Wenn der Chef im Rollstuhl sitzt: Roman Aranin macht in Kaliningrad Wunder wahr

Roman Aranin ist gelernter Militärflieger, er handelte erfolgreich mit Sanitärtechnik und Tapeten, bis er 2004 mit dem Gleitschirm abstürzte und sich buchstäblich das Genick brach. Seitdem kann er weder Hände noch Füße bewegen und sitzt im Rollstuhl. Das hat den 50-jährigen Vater von zwei Töchtern jedoch nicht daran gehindert, in Kaliningrad sein Unternehmen Observer aufzubauen, das Rollstühle herstellt – als erstes in Russland jetzt auch E-Rollstühle. Darüber hat er mit der Berliner Kommunikationsexpertin Janina Urussowa, die ihn seit langem kennt, im Interview gesprochen. Die MDZ druckt Auszüge.

Mitte Oktober wurde bei Kaliningrad die neue Rollstuhlfabrik von Observer eröffnet. Roman Aranin (M.) will die Lokalisierungsquote der dort gefertigten Rollstühle auf bis zu 90 Prozent steigern. (Foto: Observer/Marina Sibarowa)

Roman, die Pandemie bringt tiefgreifende Veränderungen mit sich. Auch dein Leben hat sich vor 16 Jahren radikal verändert. Wie hast du das erlebt?

Nun, was heute passiert, ist schon mehr oder weniger erträglich. Wenn etwas alle betrifft, ist es nicht so bitter. Wenn es jedoch nur dich betrifft …

Du bist allseits gefragt. Du nimmst Freunde mit dem Gleitschirm mit, du treibst Sport, du machst Geschäfte. Du sitzt in der Mitte des Spinnennetzes und ziehst die Fäden. Und auf einmal wirst du zu einem Walross am Flussufer. Einem gelähmten Walross. Es liegt unbeweglich am Ufer des Flusses, der Leben heißt. Und der Fluss fließt wie immer. Weder für andere Menschen noch für den Fluss hat sich etwas verändert, nur weil du aus dem Leben rausgefallen bist.

Es gibt einen treffenden Spruch aus dem Orient: Keiner interessiert sich für einen ausgetrockneten Fluss. Wie wasserreich der Fluss früher mal war, ist egal, wenn das Wasser weg ist. Mir ist klar geworden, dass ich auch in diesem Körper, in dieser Lage ein wasserreicher Fluss sein muss, der andere Boote trägt und lenkt. Das habe ich mir zu Herzen genommen. Und ich weiß, dass ich heute wieder ein Fluss voller Wasser bin.

Wie schafft man das – und in möglichst kurzer Zeit?

Ich denke, mehr als die Hälfte schafft es nie, zu einem normalen Leben zurückzukehren. Die Leute sitzen in ihren Wohnungen und finden keinen Ausweg aus der Situation. Bei Observer möchten wir Menschen mit Wirbelsäulenverletzungen möglichst früh auffangen, noch auf der Intensivstation. Mit der Familie und den Krankenschwestern arbeiten. Kommendes Jahr wollen wir ein Reha-Zentrum eröffnen und in kleinen Häusern dort auch Menschen zum Wohnen aufnehmen. Wir werden ihnen beibringen, wie man in diesem Körper lebt. Und anschließend, wie man in diesem Körper arbeitet. Zum Ziel haben wir uns gesetzt, die Zeit der Rehabilitation von drei bis fünf Jahren auf ein halbes Jahr zu reduzieren. Das wäre eine Revolution.

So wie ich dich kenne, wirst du das schaffen.

So kenne ich mich auch. Wobei wir jetzt eine Mannschaft beisammen haben, von der ich überzeugt bin, dass sie das auch ohne mich schafft.

In der Coronakrise wird viel darüber gesprochen, dass unsere Freiheit, unsere Selbstbestimmung ihre Grenzen hat.

Jede Medaille hat zwei Seiten. Sie müssen ein Problem gleichsam umdrehen, damit es zu einer Chance wird. Bei mir war das so: Ich war mit einem E-Rollstuhl unterwegs. Ich hatte bereits fünf Jahre im Rollstuhl verbracht, aber ich kannte mich mit der Steuerung nicht so gut aus. Und auf der Abfahrt zur Ostsee in Swetlogorsk liegt die Neigung bei ca. 15 Grad. Ich habe den Hebel etwas zu abrupt losgelassen. Der Rollstuhl blieb stehen und ich bin mit dem Gesicht voraus auf dem Asphalt gelandet. Das Gefühl werde ich nie vergessen.

