Spiegel der Seele: Das Moskauer Musicaltheater wagt ein großes Experiment

Das Moskauer Musicaltheater gibt seine Bühne für ein theatralisches Experiment frei. Am 21. Februar feiert mit „Revers“ ein Stück Premiere, das die klassischen Grenzen des Theaters sprengt. Wir waren bei der vorletzten Probe dabei.

Revers

Die Akteure von „Revers“ zeigen vollen Körpereinsatz./ Foto: Nino Leonidse

Der Name ist Programm. Es geht um das Zurückkehren. „Revers“ ist die Geschichte über den äußeren und inneren Kampf des Menschen, über die grausamsten und schönsten Eigenschaften, die nur in extremen Situationen zu Tage kommen. Es geht um die Angst, weggesperrt zu sein, um den Kampf gegen die eigenen Phobien, um Selbsterkenntnis. Und letztendlich um die Rückkehr in den ursprünglichen kindlichen Zustand.

Die beiden jungen Regisseure Irina Droschschina und Andrej Kolzow bringen mit Unterstützung erfahrenen kanadischen Choreografin und Emmy-Preisträgerin Debra Brown ihre erste große Produktion auf die Bühne des Moskauer Musicaltheaters. Das bisherige Schaffen aller drei ist eng mit dem Cirque du Soleil verbunden. Die naheliegende Vermutung, dass es sich bei „Revers“ um eine Moskauer Variante des weltberühmten Zirkus handelt, ist jedoch falsch.

Zuschauersaal und Bühne werden eins

Wer sich auf „Revers“ einlässt, wird Teil eines großen Experimentes. Im Musicaltheater wird werden die üblichen Grenzen des Theaters aufgehoben. Zuschauersaal und Bühne sollen zusammenfinden und eins werden. Die Besucher sind nicht auf die Rolle des Zuschauers beschränkt, sie sollen alles miterleben und miterfahren. Deshalb setzt sich die Bühnendekoration im Zuschauersaal fort. In dem Moment, in dem die Besucher merken, dass sie vor den Schauspielern das Theater betreten, wird ihnen bewusst, dass sie die ersten auf der Bühne waren.

Droschschina und Kolzow haben eine ausdrucksstarke Inszenierung geschaffen, die an der Nahtstelle verschiedener Genres agiert. In „Revers“ kommen Elemente von dramatischem und physischem Theater, von Akrobatik und Cirque Nouveau zur Geltung. „Die Grundlage bildet das physische Theater mit seiner Dramaturgie, der Dramaturgie des Körpers. Dazu kommt schwierige Akrobatik. Das ist unsere Handlung“, erklärt Kolzow.

Für die Akteure gibt es keine Pausen. Während der gesamten 75 Minuten sind alle 15 Beteiligten auf der Bühne und erzeugen dadurch eine permanente Spannung, die den Zuschauer nicht zur Ruhe kommen lassen soll.

„Revers“ will nicht zeigen, sondern erzählen

Dabei wollen sie nichts zeigen, sondern erzählen. Alles, was auf der Bühne und im Zuschauersaal passiert ist ein Spiegel, in den die Besucher schauen. Dieser Spiegel will alle extremen Emotionen des Menschen auf die Bühne bringen, von Böshaftigkeit bis Liebe, von Grausamkeit und Egoismus bis hin zu gegenseitiger Unterstützung. Es geht auch darum zu zeigen, wie wichtig Zusammenarbeit ist. Nichts wird dem Zufall überlassen. Das Fallenlassen, die Flüge über die Köpfe der Zuschauer, das Balancieren auf beweglichen Pylonen sind die Mittel, mit denen die Akteure  zum erzählen und die innere Welt der Beteiligten öffnen.

Die Ausdruckskraft von „Revers“ ist noch beeindruckender, wenn man weiß, dass lediglich vier der Akteure über Bühnenerfahrung verfügen. Die anderen sind entweder Sportler oder betreiben Breakdance. Dabei wurden die Artisten nicht nach den Rollen ausgewählt, sondern die Rollen den Charakteren der Teilnehmenden nachempfunden, damit diese so natürlich wie möglich agieren können.

Die Musik entstammt aus der Feder von Michail Mischtschenko, der für seine zeitgenössischen klassischen Kompositionen bekannt ist. Auch für „Revers“ schuf Mischtschenko einen modernen Soundtrack, der Ansätze elektronischer Musik erkennen lässt, aber sehr analog von einem Sinfonieorchester und einem Chor aufgenommen wurde.

Premiere ist am 21. Februar. Die nächsten Aufführungen finden am 23. und 24. Februar im Moskauer Musicaltheater statt. Vorstellungsbeginn ist 23 Uhr.

Daniel Säwert

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