Martin Hoffmann über deutsch-russische kommunale Partnerschaften

Vom 28. bis zum 30. Juni findet in Kaluga die XVI. Deutsch-Russische Städtepartnerkonferenz statt. Im MDZ-Interview spricht Martin Hoffmann, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums und einer der Organisatoren der Konferenz, über die binationale Zusammenarbeit in Zeiten von Pandemie und politischen Spannungen sowie seine Erwartungen an die Konferenz.

Martin Hoffmann engagiert sich seit 30 Jahren für die deutsch-russische Zusammenarbeit. (Foto: Deutsch-Russisches Forum/ KD Busch)

Herr Hoffmann, die Städtepart­nerkonferenz in Kaluga steht kurz bevor. Nach einer langen Pause treffen sich deutsche und rus­sische Partner endlich wieder persönlich. Wie aufgeregt sind Sie?

Ich selbst arbeite seit 30 Jahren in dem Bereich der städtepartnerschaftlichen Zusammenarbeit. Selten bin ich so aufgeregt gewesen, auch in dem Bewusstsein, nach Kaluga zu einer Schlüsselveranstaltung der deutsch-rus­sischen Beziehungen zu fahren. Die Organisatoren sind erwartungsvoll und positiv, spüren aber auch den Druck. Alle Beteiligten arbeiten seit Monaten auf Hochtouren daran, dass diese erste Veranstaltung des deutsch-russischen Bürgerdialogs in der Region Kaluga erfolgreich wird.

Warum ist die Städtepartnerkonferenz für Sie eine Schlüsselveranstaltung?

Es ist eine der ersten großen Präsenzveranstaltungen nach den Einschränkungen der Pandemie. Es kann wieder stattfinden, was das Salz der deutsch-russischen Zusammenarbeit ist: die persönliche Begegnung, der persönliche Kontakt, der persönliche Austausch. Das allein wäre schon ein ganz wichtiger Auftakt. Aber wir haben auch politisch gesehen eine dramatische und schwierige Situation des Vertrauensverlustes. Gerade wurden drei Organisationen als unerwünscht erklärt. Das ist für die Zusammenarbeit ein schwerer Rückschlag.

Die Städtepartnerkonferenz wird ein Schlüssel sein müssen, um zu zeigen, dass diese Entscheidung dem Dialog schadet und auch ein ganz falsches Bild vom zivilgesellschaft­lichen Austausch mit Russland zeichnet. Der Bürgerdialog ist modern, aufgeschlossen und er ist von beiden Seiten sehr gewünscht. Deshalb ist die Veranstaltung in Kaluga so wichtig und ich bin mir sicher, dass Deutsche und Russen aus vielen Bereichen mit großen Erwartungen und Hoffnungen auf diese Veranstaltung blicken werden.

Das bedeutet, dass die Stimmung unter den Partnern trotz Pandemie und Politik optimistisch ist?

Ja, sie ist, präziser gesagt, geprägt von großem Tatendrang. Die Partner sind in ihrer jahrelangen Arbeit gewöhnt, dass es politisch lange nicht so gut läuft, wie im kommunalen und zivilgesellschaftlichen Dialog. Seit Jahren gibt es politische Meinungsverschiedenheiten. Die haben jetzt die zivilgesellschaftliche Komponente erreicht. Aber: Die Menschen, die in diesen Organisationen arbeiten, wissen, worauf sie sich stützen können und sie werden deshalb auch mit großem Vertrauen daran weiterarbeiten, dass diese Grundlage in der Zusammenarbeit weiter bestehen wird.

Die Pandemie ist leider noch nicht vorbei. Gab es wegen der Situation Absagen?

Die Städtediplomatie ist im Aufwind. Die Konferenz in Düren vor zwei Jahren war ein voller Erfolg und natürlich hätten wir gerne wieder bis zu 900 Teilnehmer. Das geht allein wegen der Vorgaben nicht. Es gibt Absagen. Aber wir planen, mit über 150 deutschen Teilnehmern nach Kaluga zu fahren. Das ist ein bemerkenswerter Erfolg. Und es zeigt erneut, wie sehr die Gesellschaften darauf warten, sich in Austausch und Zusammenarbeit zu beweisen.

Was hat sich seit der letzten Konferenz in Düren 2019 getan?

Als Organisator arbeitet das Deutsch-Russische Forum gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften und der Stiftung West-Östliche Begegnungen an guten Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Projektarbeit der einzelnen Mittler in den Regionen.

Wir wissen aber, dass es im vergangenen Jahr ganz vielfältige Formen der Online-Zusammenarbeit gab. Konzerte, einen Online-Fotowettbewerb Nischnij Nowgorod-Essen oder etwa Ärztetreffen zwischen Mytischtschi und Düren. Man kann unendlich viele weitere Projekte aufzählen. Entscheidend aber ist, dass in einer Zeit, in der es so viele Hindernisse gibt, im Bürgerdialog immer wieder innovative Felder erschlossen werden. Und dass diese innovativen Felder vor Ort, in der jeweiligen Stadt, entwickelt werden.

