Die Kunst der kleinen Schritte: Vom Leben mit einer Behinderung

An einem Sommertag im Jahr 2007 ruft Natalja Kaptelinina ihre Mutter an, um ihr zu sagen, wie schön das Leben ist. Einen Tag später fliegt sie bei einem Autounfall durch die Heckscheibe und kann seitdem Teile ihres Körpers nicht mehr bewegen. Im YouTube-Interview mit der Berliner Russin Janina Urussowa, die sich seit vielen Jahren mit Inklusion beschäftigt, spricht die 34-Jährige darüber, warum das Leben trotzdem schön ist und sie andere Menschen mit Behinderung zu ermutigen versucht, es in ihre eigenen Hände zu nehmen. Heute sitzt Kaptelinina im Stadtrat von Krasnojarsk in Sibirien.

Natalja, können Sie bitte mal Ihre Hände heben? Geht das überhaupt?

Hier sehen Sie meine Hände! An den Fingern – das sind „Tipphilfen“ aus Pappe. Denn ich kann die Hand heben, aber nicht die Finger bewegen. Ich kann mich kratzen, vielleicht die Haare zurechtstreichen, mehr aber nicht.

Damals nach dem Unfall haben wir hier in Krasnojarsk in einem Plattenbau gewohnt. Neun Etagen, die typische Bauweise mit kleinen, schmalen Zimmern. Ich konnte mit dem Rollstuhl weder in die Toilette noch ins Badezimmer rollen, weil ich nicht durch die Tür kam. Auch der Aufzug war zu eng. Und ins Freie führte im Erdgeschoss dann noch mal eine Treppe mit neun Stufen und ohne Rampe.

In manchen Monaten war ich deshalb nur ein- oder zweimal draußen, wenn meine Familie mich auf den Händen nach unten getragen und mich ins Auto gesetzt hat. Ansonsten habe ich die ganze Zeit in den eigenen vier Wänden verbracht. Aus dem Fenster konnte ich nur einen anderen grauen Plattenbau sehen und vielleicht noch ein kleines Stück Himmel. 

Natalja Kaptelinina in ihrer Heimatstadt Krasnojarsk (Foto: Alexander Kupzow)

Damals musste ich fast rund um die Uhr arbeiten, um den Mitarbeitern meines Fitnessclubs als Geschäftsführerin ihre Gehälter bezahlen zu können. Denn der Club war nicht kostendeckend, ich musste also woanders Geld verdienen. Irgendwann hatte ich sechs Jobs zur gleichen Zeit – ohne das Haus zu verlassen. Fünf Jahre lang habe ich so gelebt, bis meine Familie gesagt hat: Es reicht, wir ziehen um.

Wir haben einen Immobilienkredit aufgenommen und eine neue Wohnung gekauft – in einem Haus mit Rampe und einem großen Aufzug, mit einem eigenen Zimmer für mich und einer barrierefreien Badewanne.

Als ich in meinem neuen Bett war, das direkt am Fenster steht, habe ich von unserem 14. Stock aus die Welt gesehen – und verstanden, was Freiheit bedeutet. Ich habe gespürt, was es heißt, zu leben, zu träumen und sich bewegen zu können.

Jetzt kann ich mit meinem Rollstuhl nach draußen gelangen, kann ein Rollstuhltaxi bestellen und irgendwo hinfahren. Das hat mich so beflügelt, dass es auch der Anstoß zu meinem sozialen Engagement war.

Ihr Projekt heißt „Schritt für Schritt zum Traum“.

Es soll Menschen mit Behinderung helfen, zu einem aktiven Leben zurückzukehren, angefangen mit kostenlosem Fitnesstraining. Wenn man trainiert, dann sieht man die Veränderungen. Heute sind es drei Kilo an Gewichten, die du meisterst, und beim nächsten Mal 100 Gramm mehr. Man merkt, was man alles schaffen kann, dass ja doch etwas geht. In kleinen Schritten erreicht man kleine Ziele.

Die Idee hinter dem Projekt ist, dass sich die Menschen dann neue Ziele setzen, nicht nur im Sport. Es kommt das kulturelle Angebot dazu, gesellschaftliche Aktivität. Wir bringen sie ins Theater, ins Konzert oder zu Sportveranstaltungen. So entsteht nach und nach der Wunsch: Ja, das will ich auch! Ich will ein Teil von diesem Leben sein, ins Konzert gehen, etwas Schönes anziehen. Dafür brauche ich Geld. Und dieses Geld muss ich verdienen. Damit kommen wir zur Phase drei: der Arbeit. Mein Ziel ist es, dass die Leute möglichst selbstständig sind, sich selbst versorgen und ihr Leben so leben können, wie sie es sich wünschen.

