Als Deutsche in Stalins Russland

Die Deportation der Wolgadeutschen vor 80 Jahren erlebte sie als 16-Jährige mit: Heute ist Margarete Schulmeister aus St. Petersburg 96 Jahre alt und blickt im Gespräch mit MDZ-Redakteur Tino Künzel auf Not, Leid und Entbehrungen zurück, aber auch auf Menschen, denen sie bis heute dankbar ist. Diese Veröffentlichung ist die Fortsetzung eines Beitrags, der unter dem Titel „Frau Schulmeisters große Reise durch das 20. Jahrhundert“ erschien.

Margarete Schulmeister vor wenigen Wochen bei der Präsentation ihres Buches „20. Jahrhundert. Mein langer Weg“ in St. Petersburg (Foto: Deutsch-Russisches Begegnungszentrum)

Nordkasachstan, das bedeutete Steppe, so weit das Auge reicht. Der Winter dauerte von September bis Mai. Halb im Scherz, halb im Ernst sagte man dort: „Im Juni ist noch kein Sommer und im Juli ist kein Sommer mehr.“ Eine Schulfreundin von mir ist am 5. Mai erfroren, solche Fröste herrschten in dieser Gegend. Und erst der Buran! Wissen Sie, was das ist? Ein Schneesturm, der über die Steppe fegt und alles unter sich begräbt. Wer sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen kann, der ist verloren. Wenn der Buran vorbei war und die Sonne rauskam, dann sah man hier ein Häufchen, da ein Häufchen. Das waren die erfrorenen Kinder.

Wir wurden also mit der letzten Fuhre vom Zug, den wir an der Wolga bestiegen hatten, in der Siedlung Nummer zwölf abgeladen; meine Mama und ich, die gelähmte Alte im Rollstuhl, eine Frau, die ständig weinte und schrie, sie sei gar keine Deutsche, sondern eine Lettin, und, wenn ich mich recht entsinne, eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Der Ort hieß Tschkalowo, aber das war kein gewöhnliches Dorf. Es bestand aus 13 Siedlungen, die man gebaut hatte, um Menschen aus anderen Teilen der Sowjetunion dorthin umzusiedeln. In unserer Siedlung gab es fünf oder sechs Reihen mit jeweils ungefähr zehn Häusern vom selben Muster. Diese niedrigen Lehmhütten hatten auf beiden Stirnseiten einen Eingang und waren für zwei Familien bestimmt.

Der erste Teil der Erzählung von Margarete Schulmeister in der MDZ

Die anderen Deutschen

In Tschkalowo nahm uns niemand in Empfang. Es gab keine Versammlung, Einweisung oder so. Du fragst immer, was man uns gesagt hat, wie es nun mit uns weitergeht. Nichts hat man uns gesagt, niemals! Wir waren wie Luft. Also habe ich an eine Tür geklopft und der Frau, die öffnete, erklärt, wer wir sind. Da stellte sich heraus: Das waren auch Deutsche, allerdings aus Wolhynien an der westlichen Grenze der Sowjetunion. Sie lebten schon seit fünf Jahren in dieser Siedlung. (Anm. d. Red.: 1936 hatte die Sowjetführung 15.000 polnisch- und deutschstämmige Familien als „politisch unzuverlässiges Element“ von der Westgrenze ins Landesinnere deportieren lassen.) Im Gegensatz zu uns hatten sie allerdings ihr Hab und Gut mitnehmen können, die Transporte waren nicht so überstürzt organisiert worden wie bei uns. Trotzdem waren die Leute sehr arm. Viele Kinder konnten im Winter nicht zur Schule gehen, weil sie keine warmen Sachen hatten.

Die Menschen arbeiteten im Kolchos. Dafür bekamen sie gerade genug zu essen, um nicht zu verhungern. Jeder hatte auch einen kleinen Gemüsegarten, in dem aber nur Kartoffeln angepflanzt wurden. Außerdem fehlten jegliche Bäume oder Sträucher. Nichts sollte die freie Sicht beeinträchtigen, so dass die Bewohner leichter zu kontrollieren waren.

Wir brauchten nun als Erstes ein Dach über dem Kopf. Die Frau hat uns in ihr Stübchen geführt, wo sie mit ihrem Mann und drei Kindern wohnte. Es war vielleicht 13 oder 15 Quadratmeter groß und der einzige Raum überhaupt. Wir konnten bei ihnen bleiben, in einer Ecke hinter dem Herd. Aber wo sollten wir etwas zum Essen hernehmen? Im Kolchos arbeiten konnten wir nicht – ich war noch im schulpflichtigen Alter und meine Mama zu krank. So oder so brauchten wir unbedingt eine Brotkarte, denn Brot wurde zugeteilt, man konnte es nicht einmal für Geld kaufen.

