Republik auf verlorenem Posten

Wladimir Putin hat den Startschuss für eine schrittweise Lockerung der Corona-Auflagen gegeben. Dabei ist die Lage in manchen Gebieten Russlands desaströs. Ein Bericht aus dem nordkaukasischen Dagestan, das vom Coronavirus in die Knie gezwungen wird.

In einem dagestanischen Krankenhaus bereitet sich das Personal auf seine gefährliche Arbeit vor. (Foto: theanvarakhmedov/Instagram)

Der Präsident will zurück zur Normalität. Als Wladimir Putin jüngst das Ende der arbeitsfreien Zeit verkündete, gab er zugleich die künftige Richtung für ganz Russland vor. Schritt für Schritt sollen die verhängten Isolationsmaßnahmen wieder aufgehoben werden – und das, obwohl die täglichen Neuinfektionen erst seit Kurzem knapp unterhalb des fünfstelligen Bereichs liegen. Für seine Entscheidung findet Putin jedoch Unterstützung von der Bevölkerung. Glaubt man dem staatlichen Meinungsforschungsinstitut WZIOM, befürworten 70 Prozent der Russinnen und Russen das Ende der arbeitsfreien Zeit. Die Menschen haben keine Lust mehr auf Restriktionen.

Nun liegt es an den einzelnen Gebietsregierungen, diesen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen, ohne dass die Infektionszahlen explodieren. Ausgerüstet mit neuen Kompetenzen von Seiten des Kremls sollen sie maßgeschneidert auf die aktuelle Lage reagieren. Der politische Druck ist groß und viele Gebiete scheinen der Aufgabe nicht gewachsen. In der malerischen Kaukasusrepublik Dagestan beherrschen die Negativschlagzeilen seit Wochen das Geschehen. Mit seinen 3,1 Millionen Menschen und steht das Gebiet an 13. Stelle der bevölkerungsreichsten Föderationssubjekte Russlands. In der Infektionsstatistik belegt Dagestan den fünften Platz hinter der Hauptstadt Moskau, der sie umgebenden Region sowie St. Petersburg und Nischni Nowgorod. Sie allesamt sind dichter besiedelt als die weite Kaukasusrepublik.

Tradition und Glaube erschweren den Kampf

„Als Covid-19 noch nicht so weit verbreitet war, hat man das hier alles sehr skeptisch gesehen“, erinnert sich Alima. Die 22-Jährige ist in Dagestan geboren und lebt in Machatschkala, der Hauptstadt des Gebiets. Ihren richtigen Namen möchte sie lieber für sich behalten. Wie die meisten Dagestanerinnen wurde Alima muslimisch erzogen. „Meine Familie glaubt zwar an Gott, aber wir praktizieren eigentlich kaum“, erklärt sie auf Nachfrage. Sie ist modisch gekleidet, hat sich auf moderne, schlichte Weise geschminkt. Einen Hijab trage sie nie.

Coronakrise in Dagestan
Trotz Coronavirus herrscht in dieser Marktgasse der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala nach wie vor reges Treiben. (Foto: privat)

„Der religiöse Faktor hat auf jeden Fall eine große Rolle bei der Entwicklung gespielt“, ist sich Alima sicher. „Oftmals sind die Leute gar nicht ins Krankenhaus gegangen, sondern haben sich zuhause nach traditionellen Methoden behandeln lassen.“ Hinzu sei dann noch gekommen, dass auf einer dagestanischen Beerdigung alle Verwandten des Toten laut Sitte anwesend sein müssen. „Die zweite Welle war dementsprechend um ein Vielfaches größer“, berichtet die junge Russin. In der Republik ist es alles andere als unüblich, dass sich auf Familienfeiern mehrere Hundert Gäste einfinden. Laut des Nachrichtenportals „Meduza“ feierten noch am selben Tag, als der erste offizielle Corona-Fall in Dagestan registriert wurde, zwischen 400 und 500 Menschen eine Hochzeit in Machatschkala. Ein Gast wurde unmittelbar danach positiv auf Covid-19 getestet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte zum Zeitpunkt der Fete von größeren Veranstaltungen bereits ausdrücklich abgeraten.

Dagestan ist plötzlich Teil der großen Politik

Am 1. April traten schließlich die Isolationsmaßnahmen in Kraft. „Es gab viele Verstöße gegen die Auflagen“, sagt Alima. Auch jetzt noch werde eher nachlässig kontrolliert. Laut der Isolationsregelungen ist das Verlassen der eigenen Wohnung nur erlaubt, um einzukaufen, den Müll rauszubringen oder das eigene Haustier im Umkreis von 100 Metern auszuführen. Größere Distanzen dürfen nur für medizinische Notfälle in angetreten werden. Mittlerweile hat Dagestans Gouverneur Wladimir Wassiljew außerdem eine Maskenpflicht eingeführt. Auf den Straßen kann man davon laut Alima davon nur wenig spüren: „Ich habe gesehen, dass wirklich viele Leute noch ohne Maske herumlaufen.“

Der Präsident schaltet sich ein: Wladimir Putin lässt sich via Videokonferenz über die Situation in Dagestan informieren. (Foto: Kremlin.ru)

Als sich Putin am vergangenen Montag der Lage in Dagestan höchstpersönlich widmete, hob er vor allem die Fahrlässigkeit innerhalb der Bevölkerung hervor. In einer Videokonferenz mit Regierungsvertretern der Republik kritisierte Putin verspätete Arztbesuche und unkonventionelle Behandlungsansätze. Experten zufolge seien dies die „Hauptgründe für die Entstehung schwerer Komplikationen“. Versäumnisse von Seiten der Politik wurden in dem Gespräch weitgehend außenvorgelassen. Dass es der Regierung gerade im dagestanischen Gesundheitssystem nicht gelungen ist, Grundvoraussetzungen für den Kampf gegen das Virus zu schaffen, ist allerdings offensichtlich.