Ich war dort zusammen mit meinem Freund und Schulkameraden Boris, einem Diplom-Ingenieur. Wir haben uns dann Gedanken gemacht, was man tun könnte, um so etwas zu verhindern. Er hat vorgeschlagen, eine Standardausführung des Geländerollstuhls zu nehmen, der damals in Taiwan hergestellt wurde, zwei Bügel unter der Sitzfläche zu fixieren und diese mit einem dritten Antrieb zu versehen, damit sich die Neigung der Sitzfläche mit der Neigung des Geländes verändert und man automatisch immer in waagerechter Sitzposi­tion bleibt.

Quasi als „Nebenwirkung“ hat sich herausgestellt, dass dieser Rollstuhl auch Treppen überwindet. In der Folge haben wir Anfragen aus der ganzen Welt bekommen. Das war eine Geschäftsidee mit Zukunft. Wir haben uns dann mit dem Thema sehr intensiv beschäftigt. Am Anfang waren wir zu dritt. Heute sind wir ein Team von 44 Personen, zehn davon sind Rollstuhlfahrer.

Verstehe ich richtig, dass die Umstellung auf Homeoffice in diesem Jahr euer Geschäft nicht beeinträchtigt hat, weil ihr schon viel früher Homeoffice-Regelungen hattet?

Ja und nein. Unser größter Abnehmer ist die gesetzliche Sozialversicherungskasse. Wie auch in Deutschland muss niemand seinen Rollstuhl selbst bezahlen. Bis hin zu E-Rollstühlen wird der Kaufpreis in voller Höhe vom Staat erstattet. Aber da nun auch bei der Sozialversicherungskasse Homeoffice praktiziert wird, die Mitarbeiter aber nicht so viel Erfahrung damit haben, ist die Effizienz stark zurückgegangen. Jedenfalls hat die Nachfrage nach Rollstühlen gelitten.

Viele müssen sich heute mit neuen Zwängen arrangieren. Wie war das bei dir?

Mein Leben hängt von anderen Menschen ab. Hundertprozentig. Das heißt, wenn man mich nicht rechtzeitig beugt, dann werde ich ohnmächtig. Jemand muss mich jede Nacht drehen. Im „vorigen“ Leben konnte ich einen schwierigen Tag haben mit lauter verrückten Kunden und Querulanten. Dann fühltest du dich leer und ausgelaugt. Aber am Abend kamst du in den Yacht-Club, hast das Segel auf das Brett gesetzt und bist drei Kilometer raus aufs Meer gefahren. Danach warst du wie neu geboren. Oder du bist mit dem Gleitschirm abends um acht Uhr abgehoben, um gegen elf Uhr wieder zu landen, frisch und ausgeruht, aufgeladen mit der Energie des Kosmos, der Natur, der Abgeschiedenheit.

Jetzt geht das nicht mehr. Ich kann nicht für längere Zeit allein sein. Die ersten Jahre waren sehr, sehr schwer. Wir mussten uns alle aufeinander einspielen. Ich bin auf jeden Fall geduldiger geworden, keine Frage. Auch wenn mich etwas ärgert und ich früher aus der Haut gefahren wäre, bleibe ich nun ruhig.

Und wie hast du dich in Geduld geübt?

Irgendwann habe ich einfach verstanden, wie sehr ich von diesen Menschen abhänge. Von meinen Mitarbeitern, die mir dabei helfen, meine Träume zu verwirklichen. Von meinen Freunden, die mich am Sonntag in die Banja mitnehmen können. Auch von meiner Familie. Denn man muss mich regelmäßig beugen, füttern, mir das Gesicht waschen. Oder von meinen Pflegerinnen, Gott sei Dank sind sie da und kümmern sich um mich.

Nicht der Ostseestrand, auch wenn man das denken könnte, sondern Sand auf der Baustelle des künftigen Fußball-WM-Stadions in Kaliningrad: Dieses Foto mit Roman Aranin entstand vor fünf Jahren. (Foto: Vitaly Nevar)

Wir haben einmal an einer Messe für Reha-Technik in Moskau teilgenommen. Unser Stand war beinahe der größte von allen Unternehmen, das gesamte Team war vor Ort. Und jemand hat geschrieben: „Aranin und sein Gefolge“. Aber ich kann auch tatsächlich ohne „Gefolge“ nicht auskommen. Ich brauche zwei Leute, nur damit sie mich aus dem Rollstuhl ins Auto setzen.