„Dich muss der Hitler durchfüttern“

Das Sagen in der Siedlung hatte ein junger, gut angezogener Kasache. Er hat mich angehört und mit dem Finger auf mich gezeigt: „Dich muss der Hitler durchfüttern. Wir haben für dich kein Brot.“ Ein Jahr mussten wir Hunger leiden, furchtbar. Alles, was wir irgendwie entbehren konnten, wurde gegen Nahrungsmittel eingetauscht, gegen einen Eimer Kartoffeln oder Getreide. Wie wir uns durchgeschlagen haben, ist mir bis heute ein Rätsel.

Ich hätte in die neunte Klasse gehen müssen, aber in der Schule gab es nur vier oder fünf Klassen. Deshalb habe ich vor allem geholfen, Beeren zu sammeln. Und Brennmaterial. Wir hatten ja weder Kohle noch Holz. Es wurde Stroh verfeuert. In der Steppe treibt der Wind Knäuel aus vertrockneten Pflanzen vor sich her. Manchmal konnte man auch Ähren finden. Und wenn ich ein Bündel Gras und ein Sträußchen Ähren nach Hause brachte, das war schon was. Die Getreidekörner wurden dann gemahlen und daraus hat Mama am Abend Grütze zubereitet.

Die Deutschen aus Wolhynien waren Bauern, aber wir haben in unserem Ort auch mit Menschen aus ganz anderen Kreisen zusammengelebt: Lehrerinnen, Ärztinnen, Krankenschwestern. Das waren die Frauen der polnischen Offiziere, die man in der Sowjetunion umgebracht hatte. (Anm. d. Red.: Im Frühjahr 1940 wurden fast 22.000 polnische Kriegsgefangene – überwiegend Offiziere – erschossen, mehr als 4000 davon im Wald von Katyn bei Smolensk.) Aber zu dieser Zeit, im Herbst 1941, wussten die Frauen noch nicht, dass sie Witwen waren. Die haben gesagt: Unsere Männer sind im Lager und uns hat man hierher verfrachtet. Die sowjetische Seite hat ihre Verantwortung für diesen Massenmord 50 Jahre lang bestritten und sich erst 1990 dazu bekannt.

Zum Holzfällen in den Norden

Und dann kam die Trudarmee. Das war ein neues Wort für uns. Die Deutschen hat man nicht in die Rote Armee eingezogen, sondern zur Zwangsarbeit im Lager verpflichtet, in der sogenannten Arbeits- oder Trudarmee. Zuerst die Männer, so ab 15 oder 16 Jahren und bis 50 oder 55  Jahre. Und etwas später waren auch wir Frauen an der Reihe.

Das Ehepaar, das uns aufgenommen hatte, musste ebenfalls in die Trudarmee, genauso wie ihre beiden älteren Kinder. Der kleine Wolfi, wie wir ihn genannt haben, Wolfgang, mit seinen fünf oder sechs Jahren blieb allein zurück. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Oft sind solche Kinder einfach erfroren oder verhungert.

Wurde uns gesagt, ihr müsst jetzt in die Trudarmee? Hat man das ausgesprochen? Nein, uns wurde ja nie etwas gesagt. Es kam der Tag, da hieß es: für zwei Wochen Essen mitnehmen. Mehr erfuhren wir nicht. Es ging wieder 60 Kilometer zur nächstgelegenen Bahnstation Tajntscha und auf einen Transport in Viehwaggons. Wohin? Wir wussten es nicht.

Aber ich hatte in der Schule gelernt, mich zu orientieren. Mir war schnell klar, dass wir nach Norden fuhren. Nach ein paar Tagen fingen die Wälder an. Und nach zwei oder drei Wochen endete unsere Fahrt an einer Station namens Ussolje, das ist in der Region Perm, wie ich später erfahren habe. Von dort waren wir noch lange zu Fuß durch den Schnee unterwegs, ich in meinen Stadtschuhen, andere in Holzpantinen. Schließlich erreichten wir eine zugige Baracke. Das sollte unsere Unterkunft werden vom Herbst 1942 bis zum Frühjahr 1943.

Am nächsten Morgen hat um fünf Uhr eine Glocke geläutet und es ging in den Wald zur Arbeit. Wir mussten Bäume fällen. Ausgewachsene Bäume, deren Stämme so dick waren, dass wir sie zu zweit mit unseren Armen nicht umspannen konnten. Und die sollten wir Frauen mit einer Handsäge zu Fall bringen. Dafür haben wir manchmal tagelang gebraucht.

