„Wie Pilze in einem regnerischen Wald“

Die Corona-Pandemie stellt die deutsche Minderheit in Russland vor ungekannte Herausforderungen. Bernd Fabritius hat mit der MDZ über die Sorgen der Menschen gesprochen. Der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten warnt vor Fake News, die aus der Krise Profit schlagen wollen.

Sucht normalerweise den Kontakt vor Ort: Bernd Fabritius. (Foto: Denis Schabanow)

Herr Fabritius, um die Menschen trotz der herrschenden Isolationsmaßnahmen zu erreichen, haben Sie eine neue Telefonsprechstunde ins Leben gerufen. Welche Eindrücke haben Sie aus der ersten Sitzung mitgenommen?

Das war ein sehr positives Erlebnis. Ich habe festgestellt, dass die Menschen den direkten Austausch suchen und es hat auch mir die Möglichkeit geboten, direkt zu erfahren, was die Sorgen sind in den jeweiligen Regionen. Man kann nicht ein Lösungsmodell auf unterschiedliche Gebiete eins zu eins übertragen, weil die Rahmenbedingungen anders sind. Deswegen möchte ich dieses Modell des direkten Austausches unbedingt weiterführen. Das Ganze ist auch ein bisschen ein Ersatz dafür, dass ich jetzt in dieser Situation nicht mehr so viel reisen kann. So komme ich eben via Telefonleitung zu den Landsleuten, die ich betreuen möchte.

Als MDZ interessiert es uns natürlich ganz besonders, wie es mit den Aussiedlern in Russland aussieht. Welche Fragen kamen aus der Föderation?

Die meisten Anrufer haben wegen ganz konkreten Anliegen in der aktuellen Pandemie-Situation angerufen. Es ging ihnen nicht so sehr um allgemeine Fragen wie Jugendförderung, Sprachförderung, sondern ganz konkret um die Frage, wie man die Arbeit, die Selbstorganisation und den Erhalt der eigenen Identität in der aktuellen Situation weiterführen kann. Thema war auch soziale Notlagen durch zunehmende Arbeitslosigkeit aufgrund der Corona-Pandemie. Es ist ein Konglomerat an Herausforderungen, wenn man bedenkt, dass aufgrund der in der Russischen Föderation bestehenden Maßnahmen Gemeinschaftsleben kaum bis gar nicht stattfinden kann. Sämtliche Kulturveranstaltungen sind bis auf Weiteres nicht mehr möglich.

„Ausgangsbeschränkungen sind immer eine Herausforderung, wenn es darum geht, die eigene Kultur und Identität zu pflegen.“

Von was für Projekten reden wir hier im Einzelnen?

Es geht um alle Maßnahmen, die ein Zusammenkommen von Menschen voraussetzen. Das heißt: Jugendtreffs, Kulturtreffs oder auch Sprachveranstaltungen können alle nicht durchgeführt werden. Ich habe allerdings mit dem IVDK (Internationaler Verband der Deutschen Kultur, Anm. d. Red.) dahingehend eine Verständigung erzielt, dass diese Projekte nicht aufgekündigt werden. Wir versuchen sie nachzuholen – vielleicht bis zum Jahresende, wenn in Russland Herbstferien oder Winterferien sind, wenn bis dahin die Kontaktbeschränkungen aufgehoben sind. Wenn durch Wegfallen solcher Kontaktmaßnahmen Mittel freiwerden, möchte ich außerdem versuchen, dass man diese in Hilfe umwidmet.

Gibt es denn auch Möglichkeiten, um unmittelbar auf die Ausfälle zu reagieren?

Es ist ganz wichtig, nach Alternativen für das Treffen zu suchen. Hier ist gerade die Arbeit des IVDK sehr positiv zu beobachten. Man hat ja bereits 2016 ein erstes Kultur- und Geschäftszentrum in der Region Omsk und ein Jahr später in Kaliningrad geschaffen. Es zeigt sich, dass genau hier jetzt trotz allem Arbeit möglich ist. Man hat dort Digitalisierung vorangetrieben und Sprachkurse werden digital angeboten. Sogar berufliche Fortbildung wird auf einer Onlineplattform angeboten.

Sie haben zu Beginn erwähnt, dass es unterschiedliche Lösungsansätze für die Regionen braucht. Auf welche Schwierigkeiten trifft man hier?