Wobei man sicher nicht aus Mitleid und so weiter bei mir bleibt. Man kann mit mir gutes Geld verdienen. Und man kann mit mir Wunder bewirken. Man kann zum Beispiel eine fantastische Fabrik bauen. Oder innovative Rollstühle entwickeln, die mit Kopfneigung oder mit Atem gesteuert werden und Treppen bewältigen können.

Wir versuchen, alte Klischees zu überwinden, dass Rollstuhlfahrer nur Anstecknadeln biegen können und so. Wenn Sie den YouTube-Kanal von Observer Russia besuchen, dann sehen Sie Rollstuhlfahrer an der Drehbank, an der Fräsmaschine mit CNC-Steuerung, am Schweißroboter, der Biegemaschine mit CNC, Rollstuhlfahrer, die Rollstühle zusammenbauen. Nun haben wir noch eine Idee, über die ich noch nichts verraten will. Aber ich glaube, ein paar Arbeiterberufe könnten noch hinzukommen.

Ich habe von Kollegen mit Blick auf die Pandemie den Spruch gehört: Die Bäuche werden dicker, die Haut wird dünner. Wie gelingt es dir, deinen Alltag zu meistern? Wie hälst du dich fit?

Für Rollstuhlfahrer ist Selbstdisziplin unabdingbar. Das gilt auch für die Menschen, die einem helfen. Wenn ich mit meinem Abendtrainer für 19 Uhr verabredet bin, dann muss er auch um sieben da sein. Oder spätestens Viertel nach sieben. Denn ich habe alles so getaktet. Ich habe meinen Assistenten um vier gehen lassen und komme bis sieben allein klar, ohne ein Druckgeschwür zu riskieren. Aber eben nicht länger.

Von den Neujahrsferien mal abgesehen, begebe ich mich jeden Morgen in den Fitnessraum, den wir bei uns zu Hause eingerichtet haben. Hier kann ich Dehnübungen machen, Seitenbeuge, Beinbeugung. Und am Abend kommt ein zweiter Trainer.

So ist das bei einem Rollstuhlfahrer, wenn er ein vollwertiges Leben führen will. Alles nach Zeitplan. Um acht Uhr aufstehen. Bis neun Uhr all die hygienischen Dinge: Zähne putzen, anziehen, frühstücken. Um neun Uhr fängt mein Arbeitstag an. Die Zeit im Auto kann ich nutzen, um mich liegend auszuruhen. Im Büro angekommen, kann ich zwei bis drei Stunden intensiv arbeiten. Erst dann muss ich mich wieder kurz hinlegen. Wenn etwas nicht nach Plan läuft, wenn mein Fahrer krank ist und ich ein anderes Auto nehmen muss, bin ich nach der Fahrt erschöpft und muss mich hinlegen. Solche Kleinigkeiten machen das Leben aus. An alles muss man sich halten und diszipliniert sein. Sehr selten, vielleicht einmal im Monat, kann ich dagegen rebellieren und mich aufs Sofa legen. Oder ich nehme mir drei Stunden Auszeit und gucke zum Beispiel einen neuen Film von Pedro Almodovar. Sonst ist alles vorgegeben. Wie bei einer Dampflok, die auf ihrer Schiene fährt.

Viele entdecken nach ihrem Unfall eine soziale Ader in sich, sie wollen eine Mission erfüllen, die Welt besser machen. Wie kam das bei dir dazu?

Ich hatte das Gefühl, dass meine Situation sehr schwierig ist. Aber wenn man den stellvertretenden Chefarzt des Krankenhauses zum Freund hat und dieser Freund alles tut, um einen zu retten, wenn man eine Familie hat, wenn man Freunde von der Flugschule hat, die alle zusammen Geld für die Reha sammeln – das ändert die Situation kolossal. Deshalb setzen wir uns mit unserem Reha-Zentrum für eine barrierefreie Umwelt ein. Das betrachte ich als meine Mission.

Unterschwellig weiß ich, wenn ich das hinkriege, dann wird der liebe Gott mit den Fingern schnippen und sagen: „Na schön! Dann werden wir also auch ihn reparieren, die neuen Technologien sollten das möglich machen! Er soll laufen, er soll lateinamerikanische Tänze tanzen!“

Übersetzung: Wladimir Schirokow

Dieser Beitrag gehört zur Interview-Reihe „In Your Moccasins“ von Janina Urussowa auf YouTube. Die MDZ veröffentlicht ausgewählte Interviews daraus.

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