Die Suppe keine Suppe, das Brot kein Brot

Gearbeitet wurde von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends, mit 30 Minuten Mittagspause dazwischen, in der wir unser Essen bekamen: eine Schüssel „Suppe“, die aus schmutzigem, salzigem Wasser mit Fischgräten, Erbsenhülsen und dergleichen bestand, und unsere Brotration. Aber als Brot konnte man das eigentlich nicht bezeichnen. Da war von Stroh bis zu Kartoffelschalen alles Mögliche drin. Am Abend gab es noch einen Suppenlöffel Kascha.

Nach zwei, drei Monaten starben die ersten Männer in ihren Brigaden. Sie hatten eine tägliche Norm zu erfüllen. Wer das nicht schaffte, dem wurde die Brotration gekürzt. Damit wurde er noch schwächer und hat noch weniger leisten können. Und so ging es selbst mit ursprünglich starken und gesunden Menschen schnell bergab.

Wir Frauen hatten keine Norm. Bei allem Jammer und aller Qual haben die Verantwortlichen begriffen, dass das sinnlos ist. Wir waren auch so am Rande unserer Kräfte. Immer wieder gab es auch Unfälle. Professionelle Holzfäller wissen, wohin ein Baum fällt. Wir wussten das nicht, deshalb ist mancher Baum in unsere Richtung umgestürzt.

Was hatte das alles eigentlich überhaupt für einen Sinn? Mein Sohn hat mir einmal auf seinem Telefon gezeigt, was wir da gebaut haben. Das kannst du mal im Internet nachschlagen, denn es ist weltberühmt: das Titan- und Magnesiumkombinat in Beresniki (größter Titanproduzent der Welt – d. Red.). Ein ungeheurer Betrieb von der Größe eines Städtchens. Und dafür habe ich mit meinen Händchen den Boden bereitet. Technik gab es zu unserer Zeit auf der Baustelle so gut wie keine.

Das Gespenst

Irgendwann wurden wir näher an unsere Arbeitsstelle verlegt. Wir wohnten nun in Erdhütten: 140 Personen in einem Raum, tief unter der Erde. Im Herbst 1943 machte das Gerücht die Runde, die Allerschwächsten, die sowieso zu nichts mehr zu gebrauchen waren, würden in die Siedlungen zurückgeschickt, in die man sie deportiert hatte. Ich gehörte auch zu denen, die zwar jeden Tag mit zur Arbeit mussten, damit die Brigade vollzählig war, aber schon nicht mehr arbeiten konnten. Selbst wenn man uns mit Erschießen gedroht hätte – es ging einfach nicht. Wir waren nur noch eine Karikatur unserer selbst.

Und tatsächlich, im Frühjahr 1944 hat man uns entlassen. Wir bekamen ein Papier mit Stempel, das anstelle einer Fahrkarte zur Fahrt mit der Eisenbahn berechtigte. Nur waren es keine Personenzüge, sondern Güter- und Militärzüge, mit denen wir immer wieder einen Teil der Strecke zurücklegten. Unterwegs mussten wir vier- oder fünfmal umsteigen und uns an den Stationen vom Kommandanten bestätigen lassen, dass wir dort waren. Als ich am 4. April 1944 nach anderthalb Jahren wieder bei meiner Mutter anlangte, war ich mehr tot als lebendig. Ein Gespenst.

Mit ihrem Buch, das zunächst auf Russisch erschien, aber auch auf Deutsch verlegt wird: Margarete Schulmeister in den Räumen des Deutsch-Russischen Begegnungszentrums in St. Petersburg, wo das Gespräch mit der MDZ stattfand (Foto: Tino Künzel)

Mama hat mir am nächsten Tag von Neuankömmlingen in unserer Siedlung erzählt. „Weißt du, Kind“, sagte sie, „hier sind noch viele andere Verbannte eingetroffen. Aus dem Kaukasus. Tschetschenen und Inguschen.“ Sie lebten unter denselben Bedingungen wie wir. Unser Verhältnis war wunderbar.

