„Red Flag“ im Lebenslauf: Das neue Stigma der Rückkehrer

In diesem Jahr sieht sich der russische Arbeitsmarkt einer neuen Herausforderung gegenüber: Relokanten – Russen, die nach 2022 das Land verlassen hatten – kehren zurück und stoßen auf Probleme bei der Arbeitssuche. Wenn früher Auslandserfahrung als zusätzlicher Pluspunkt im Lebenslauf galt, werden solche Bewerber nun als „unzuverlässig“ oder „aus dem Kontext gefallen“ eingestuft.

Trotz Fachkräftemangels: Gute Jobs sind hart umkämpft. Sergej Wedjaschkin/AGN Moskwa
Trotz Fachkräftemangels: Gute Jobs sind hart umkämpft.   (Foto: Sergej Wedjaschkin/AGN Moskwa)

Einer der Hauptgründe für die Rückkehr russischer Staatsbürger, die aus Protest gegen den Krieg oder aus Angst vor Mobilmachung das Land verlassen hatten, war die Änderung der Steuerregeln für nicht ansässige Remote-Mitarbeiter. Sie wurde 2025 in Russland verabschiedet. Früher galt das Gehalt von Russen, die mehr als 183 Tage im Jahr aus dem Ausland für inländische Unternehmen arbeiteten, als Einkommen aus ausländischen Quellen und wurde in der Russischen Föderation nicht besteuert. Der Mitarbeiter musste sich selbst in seinem Wohnsitzland versteuern. Jetzt spielt der Ort der Arbeitsausübung keine Rolle mehr. Die Arbeitgeber sind verpflichtet, Steuern in Höhe von 13 bis 22 Prozent einzubehalten, unabhängig davon, in welchem Land sich ihre Mitarbeiter tatsächlich aufhalten. Die Höhe der Steuer hängt vom Jahreseinkommen ab.

Dabei kann auch das Land des tatsächlichen Aufenthalts des Mitarbeiters Steuern beanspruchen, selbst wenn der Arbeitgeber in Russland 13 bis 22 Prozent Einkommensteuer einbehalten hat. Gibt es zwischen diesem Land und Russland ein Abkommen zur Vermeidung der Doppelbesteuerung, kann die in Russland gezahlte Steuer auf die Steuer im Wohnsitzland angerechnet werden. „In der Praxis verwandelt sich das jedoch in einen bürokratischen Alptraum. Man muss eine Bescheinigung vom russischen Finanzamt holen, dass die Steuer gezahlt wurde, sie in eine andere Sprache übersetzen, dann notariell beglaubigen lassen und im Ausland eine komplizierte Steuererklärung einreichen“, erzählt der auf Zypern lebende Programmierer Danila.

Druck auf Unternehmen und Mitarbeiter

Auch für die Unternehmen selbst wird die Beschäftigung eines „ausländischen“ Personals zum Kopfzerbrechen. „Auf einen Mitarbeiter im Ausland können lokale Arbeitsschutz-, Urlaubs- und Krankheitsregeln Anwendung finden. Das Unternehmen kann die Wehrerfassung der Mitarbeiter nicht ordnungsgemäß durchführen, und die Buchhaltung muss sich mit Steuerabkommen mit anderen Ländern auseinandersetzen“, erklärte der Jurist Alexander Jeparin gegenüber der MDZ.

Jeparin zufolge droht dem Unternehmen eine hohe Strafe, wenn sich herausstellt, dass es Steuer-Nichtansässige verschleiert. „In der aktuellen Situation verlangte die Geschäftsleitung, dass ich aus der Türkei nach Russland zurückkehre, wenn ich meinen Job nicht verlieren will. Ich musste mich fügen“, erzählt Darja gegenüber der MDZ. Während sie einfach umzog und ins Moskauer Büro ging, hatte ihr Mann Nikita es weitaus schwerer. Im Laufe ihres Auslandsaufenthalts hatte sich der russische Arbeitsmarkt verändert.

Auslandserfahrung als Makel

„Wenn früher Auslandserfahrung eher ein Trumpf war, ist es jetzt ein großer Nachteil. Ich habe an der russischen Importsubstitution gearbeitet, aber unser Unternehmen saß in der Türkei, und nachdem ein großer Deal geplatzt war, stand ich ohne Job da“, teilt er mit. Nach seiner Rückkehr nach Moskau erhält er überall Absagen. Laut dem Portal SuperJob sank der Anteil der Unternehmen, die bereit sind, Kandidaten mit Auslandserfahrung in den letzten Jahren in Betracht zu ziehen, von neun auf vier Prozent. Über den Grund der Absagen erzählt Nikita Folgendes: „Man deutet mir an, dass ich in einem ,unfreundlichen‘ Land gearbeitet habe, da es zur NATO gehört. In einer Firma wurde mir sogar direkt gesagt, dass man befürchte, ich könnte ,unzuverlässig‘ sein.“

Die Wirtschaftspsychologin Irina Badmajewa berichtet, dass Bewerber aus dem Ausland auf ein strengeres Interview vorbereitet sein müssen. „Die Arbeitgeber werden versuchen zu ergründen, warum sie gegangen sind. Unsichere Antworten zu den Gründen der Ausreise und Rückkehr sind eine Red Flag“, ist die Expertin überzeugt. Sie behauptet, dass einigen Relokanten eine Degradierung angeboten wird, um das „Vertrauen wiederherzustellen“.

Tabuzonen und Loyalitätstests

Besonders schwer haben es Bewerber, die im öffentlichen Sektor, in der Rüstungsindustrie, der Atom- oder der Luftfahrtindustrie arbeiten möchten. Auch für Top-Manager, die für die Interaktion mit dem Staat zuständig sind, für Medienmitarbeiter und Beschäftigte im Bildungsbereich wird eine Auslandstätigkeit zum Ausschlusskriterium, erklärte eine mit der Situation vertraute, anonym bleibende Quelle gegenüber der MDZ.

Ausnahme IT-Branche und harte Konkurrenz

„Die Arbeitserfahrung im Ausland in den letzten Jahren wird derzeit so wahrgenommen, dass man bei Instabilität nicht auf diesen Mitarbeiter zählen kann“, erklärt Badmajewa. Sie fügte hinzu, dass vor allem in Technologieunternehmen und der IT-Branche nach Kompetenzen und nicht nach dem Wohnort beurteilt wird. Systemanalytiker, Data Engineers und Cybersicherheitsspezialisten werden nach allgemeinen Kriterien ausgewählt. Die Situation wird jedoch dadurch erschwert, dass Bewerbern, die in den vergangenen Jahren im Ausland gelebt haben, oft die notwendigen Fähigkeiten fehlen. Sie müssen mit einheimischen Fachkräften konkurrieren, die bereits in die Geschäftsprozesse „integriert“ sind und keine zusätzliche Einarbeitung erfordern. Gleichzeitig stieg die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt: Auf eine Stelle kamen im Februar 2026 durchschnittlich 9,6 Bewerbungen gegenüber 5,1 im Vorjahr.

So ist der russische Arbeitsmarkt in letzter Zeit pragmatischer geworden: Die Wirtschaft ist bereit, für Kompetenzen zu zahlen, verlangt aber hundertprozentige Loyalität. Wer zurückkehren will, muss seinen Nutzen unter Bedingungen hoher Konkurrenz und verstärkter Aufmerksamkeit für die Biografie unter Beweis stellen.

Xenija Melnikowa

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