Der andere Sieg: Russland verlegt das Kriegsende

Russland hat das Ende des Zweiten Weltkriegs verschoben. Kritiker sind entsetzt. Auch weil der neue Tag mit einem tragischen Ereignis verbunden ist.

3. September
Das Ende: Japanische Soldaten geben ihre Waffen ab. (Foto: Jewgenij Chaldej/ RIA Novosti)

Während im Mai 1945 in Europa die Waffen ruhten, kämpften die Alliierten und damit auch die Sowjetunion noch bis in den Herbst gegen Japan. Genauer gesagt, bis zum 2. September. An diesem Tag ergab sich das Kaiserreich. Seitdem markiert dieses Datum das offizielle Ende des Zweiten Weltkriegs. Bis Mitte April galt das auch für Russland.

Doch am 14. April brachten vier Abgeordnete die Verschiebung des Kriegsendes auf den 3. September in die Duma ein. Und nicht nur das: Statt eines Gedenktages sollte das Datum nun ein Tag des militärischen Ruhms sein. Spätestens seitdem Präsident Wladimir Putin sein ok für die Verschiebung gegeben hat, streiten Historiker und Menschenrechtler über Sinn und Unsinn der Aktion.

Verlegung als historische Gerechtigkeit

Die Verlegung sei historisch begründet, behaupten die Initiatoren. Und verweisen auf einen Befehl des Obersten Sowjets, der den 3. September als Tag des Sieges deklarierte. Zudem seien 1,8 Millionen Medaillen an Soldaten verteilt worden, die damals aktiv waren. Und schließlich forderten Veteranenverbände seit Jahren die Anerkennung des Tages.  Unterstützt werden sie von regierungsfreundlichen Historikern wie Michail Mjagkow. Die Wiedereinführung des 3. Septembers sei eine historische Gerechtigkeit, zitiert die Nachrichtenagentur TASS den wissenschaftlichen Direktor der Russischen Militärhistorischen Vereinigung. 

Tatsächlich wurde Gefeiert das Kriegsende in der Sowjetunion am 3. September gefeiert. Jedoch nur drei Jahre. Nach 1947 verlor der Tag seine Bedeutung. Mit der Verschiebung rücke man wieder näher an die stalinistische Geschichtsschreibung, moniert etwa Konstantin Salesskij, Vizepräsident der Vereinigung der Historiker zum Zweiten Weltkrieg.   

Russland beschreitet einen Sonderweg

Das Russland nicht mehr gemeinsam mit seinen früheren Alliierten feiern möchte, beunruhigt auch Michail Suprun. Der Professor an der Nördlichen Föderalen Universität ist überzeugt, dass Russland zeigen will, dass der sowjetische Einsatz im Fernen Osten nicht der Krieg „der Anderen“ war. Russland wolle mit dem Ausschweifen aus weltweiten Gedenken seinen historischen Sonderweg unterstreichen, ist der Historiker überzeugt.

Und dieser Sonderweg könnte ein Zeichen an die Welt sein. Denn der Gesetzentwurf verweist explizit darauf, dass Russland nun am selben Tag wie China das Weltkriegsende begehen wird. Das sei mehr als ein Schulterschluss mit einem Partner, vermutet die chinesische „Global Times“. Russlands Aktion sei auch ein Fingerzeig Richtung Japan. Denn schließlich gibt es bis heute keinen Friedensvertrag zwischen den Ländern und das Kaiserreich hofft immer noch, die südlichen Kurilen wiederzuerlangen. 

Überschneidung mit der Tragödie von Beslan

Wie die Verlegung des Weltkriegsendes sich außenpolitisch auswirken wird, bleibt abzuwarten. Innenpolitisch hat die Duma jedenfalls bereits Ärger verursacht. Man habe sich aus dem Nichts heraus ein Problem erschaffen und eines der Völker Russlands beleidigt, ist Michail Minz von der Akademie der Wissenschaften überzeugt. Denn am 3. September 2004 endete die Geiselnahme in einer Schule im nordossetischen Beslan. Damals kamen 333 Menschen ums Leben, darunter 186 Kinder.

Vergeblich versuchten die „Mütter von Beslan“ deshalb, die Verschiebung zu verhindern. Unterstützung erhielten sie von Walerij Fadejew, dem Vorsitzenden des Menschenrechtsrates des Präsidenten. Er warnte davor, mit Gedenktagen die Gesellschaft zu spalten. Das nordossetische Oberhaupt Wjatscheslaw Bitarow hat bereits angekündigt, keine Gedenkfeiern in seiner Republik zuzulassen. 

Warum die Duma die Verschiebung des Weltkriegsendes unbedingt im Schnellverfahren durchpeitschen wollte, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Oleg Budnizkij, Direktor des Zentrums für Geschichte und Soziologie des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen vermutet, dass sich die Abgeordneten damit  selbst in die Geschichtsbücher eintragen wollten. Ob dieser Eintrag auf Dauer positiv sein wird, bleibt abzuwarten.

Daniel Säwert

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