist. „Es gibt Pistazie, gesalzenes Karamell oder auch Ingwer“, zählt er nur einige der exotisch anmutenden Geschmacksrichtungen auf. Bis zu 60 Gläser verkaufe er pro Tag. „Die einzige Frage ist, warum es das noch nicht in Deutschland gibt“, zitiert er die Nachfragen der Messebesucher. „Das ist ja auch alles sehr gesund und aus natürlichen Zutaten!“

Auch Jewgenij ein paar Meter weiter wirbt mit besonders guten Inhaltsstoffen. Allerdings geht es bei ihm um keine exotischen Bioprodukte – sondern um Tundra-Wodka aus der Republik Tatarstan an der Wolga. „Der ist sehr verträglich“, witzelt der Vertreter des Unternehmens „Tatspirkom“, „zwei, drei Liter gehen da ganz ohne Kopfschmerzen!“ Die deutschen Besucher schütteln da nur mit den Köpfen. „Das ist dann vielleicht doch ein bisschen viel.“ Jewgenij muss lachen. „Es geht vor allem darum, unseren Wodka in Deutschland weiter bekannt zu machen“, erklärt der freundliche Mittfünfziger, der auch die Sperrung der Halle zu Beginn der Grünen Woche miterlebte. „Das hätte man sicher auch ohne Presse und mit etwas weniger Tamtam klären können“, findet er und grinst. „Wir waren etwas verärgert. Aber klar, Gesetz ist Gesetz.“

Birger Schütz

In unserer Fotogalerie zeigen wir Ihnen ein paar Eindrücke von der Grünen Woche 2020. (Fotos: Juliana Martens)

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