Sowjetische Renaissance

Die Tretjakow-Galerie läutet eine neue Etappe ein. Ende Juni eröffnete das Museum mit „Der Freiflug“ einen neuen Ausstellungsraum, der sich der interdisziplinären Kunst verschreibt.

Freiflug
Die Filmwelten Andrej Tarkowskijs waren Vorbild für viele Künstler. © Daniel Säwert

Die Neue Tretjakow-Galerie hat sich vergrößert. Mit dem Westflügel eröffnete das Museum Ende Juni einen Raum, in dem zukünftig interdisziplinäre Ausstellungen zu sehen sein werden, die sich mit der Suche nach aktuellen Themen befassen und dabei auf moderne künstlerische Gestaltungsmittel setzen.

Zur Eröffnung hat die Tretjakow-Galerie das noch junge Moskauer Museum AZ eingeladen. Beide Einrichtungen eint, dass sie sich der Kunst des 20. Jahrhunderts, insbesondere der zweiten Hälfte, verschrieben haben. So fiel die Wahl für die Eröffnungsausstellung auf „Der Freiflug“, einer künstlerischen Verarbeitung des Schaffens des sowjetischen Filmemachers Andrej Tarkowskij, die noch bis zum 22. September zu sehen ist. 

Die geistigen Ideale einer Generation

„Der Freiflug“ reflektiere die geistigen Ideale einer ganzen Generation und zeigt die Themen und Ideen, die für die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang wichtig waren, erklärte die Kuratorin Polina Lobatschewskaja bei der Eröffnung. Zu sehen ist die inoffizielle Kunst der Nonkonformisten der 1960er bis 1980er Jahre.

Viele dieser Künstler seien dem breiten Publikum bis heute zwar weitgehend unbekannt, dennoch schufen sie mit ihrem Wirken eine „sowjetische Renaissance“, so Lobatschewskaja zur Bedeutung der Ausstellung.

Drei Ausstellungen – drei Welten

„Der Freiflug“ ist eine Ausstellung aus drei Teilen („Vorhersehung“, „Aufbruch in die Vergangenheit“, „Der neue Flug nach Solaris“), die zuvor als eigene Ausstellungen in Moskau und Florenz zu sehen waren. Im Mittelpunkt jedes Teils steht ein Film Tarkowskijs. Eine reine Zusammenstellung sei es aber nicht, betont die Generaldirektorin des Museums AZ und Projektleiterin Natalja Opaljewa.

Die Einzigartigkeit des Projekts bestehe darin, dass in der Ausstellung harmonisch Kino, bildende Kunst, Fotografie, Multimedia verbunden seien. So höre der Besucher während seines Rundgangs die ganze Zeit Musik, die entweder aus den Filmen stamme oder aber von den Künstlern gehört wurde, erklärt Opaljewa gegenüber der MDZ. Dieses Zusammenspiel schaffe einen emotionalen Effekt und genau das wolle „Der Freiflug“ – starke Emotionen hervorrufen. 

So tritt der Besucher zu Beginn der Ausstellung in die geistigen Landschaften ein, die Tarkowskij in „Andrej Rubljow“ (einem Film über die Lebensgeschichte eines mittelalterlichen Ikonenmalers). Die Filmszenen, die auf Leinwänden zu sehen sind, werden von den Werken Dmitrij Pawlinskijs ergänzt.

Zwischen Mittelalter und Zukunft

Nur ein paar Schritte weiter steht man vor einem wandgroßen Foto des brennenden Reaktors in Tschernobyl, aufgenommen von Wiktorija Iwljewa, die als einzige Fotojournalistin selbst im Reaktor war. Damit beginnt die apokalyptische Welt, die Tarkowskij im Film „Stalker“ 1979 zeichnete. Neben Iwljewa sind es vor allem die Arbeiten des Malers und Bildhauers Pjotr Belenok, die Tarkowskijs düstere Vorhersehungen künstlerisch verarbeiten.

Der letzte Teil führt den Besucher vom Dunkel ins futuristische Licht des Films „Solaris“. In der Umgebung eines Raumschiffes setzt sich der Besucher mit Kunstwerken, hauptsächlich Malereien, auseinander, die an die zukünftige Menschheit adressiert sind. 

Für die Zukunft wünscht sich Opaljewa, dass die Ausstellung auch noch an anderen Orten zu sehen sein wird. Nicht umsonst heiße das Projekt „Der Freiflug“, so die Projektleiterin.

Daniel Säwert

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