Wie meine Mama die Zeit überlebt hatte, die ich in der Trudarmee gewesen war, ist eine Geschichte für sich. Betteln konnte sie nicht. Es waren ja alle bettelarm. Und als Frau eines Professors kam das auch nicht in Frage. Es waren die Briefe, die sie gerettet haben. Sämtliche Korrespondenz musste zu dieser Zeit in Russisch sein, damit sie von der Zensur gelesen werden konnte. War ein Brief auf Deutsch geschrieben, landete er sofort im Papierkorb. Die deutschen Bauern vom Lande konnten aber längst nicht alle Russisch. Und wenn dann ein Brief vom Mann aus der Trudarmee kam, dann wusste die Frau nicht, was da geschrieben stand. Also rief man meine Mutter, die doch das Gymnasium abgeschlossen hatte, was eine ausgezeichnete Bildung war, und bat sie, den Brief vorzulesen. Sie übersetzte und las und weinte mit den Leuten. Und es wurde ein Antwortbrief aufgesetzt. Dafür gab es dann ein Ei. Oder ein paar Kartoffeln aus dem Gemüsegarten. Oder eine Tasse Milch. Und so ist sie in diesen schlimmen Zeiten nicht hungers gestorben.

Und plötzlich Lehrerin

Ich kam aus einer Familie, wo es undenkbar war, dass ein Kind nicht lernt und studiert. Deshalb stellte sich nun die große Frage: Wie geht es mit der Schule weiter? Mama sagte, da gebe es jetzt einen neuen Direktor, der mit einer Verwundung von der Front hierher versetzt worden sei, um sich zu erholen. Ein Jude, Liwschiz sei sein Name.

Meine früheren Mitschüler aus Saratow waren zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Schule fertig. Auch ich wollte sie nun so schnell wie möglich abschließen. Als wir noch in Saratow lebten, hatten die Lehrbücher meiner Schwester Ilse, die mir drei Schuljahre voraus war, immer zu meiner Lektüre in den Sommerferien gehört. Und auch mit den Lehrbüchern für die neunte und zehnte Klasse hatte ich mich inzwischen schon ausgiebig beschäftigt. Als ich Oschar Abramowitsch Liwschiz aufsuchte, da hat er mir ein paar Aufgaben aus Mathematik, Physik und Literatur gestellt. Dann wurde noch ein Lehrer hinzugeholt, Grigorij Semjonowitsch Kogan, ein hoch aufgeschossener, magerer Mathematiker, lustig und munter. Die beiden haben gesehen, dass ich die Aufgaben lösen kann, haben sich beraten und mir die Möglichkeit gegeben, den Schulabschluss zu machen. Aber das war noch nicht alles: Liwschiz hat mich mit meinen 18 Jahren auch gleich als Lehrerin eingestellt. „Ich habe niemanden, der die zweite Klasse unterrichtet, ich nehme dich.“

Zum Studium in die Stadt der Aprikosen

Bald war auch der Krieg aus und wir haben gedacht: Gleich morgen kommen wir nach Hause. Ich verdiente an der Dorfschule mein eigenes Geld und hätte dort bleiben können, aber ich wollte doch studieren. Die Fuhrmänner brachten von der Bahnstation die Nachricht mit: Dort sind die Fahrkarten mittlerweile frei erhältlich, man kann einfach an die Kasse gehen und sich eine kaufen. So bin ich zur Ilse gefahren, man schrieb da bereits den Sommer 1947. Meine Schwester hatte die Theaterschule in Moskau beendet und war schon zwei Jahre Schauspielerin am Theater von Taganrog am Asowschen Meer.

Taganrog ist eine gemütliche kleine Stadt, an drei Seiten vom Meer umgeben. Im Unterschied zum nahen, großen Rostow am Don, das im Krieg fast dem Erdboden gleichgemacht worden war, hatte es dort kaum größere Zerstörungen gegeben. Die Straßen waren gesäumt von Aprikosenbäumen und gelb vor Aprikosen, die auf dem Boden lagen und die man einfach auflesen konnte. Die Leute freuten sich, dass es nach Krieg und deutscher Besatzung wieder ein Theater gab, dass sie ausgehen konnten. Meine Schwester war eine bekannte Person in diesem Städtchen, eine sehr gute und angesehene Schauspielerin. Sie begleitete mich überall hin, um mir zu helfen. Eine Straßen­bahn gab es nicht und auch fast keine Autos, also ging man zu Fuß.

Am 30. August 1947 saßen wir beim Rektor des Instituts für Lehrerbildung, Alexander Iwanowitsch Moschajew. Auch wieder eine ganz wunderbare Begegnung. Am Institut studierte man zwei Jahre. Warum zwei und nicht fünf, wie ein Pädagogikstudium normalerweise dauerte? Nach dem Krieg herrschte akuter Lehrermangel. Deshalb wurde die Ausbildung abgekürzt. Mit dem Abschluss konnte man nur bis zur achten Klassen unterrichten, nicht bis zur zehnten. Aber in vielen kleineren Orten gab es ohnehin keine neunten und zehnten Klassen.

