Schutzlos ausgeliefert: Mediziner und das Coronavirus

Russlands Mediziner leiden unter dem Coronavirus. Die Regierung versucht, sie mit Sonderzahlungen gnädig zu stimmen. Doch die kommen oft nicht an.

Ärzte bereiten sich auf die Arbeit vor: Häufig mangelt es an geeigneter Schutzausrüstung. (Foto: Sofia Sandurskaja/ AGN Moskwa)

Sergej Sobjanin umgibt sich gern mit Ärzten. Schließlich sind sie die Helden der Corona-Pandemie. Wann immer Moskaus Bürgermeister ein Krankenhaus besucht, zeigen die Bilder saubere Räume und Personal in Schutzanzügen. Allein, es ist ein Trugbild, dass hier für die Medien produziert wird. Denn die Situation sieht in vielen Krankenhäusern, selbst in Moskau, anders aus.

Nachdem das Gesundheitsministerium am 19. März verfügte, dass alle medizinischen Einrichtungen mit ausreichend Schutzausrüstung wie Masken, Handschuhen und Anzügen ausgestattet werden sollen, geschah erst einmal nicht viel. Ob aus Unvermögen oder Unwillen – viele staatliche Stellen unternahmen wenig, um für genügend Schutzausrüstung zu sorgen.

Stiftungen müssen für den Staat einspringen

Ende März habe man die ersten Briefe mit der Bitte um Hilfe erhalten, sagte die Direktorin der Stiftung „Sosidanije“ Jelena Smirnowa dem Nachrichtenportal „Meduza“. Sie sei überrascht gewesen, dass sich auch Moskauer Krankenhäuser an die Stiftung wandten. Wenn es Moskau schon so schlecht gehe, dann müsse die Lage in den Regionen viel schlimmer sein, so Smirnowa. Innerhalb weniger Tage sammelte ihre Stiftung sieben Millionen Rubel (90 000 Euro) ein und verteilte sie im ganzen Land.

Das ist mittlerweile zwei Monate her. Eine Besserung der Lage ist aber nicht in Sicht. Viele Ärzte haben mittlerweile wegen der Gefahr ihren Job gekündigt. Und wer arbeitet, wird zunehmend frustrierter. Denn Ärzte und Pfleger sind immer noch unterversorgt, und daher gezwungen, Einwegausrüstung mehrfach zu nutzen oder sie selbst herzustellen. Oft mangelt es den Krankenhäusern schlicht an genügend Geld, um Masken und Anzüge auf dem freien Markt zu kaufen.

Hohe Sterblichkeit im internationalen Vergleich

Als Folge dieser Unterversorgung erkranken viele Mitarbeiter von Krankenhäusern, vor allem das Pflegepersonal, an dem Virus. Anfang Juni erlagen laut der „Liste des Gedenkens“ 331 Krankenhausmitarbeiter den Folgen des Coronavirus. Glaubt man den offiziellen Zahlen, die viele anzweifeln, stammt jeder 15. Tote in Russland aus dem medizinischen Bereich.

Betroffen sind vor allem Moskau und sein Umland, St. Petersburg und die Nordkaukasus-Republik Dagestan. Erschreckend sind diese Zahlen vor allem im internationalen Vergleich. Denn in Russland erliegen Ärzte und Pfleger 16 Mal so oft dem Virus, wie in anderen Ländern. Die Regierung wiederum hält die Zahlen für zu hoch und spricht selbst von knapp 100 verstorbenen Medizinern. Selbst das wären immer noch mehr als anderswo.  

Anfang April verkündete Wladimir Putin, Ärzte und Pflegepersonal für ihren Corona-Einsatz finanziell zu belohnen. Wer „besonders wichtige Aufgaben“ erfülle, solle drei Monate lange bis zu 80 000 Rubel (1000 Euro) Zulagen erhalten, Pflegekräfte bis zu 50 000 Rubel (640 Euro), so der Präsident. Angesichts der Löhne in den Regionen geradezu astronomische Summen.

Bei vielen ist von dem versprochenen Geld jedoch bis heute nichts oder zumindest nicht viel angekommen. Denn statt die Gelder schnell auszuzahlen, versickern sie vielerorts in einem Sumpf aus Bürokratie. 

Versprochene Hilfe kommt nicht an

„Nicht einen Rubel und nicht eine Kopeke“ haben sie erhalten, beschwerten sich Ärzte aus dem südrussischen Armawir in einer Videobotschaft Mitte Mai. Auch in anderen Städten wandten sich Krankenhausmitarbeiter an den Präsidenten, um ihn an sein Versprechen zu erinnern.

Doch statt Geld erhielten viele Protestteilnehmer Drohungen. Der regionale Corona-Stab habe sie als Provokateure bezeichnet, die politische Unruhe stiften wollen, berichteten Ärzte aus dem südrussischen Abinsk der Tageszeitung „Komsomolskaja prawda“. Gar von einem geplanten „Medizineraufstand“ sei die Rede gewesen. In Krasnojarsk wurde Ärzten nahegelegt, besser zu kündigen.

Ärzte und Pfleger wenden sich in Videobotschaften an Präsident Putin

Viele Mediziner schweigen deswegen lieber, um das versprochene Geld doch noch zu erhalten. Selbst während einer Pandemie drohen russische Behörden den Menschen, anstatt ihnen zu helfen. 

Anfang Juni unternahmen Experten und Ärzte einen neuen Versuch, ihre Regierung wachzurütteln. In einem offenen Brief forderten sie die Vize-Ministerpräsidentin für Bildung, Gesundheit und Sozialpolitik Tatjana Golikowa auf, endlich mehr zu tun und das medizinische Personal vernünftig zu schützen. Dies sei jetzt besonders wichtig, da im Herbst eine zweite Infektionswelle erwartet wird. 

Daniel Säwert

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