Sprechen wir über die Arbeit, über Jobs für Menschen mit Behinderung. Vor zehn Jahren habe ich dazu nur ein halbes Dutzend Links im Internet gefunden. Und das waren Fortbildungsangebote, die keiner wirklich braucht, völlig lebensfremd. Jetzt hat die Suchmaschine 6,5 Millionen Links ausgespuckt. Das spricht Bände. Wenn wir uns die Stadtverwaltung von Krasnojarsk als Unternehmen vorstellen, wie haben Sie als Abgeordnete des Stadtrats dieses Unternehmen verändert?

2018 wurde Natalja Kaptelinina für fünf Jahre in den (ehrenamtlichen) Stadtrat von Krasnojarsk gewählt. (Foto: Alexander Kupzow)

Wir beschäftigen uns überall mit dem Thema Barrierefreiheit und ich werbe dafür, dass Menschen mit Behinderung die Möglichkeit bekommen, nicht nur frische Luft zu schnappen. Darum geht es nicht. Sie sollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Sie müssen sich in der Stadt frei bewegen und ein selbstbestimmtes Leben führen.

Lange Zeit haben der Staat und die Gesellschaft in Russland Menschen mit Behinderung zu Leistungsempfängern erzogen, die in ihren schwer zugänglichen Wohnungen sitzen. Wir zahlen ihnen irgendeine Rente, sie können davon irgendwie leben, und fertig! Dazu Online-Kurse. Irgendwie werden sie ausgebildet, und damit hat es sich! Wir helfen diesen Menschen nur, irgendwie zu existieren.

Ich sehe meine zentrale Aufgabe als Politikerin darin, die Mentalität der Gesellschaft, aber auch die von Menschen mit Behinderung zu verändern. Denn, meine Lieben, so vieles ist möglich!

Die Frage ist: Was muss ich verdienen, um das zu bezahlen, was ich will? Und was für eine Gegenleistung muss ich dafür bringen? Bin ich dazu auch bereit?

Früher gab es diese Ausrede: Ich habe doch eine Behinderung, ich bin ein armer Tropf, der ganze Körper schmerzt. Ich darf nicht lange im Sitzen arbeiten. Ich kann nicht einmal die Hände bewegen. Ich kann das doch alles nicht!

Meine Lieben, heute habt ihr den Computer, das Internet. Euch steht die ganze Welt offen! Ihr könnt Geld verdienen und euch beispielsweise einen Assistenten leisten, so wie ich.

Inwieweit ist die Welt grundsätzlich bereit, Sie als Kunde zu akzeptieren? Zum Beispiel in der Mode.

Dazu will ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Nach den ersten Wochen im Rollstuhl habe ich beschlossen, ins Einkaufszentrum zu fahren. Wir haben ein großes Einkaufszentrum in Krasnojarsk, dort hat man mich hingebracht. Das war 2009. Damals hat man bei uns noch kaum Rollstuhlfahrer auf der Straße gesehen. Ich habe diesen Schritt gewagt. Ich habe mich gezeigt.

Ich kam also in dieses Einkaufszentrum – und alle haben sich nach mir umgedreht. Gewollt oder ungewollt hat man mir schiefe Blicke zugeworfen. Noch schlimmer war, als Mütter ihre Kinder von meinem Rollstuhl weggezerrt haben, so als hätte ich eine ansteckende Krankheit.

In manche Läden wollte uns die Security nicht reinlassen, so nach dem Motto: „Nicht mit dem Wagen!“ Ich darauf: „Jungs, da habt ihr was verwechselt. Ich bin kein Einkaufswagen, ich bin euer Kunde. Sonst tragt mich und wir machen einen Einkaufsbummel, ich kann ja nicht laufen.“ Manchmal hat man sich trotzdem quergestellt, dann haben wir den Manager kommen lassen, aber das ist natürlich ein Unding.

Heute leben wir in einer freien Gesellschaft und solche Dinge können einem nicht mehr passieren.

Woran es noch hapert: Leider gibt es noch nicht überall in der Anprobe Kabinen, die groß genug für uns Rollstuhlfahrer sind. Daran muss man arbeiten.  

Übersetzung: Wladimir Schirokow

Dieser Beitrag gehört zu einer Reihe von Online-Interviews, die unter dem Titel „In Your Moccasins“ immer mittwochs auf dem YouTube-Kanal von Janina Urussowa erscheinen. Die MDZ veröffentlicht einige davon auszugsweise.

Kommentare

Kommentare

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail: