Ohne Rücksicht: Opfer des Moskauer Stadtumbaus

Russlands Hauptstadt putzt sich seit einigen Jahren heraus. Doch dem Bauboom fallen immer wieder liebgewonnene Gebäude zum Opfer, sehr zum Ärger der Einwohner. Die MDZ stellt Bauwerke vor, die 2018 aus dem Stadtbild verschwanden.

Moskau baut. Gefühlt sind rund um die Uhr an fast jeder Ecke Menschen damit beschäftigt, der russischen Hauptstadt ein neues Gesicht zu verleihen. Zumindest im Zentrum. Viele dieser Baustellen sind Teil eines Generalbebauungsplans, mit dem Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin seiner Stadt ein modernes Antlitz verleihen möchte. Doch bei aller Bewunderung, die das Stadtsanierungsprogramm durchaus auslöst, gibt es an Moskaus schnellem Ritt in die Moderne auch Kritik.

Denn den Visionen Sobjanins (und Interessen von Immobilienunternehmern) müssen immer wieder historische Gebäude weichen. Die Vereinigung „Archnadsor“, die sich für den Erhalt des architektonischen Erbes Moskaus einsetzt, hat errechnet, dass seit dem Amtsantritt Sobjanins 2010 über 160 historische Gebäude abgerissen wurden und mindestens 40 weitere bedroht sind. Auch im Jahr 2018 verschwanden aus dem Stadtbild Moskaus über ein Dutzend Bauwerke, darunter die folgenden:

Abriss

Die frühere Schokoladenfabrik in Samoskworetsche © zamoskvoreche.ru

Die Marat-Schokoladenfabrik

Kaum hatte das Jahr 2018 begonnen, wurde Moskau ein Stück seiner Architekturgeschichte genommen. In jenen Januartagen traf es das ehemalige Gelände einer Süßwarenfabrik im Viertel Samoskworetsche. Erbaut im Jahr 1909, gehörte das Ensemble zu Sowjetzeiten zur berühmten „Rotfront“-Fabrik.

Entstehen wird hier ein exklusives Wohnviertel. Noch 2016 versprach die Stadt Moskau, das Gebäude in den neuen Komplex einzufügen. Doch diese Worte erwiesen sich als leer. Nachdem der Bauherr zunächst noch die Fassade stehen ließ, fiel auch diese in einer nicht genehmigten Nacht-und-Nebel-Aktion der Bauwut zum Opfer. Die Schuldigen wurden nicht ausfindig gemacht.

Abriss

Das ehemalige Gebäude der „Literaturnaja Gaseta“ © Irina Posrednikowa

Das ehemalige Verlagsgebäude der „Literaturnaja Gaseta“


Als die Bagger am Morgen des 7. Dezember im Moskauer Stadtzentrum anrückten, war die Fassungslosigkeit nicht nur bei Architekten groß. Denn hier wurde gerade ein Haus mit bewegter Geschichte abgerissen. 1903 im Jugendstil errichtet, diente der Bau zunächst als Mietshaus. Als Moskau nach dem Zweiten Weltkrieg immer weiter wuchs, erhielt das Gebäude eine zusätzliche Etage im stalinistischen Stil. Diese habe sich „organisch“ eingefügt, heißt es von „Archnadsor“.

Bedeutung erlangte das gelbe Haus durch seine späteren Mieter. Denn 1980 quartierte sich das Organisationskomitee der Olympischen Spiele hier ein. Nach diesem historischen Ereignis übernahm die Redaktion der Kulturzeitung „Literaturnaja Gaseta“ das Haus und blieb dort bis 2007. Im Jahr 2011 gab es die ersten Abrisspläne, die Bürgermeister Sobjanin nach Bürgerprotesten jedoch stoppte. Nach mehreren teils dubiosen Besitzerwechseln erreichte der aktuelle Hausherr die Aufhebung des Abrissverbots und machte sich gleich an die Arbeit. Delikat an der Sache: Experten glauben, dass der Boden nicht stabil genug für die geplante Neubebauung ist.

Abriss

Die Bauruine im Moskauer Norden war schnell abgerissen © wikicommons

Das Krankenhaus von Chowrino

Eine Augenweide war das Krankenhaus im Moskauer Norden sicherlich nicht. 1980 begonnen, wurde der brutalistische Bau nie fertiggestellt. Und so hatte die riesige Ruine eher geringen Wert für das architektonische Ensemble Moskaus. Dafür wurde sie aber Teil der städtischen Kultur. Neben allerhand Kriminellen zog das Krankenhaus in erster Linie Urban Explorer aus aller Welt an – Menschen, die den städtischen Raum erkunden und sich für verlassene Orte (sogenannte Lost Places) interessieren. Es verwundert nicht, dass der düstere Charme des Krankenhauses Künstler inspirierte, die es zum Handlungsort von Horrorfilmen und postapokalyptischen Erzählungen machten. Am Ende nutzte alles nichts. Nach nur einem Monat Abriss war bereits Ende November von der Bauruine nichts mehr zu sehen.

Daniel Säwert

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