Moskaus goldenes Zeitalter: eine Ausstellung zur hiesigen Textilindustrie

Vom Jugendstil über Propagandamotive zum Minimalismus der sowjetischen Avantgarde. Das Museum Moskaus lädt zu einer Reise in die Blütezeit der russischen Textilindustrie ein. Und gibt dabei den vielen Frauen hinter den Stoffen ein Gesicht.

Hauptsächlich Frauen arbeiteten in der Moskauer Textilproduktion. © Leonie Rohner

Es war eines der erfolgreichsten Kapitel in der Industriegeschichte Moskaus. Die Backsteinhäuser am Ufer der Moskwa zeugen noch heute von Moskaus Stellung als Hauptstadt der russischen Textilindustrie. Dieses Kapitel ging mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu Ende. Fast alle Fabriken stellten ihre Arbeit ein, weil sie dem internationalen Wettbewerb nicht standhielten.

In der Ausstellung „Tkani Moskwy“ („Moskauer Stoffe“) präsentiert das Museum Moskaus nun zum ersten Mal eine riesige Sammlung an Skizzen, Stoffproben, Maschinen und Fotografien aus unterschiedlichen Epochen. Die Ausstellung will vor allem zeigen: Textilien sind nicht nur Gebrauchsware, sondern auch Kunst.

Die Skizzen der Designerinnen wirken denn auch eher wie Kunstwerke, die Stoffproben sind elegant über einen 20 Meter langen Ausstellungstisch gespannt, der dadurch einer Spinnmaschine ähnelt. Die Vielfalt der Muster beeindruckt: geometrisch angeordnete Insekten, Zeppeline, dampfende Lokomotiven oder der rote Stern vor einem Weizenbündel. Und natürlich die üppigen Blumenmuster des Jugendstils, der von Westeuropa nach Russland gelangte und dort die Anfänge des Textildesigns prägte.

Hunderte Alben mit eingeklebten Stoffmustern importierte Moskau damals aus Frankreich. Die Muster wurden danach in den Fabriken auf Chintz, Seide, Satin oder Wolle gedruckt. Fotografien und Filme führen vor Augen, wie der Prozess ablief. Und: dass er hauptsächlich von Frauen getragen wurde. Sie fertigten die Entwürfe an, leiteten die Fabriken, standen an den Spinnmaschinen und verkauften die Stoffe auf den Märkten.

Klare Muster, geometrische Formen

Sie waren es auch, die das russische Textildesign revolutionierten. Hatte sich Moskau in der vorrevolutionären Zeit an Mustern aus Westeuropa orientiert, begann sich in den 20er Jahren das heimische Design zu entwickeln. An den WChUTEMAS, den Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten Moskaus, wurde eine neue Generation von Textildesignerinnen ausgebildet, die das Dekorative des Jugendstils überwinden sollte. Die Devise: klare Muster, geometrische Formen, keine Verzierungen.

Die Ausstellung rekonstruiert die Arbeitsplätze – samt Schreibtischen und Notizbüchern – dreier Lehrerinnen der avantgardistischen Schule: Ljudmila Majakowskaja, Warwara Stepanowa und Ljubow Popowa. Dadurch, und durch zwölf Mikroausstellungen zu den Entwürfen und Lebensläufen wichtiger Designerinnen, ist ein großer Teil der Ausstellung den Frauen gewidmet, die im 20. Jahrhundert die Ästhetik der Moskauer Textilien geprägt haben. „Tkani Moskwy“ ist noch bis am 15. Dezember im Museum Moskaus, direkt gegenüber der Metrostation Park Kultury, zu sehen.

Leonie Rohner

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