In Moskau kann man aufgrund bestehender Digitalisierungsmöglichkeiten mit der Situation noch recht gut umgehen. Die Notlage in ländlicheren Regionen, wo die Menschen in Dörfern oder kleineren Städten leben – im fernen Sibirien, wenn Sie so wollen – dort ist die Situation angespannter. Die Leute sind dort eher auf physische Treffen und den persönlichen Austausch angewiesen. Ausgangsbeschränkungen sind immer eine Herausforderung, wenn es darum geht, die eigene Kultur und Identität zu pflegen. Das kann man eben nur bedingt als Einzelperson machen.

„Ich selbst bin weder Virologe, noch Pandemologe, noch bin ich Arzt. Ich bin auch nicht innerhalb von einem ein paar Wochen andauernden Facebook-Crashkurs zu einem Medizinprofessor ausgebildet worden.“

Sie haben zuletzt die deutschen Minderheiten dazu aufgerufen, sich nicht durch sogenannte Fake News, unter anderem aus staatsnahen russischen Medien, beeinflussen zu lassen. Sind Sie selbst mit Falschnachrichten konfrontiert worden?

Ja, selbstverständlich. Ich bekomme immer wieder mit, dass Menschen, für die ich Verantwortung trage durch falsche Informationen ein falsches Bild dargestellt wird. Dabei ist der Zweck der Instrumentalisierung meistens ganz deutlich zu erkennen. Es ist mir wichtig, bei der notwendigen Meinungsvielfalt, die ja auch zu Fragen der Corona-Maßnahmen besteht, trotzdem nach einem sachlichen Meinungsbild zu streben. Wenn aus durchsichtigem Interesse verbreitet wird, dass in Deutschland Aufruhr herrsche – dann bezeichne ich das als „Fake News“. Genau das Gegenteil ist der Fall: Die Russlanddeutschen in Deutschland freuen sich, einen starken Staat wahrzunehmen, weil sie den staatlichen Schutz dadurch mitbekommen und sich schlichtweg sicherer fühlen.

Was für einen Umgang mit den Medien schlagen Sie vor?

Ich will darauf hinweisen, dass wir ausreichend bekannte öffentliche Informationsquellen haben, aus denen man seine Informationen beziehen und sich dann auch ein eigenes Meinungsbild schaffen kann. Ich selbst bin weder Virologe, noch Pandemologe, noch bin ich Arzt. Ich bin auch nicht innerhalb von einem ein paar Wochen andauernden Facebook-Crashkurs zu einem Medizinprofessor ausgebildet worden. Ich verlasse mich deswegen darauf, was Spezialisten der Bundesregierung und Landesregierungen empfehlen und hüte mich vor Schnellnachrichten, die in sozialen Medien aus dem Boden sprießen wie Pilze in einem regnerischen Wald

Wie wollen Sie den Kampf gegen die Desinformation und gegen Verschwörungstheorien führen?

Jeder in der Regierung bemüht sich, in seinem Aufgabengebiet gegen Falschinformationen und Verunsicherung und tendenziöse Berichterstattung zu wirken. Ich weiß die Landsmannschaften und die Selbstorganisationen der deutschen Minderheiten an meiner Seite, wenn es darum geht, prüfbare oder sachliche Informationen zu vermitteln. Wir haben natürlich keine Möglichkeit, das Entstehen von Fake News zu verhindern. Wenn aber die Existenz eines Coronavirus in Abrede gestellt wird, dann ist das so abwegig, dass schon Information alleine für Klarheit sorgen sollte. Es kann doch nicht eine ganze Weltgemeinschaft mit all den Auswirkungen, die von Italien bis nach Brasilien und eben auch in der Russischen Föderation leider festgestellt werden müssen, nun Teil einer angeblichen großen Verschwörung sein.

Kontakt zum Bundesbeauftragten

Dr. Bernd Fabritius plant, am 26. Mai zwischen 13 und 15 Uhr deutscher Zeit eine zweite Telefonsprechstunde durchzuführen. Sein Büro wird unter der Nummer 030-18681-11122 erreichbar sein. Abseits der Sprechstunde besteht auch die Möglichkeit, den Bundesbeauftragten jederzeit per Mail (BAFabritius@bmi.bund.de) zu kontaktieren, wobei auch eine Rückrufnummer hinterlassen werden kann.

Die Fragen stellte Patrick Volknant.

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