Die gesamte Agenda der Zusammenarbeit entwickelt sich dynamisch. Wir haben im Bürgerdialog eine hochmoderne Agenda. Klimapolitik, Müllverbrennung, Inklusion, kommunale Selbstverwaltung sind nur einige Arbeitsfelder, die hier zu nennen sind. Es geht darum, dass sich der kommunale Dialog auch in den Bereichen der Dienstleistungen und der kommunalen Selbstverwaltung ständig entwickelt und optimiert. Hier findet man das gesamte Spektrum aktueller Fragen und Problemstellungen. Der entscheidende Punkt ist: Städtepartnerschaftliche Zusammenarbeit und kommunaler Dialog sind zu Impulsgebern und Motoren gesellschaftlicher Zusammenarbeit und Modernisierung geworden.

Übrigens wissen wir aus den bundesdeutschen Erfahrungen, wie sehr sich bürgerschaftliches und politisches Engagement gerade im kommunalen Raum entwickelt. All das soll bei der Konferenz in Kaluga in konkreten Beispielen präsentiert werden.

Sie haben Fragen angesprochen. Wurden auch schon Antworten gefunden?

Die Antworten sieht man auf Schritt und Tritt. Schaut man sich beispielsweise die Entwicklungen in den russischen Städten und Gemeinden an, so erkennt man dynamische Entwicklungen, seien es Radwege, Parks, Freizeitgestaltung oder die Interaktion der Zivilgesellschaften. Das Deutsch-Russische Forum ist bestrebt, einen strukturellen Zug zu geben, damit die Menschen vor Ort sich einsetzen und auch gegenseitig bereichern. Das ist die Stärke von Städtepartnerschaften. Daran sieht man, wie wichtig es ist, dass wir über all die Jahre die Kommunikation nicht nur nicht abgebrochen, sondern sie immer weiter verstärkt haben. Und sie ist politisch wichtig geworden. Das ist auch der Grund, warum in den letzten Jahren Außenminister und Botschafter bei den Konferenzen eine so wichtige Rolle spielen. Hier wird der erfolgreiche Kontakt zwischen Gesellschaft und Politik wieder eingeführt.

Die Konferenz findet im Rahmen des Deutschlandjahres statt. Wie verordnet sich die Konferenz im Themenjahr und welche Aktivitäten plant das Deutsch-Russische Forum noch?

Das Deutschlandjahr spielt für uns eine wichtige Rolle. Weil auch präsentiert werden soll, welche Bedeutung gesellschaftlicher Dialog, kultureller Austausch und wissenschaftlicher Austausch haben. Das Deutsch-Russische Forum ist auch im parallel stattfindenden Jahr der Nachhaltigkeit und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit involviert. Wir veranstalten einen Science Slam und im Oktober eine Alumni-Veranstaltung in Jekaterinburg, bei der über 500 Teilnehmer über gesellschaftliche Themen sprechen werden. Wir bauen auf die junge Generation und deren Netzwerk. Deswegen ist das Deutschlandjahr so wichtig. Denn es zeigt, dass es bei allen Problemen keine Alternative zum gesellschaftlichen Austausch gibt.

Das heißt, Ihre Arbeit konzentriert sich ganz auf die junge Generation?

Auf die junge Generation und auf die vielfältigen qualifizierten Netzwerke der deutsch-russischen Zusammenarbeit. Man muss aber für die junge Generation attraktiv sein. Die jungen Eliten werden den Dialog der Zukunft prägen. Auf der Konferenz können wir zeigen, dass Russlands Jugend extrem viel zu bieten hat, was Kreativität, Offenheit und Qualifikation angeht.

Gleichzeitig erinnert die Konferenz auch an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Ist der Blick in die Vergangenheit auch ein wichtiger Schritt für die Zukunft?

Die besondere Verantwortung, die die deutsche Gesellschaft trägt, geht in besonderer Weise auch auf die leidvolle Vergangenheit zurück. Dass wir diese Erfahrung des Leids in eine Quelle der Zusammenarbeit verwandeln konnten, war und ist ein wichtiger Schritt für ganz Europa. Wenn das kein Thema für unsere gemeinsame europäische Zukunft mit Russland zusammen ist, dann weiß ich auch nicht.

Welche Erwartungen und Hoffnungen haben Sie an die Konferenz in Kaluga?

Ich hoffe, dass wir mit der Konferenz ein positives Beispiel gesellschaftlichen Miteinanders geben können. Wir wollen zeigen, wie wichtig Bürgerdialog ist, auch und gerade, wenn er offen und bisweilen kritisch geführt wird. Vor allem aber möchten wir zeigen, wie wichtig es für den Erfolg der Arbeit ist, konstruktiv miteinander umzugehen und gemeinsame Wege zu suchen. Darin liegt die Stärke der deutsch-russischen Beziehungen. In den vergangenen Monaten ist die Belastung größer geworden und ich hoffe, dass unsere Konferenz dazu beitragen kann, einen kleinen, aber doch deutlichen Beitrag zu leisten, dass hier wieder eine positive Dynamik der Zusammenarbeit entstehen kann. In den letzten 20 Jahren war der mannigfaltige und kreative zivilgesellschaftliche Dialog unglaublich erfolgreich. Diese Erfolgsstory ist bemerkenswert, auch wenn man meist einzig an die Erfolge der wirtschaftlichen Kooperation denkt. Nur ein kluger und offener Dialog wird zur Überwindung der momentan so ernsten Herausforderungen betragen können!

Die Fragen stellte Daniel Säwert.

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