Katastrophale Zustände in den Krankenhäusern

Die Auswirkungen hat Alima unmittelbar in der eigenen Familie zu spüren bekommen, als ihr Großonkel mit der ersten Welle an Covid-19 erkrankte. „Er hat zweimal den Notfalldienst angerufen. Der ist zweimal gekommen, hat seine Temperatur gesenkt und ist dann wieder gefahren“, so die Dagestanerin. „Letztlich ist mein Großonkel im Krankenhaus gestorben, weil man einfach nicht wusste, wie man diese Krankheit behandeln muss.“ Das Gesundheitswesen der Republik war den zusätzlichen Anforderungen durch die Pandemie nicht gewachsen. Es fehlte an Knowhow, Masken und Beatmungsmaschinen, aber auch an genügend medizinischen Einrichtungen im Allgemeinen.

„Meduza“ berichtet von Wartezeiten bis zu 24 Stunden nach einem Anruf beim Notfalldienst und von etlichen Toten unter dem Krankenhauspersonal. „Die Ärzte sagten uns: ‚Wenn ihr bereit seid zu sterben, kommt rein‘“, zitiert das Onlinemedium einen dagestanischen Mediziner, der in eine der Infektionskliniken beordert wurde. Mehr als 40 Ärzte sollen seit Ausbruch der Pandemie Gesundheitsminister ums Leben gekommen sein. Die Fachkräfte konnten sich selbst bei der Behandlung ihrer Patienten nicht schützen. Alima hat Bekannte, die ebenfalls im Krankenhaus arbeiten. Sie weiß, dass viele Ärztinnen und Ärzte Angst haben, über die schlechten Verhältnisse zu sprechen. Immer wieder erhalten sie anonyme Bedrohungen aus dem Internet.

Kritik aus der Prominenz und zweifelhafte Zahlen

Auch der bekannteste Sohn der Republik, Chabib Nurmagomedow, nutzte das Netz, um das dysfunktionale Gesundheitssystem der Republik anzuprangern. Der Vater des Mixed-Martial-Arts-Weltmeisters im Leichtgewicht ist zuletzt schwer erkrankt. Während der Behandlung in Dagestan verschlechterte sich sein Zustand laut Angaben Nurmagomedows stark. Auf Instagram bezeichnete der Star die aktuelle Situation als „jämmerlich“. Viele seine Verwandten seien bereits an dem Virus verstorben.

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Es gilt als ein offenes Geheimnis, dass die Todeszahlen in Dagestan deutlich höher sind als es die offizielle Statistik hergibt. Am Donnerstag stand die Republik insgesamt bei 3746 Infektionen und 41 Toten. Dass viele Fälle schlichtweg als normale Lungenentzündungen klassifiziert werden, geben selbst die Regierenden zu. Wassiljew erklärte zuletzt, dass die Summe der an Pneumonie Verstorbenen im Vergleich zum Vorjahr bedeutend gestiegen sei. „Nach muslimischem Glauben dürfen die Toten nicht obduziert werden. Auch deswegen wird vieles nicht erkannt“, meint Alima. Besonders für die ländlichen Teile der Republik sei es schwierig, verlässliche Zahlen zu erheben. Generell sei die medizinische Situation auf dem Land noch wesentlich schlimmer als in Machatschkala. „In vielen Siedlungen gibt es noch keine medizinischen Einrichtungen. Die Leute mussten außerhalb ihrer Städte untersucht und mit Medikamenten und Lebensmitteln versorgt werden. Aufgrund der Restriktionsauflagen gab es aber kaum ein Durchkommen“, sagt sie.

Mit sozialem Zusammenhalt gegen das Virus

Die enge soziale Vernetzung, die einerseits zur rasanten Ausbreitung des Coronavirus’ in Dagestan beigetragen hat, konnte an anderer Stelle Schlimmeres verhindern. Als klar wurde, woran es fehlt, begannen die Menschen damit, sich selbst zu organisieren. „Viele Freiwillige haben Aktionen gestartet, um großen Familien, Armen, Menschen mit Behinderungen und den Alten zu helfen“, berichtet Alima. „In privaten Ateliers hat man Schutzkleidung genäht, die später an Mitarbeiter medizinischer Einrichtungen übergeben wurden.“ Über die Initiativen kann sich die Dagestanerin freuen. Aber viel Hoffnung darauf, dass sich die Krise in absehbarer Zeit überwunden sein wird, hat sie nicht. Das Ende des Ramadans, einer der wichtigsten muslimischen Feiertage, steht kurz bevor.

Patrick Volknant

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