Der Rektor sagte, die Immatrikulation sei eigentlich schon abgeschlossen. Aber ich solle ihm doch mal mein Schulzeugnis zeigen. Da waren nur Fünfen! (Anm. d. Red.: Das russische Notensystem ist gegenüber dem deutschen spiegelverkehrt.) Oh, rief er, dann wollen wir mal schauen, was sich machen lässt. An der Fakultät für Physik und Mathematik hätten sie immer zu wenige Studenten, dort könnten sie mich noch aufnehmen. So habe ich zu studieren angefangen und wegen meiner guten Noten sogar ein erhöhtes Stipendium bekommen.

Ein Talent für Zahlen

Mathematik – das traf sich gut. Ich hatte schon als Kind immer das Bedürfnis gehabt, alles zu zählen. Zum Beispiel die Beine aller Personen in einem Zimmer, damit habe ich mir die Zeit vertrieben. Musik und Mathematik, das muss einem in die Wiege gelegt sein, ohne Begabung wird das nichts. Ich hatte auch immer ein besonderes Zahlengedächtnis. Ich kann mich noch heute an alle Geburtstage meiner längst verstorbenen Onkel und Tanten erinnern. Aber in der ersten oder zweiten Klasse ein Gedicht von vier Zeilen auswendig zu lernen, das fiel mir schwer. Bei meiner Schwester verhielt es sich genau umgekehrt.

Wir waren glücklich in Taganrog. Nun sollte auch Mama nachkommen, die hatte ich ja in der kasachischen Steppe zurückgelassen. Wir schickten ihr Geld und eines Tages war sie da. Wie sie in ihrem Zustand die Strapazen bewältigt hat, weiß der Himmel.

Nach zwei Jahren Studium stand mir im Frühjahr 1949 das Staatsexamen bevor. Ich hatte mir sogar schon meine spätere Arbeitsstelle aussuchen können. Aber am 23. Mai klingelte es abends bei uns an der Tür. Zwei Milizionäre und ein Beamter in Zivil haben mich festgenommen. Meine Schwester ist vor Schreck umgefallen. Was war passiert? Im November 1948 hatte die Regierung einen Beschluss gefasst, nach dem das unerlaubte Entfernen vom Verbannungsort nun mit 20 Jahren Arbeitslager bestraft wurde. Man uns die „Flucht“ aus Kasachstan zur Last gelegt. Mir war seit der Deportation von der Wolga 1941 schon so viel Unglaubliches widerfahren, dass mich damals eigentlich nichts mehr erschüttern konnte. Dennoch brach für mich jetzt eine Welt zusammen. Sollte ich wirklich so kurz vor dem Ziel um den Lohn aller Anstrengungen gebracht werden und ohne Diplom bleiben? Mit Hochschulabschluss, dachte ich mir, wäre mir vor nichts bange. Dann könnten sie mich auch zum Nord- oder Südpol, in die Wüste oder den Urwald schicken.

Meine Schwester und ihr Mann haben sofort damit begonnen, sich bei den zuständigen Stellen für mich einzusetzen. Am 27. Juni wurde ich unter Auflagen freigelassen. Da waren die Prüfungen längst vorbei, aber der Rektor hat dafür gesorgt, dass ich sie alle an einem Tag ablegen konnte. Während ich im Untersuchungsgefängnis war, hatte er meiner Schwester sogar mein Stipendium zukommen lassen. Was soll man sagen? Ein feiner Mensch!

Wieder nach Osten

Die drei fehlenden Studienjahre zu einem „richtigen“ Pädagogikstudium habe ich später im Fernstudium an der Pädagogischen Hochschule von Tscheljabinsk nachgeholt. Jetzt war erst einmal der Abschlussball in Taganrog angesagt. Meine Schwester hat mir ihr schönstes Kleid geborgt. Wir haben getanzt und uns des Lebens gefreut. Kurze Zeit später wurden meine Mutter und ich abgeholt und ins Untersuchungsgefängnis nach Rostow am Don gebracht. So fing das nächste Kapitel an – der lange, lange Weg zurück nach Kasach­stan, nach Koktschetaw. Ein Gefangenentransport, wie ihn schon Lew Tolstoi in seinem Roman „Auferstehung“ beschrieben hat, nur auf Rädern.

Dieser Weg wurde in Etappen zurückgelegt, deshalb sprach man von „Etappierung“. Man fuhr in einem speziellen Waggon für Häftlinge, der meist an einen gewöhnlichen Personenzug angehängt wurde, ohne dass dessen Passagiere davon etwas ahnten, bis in eine größere Stadt. Dort wartete man dann im Gefängnis mehrere Wochen auf den nächsten Transport. Solche Etappierungsorte waren für uns unter anderem Stalingrad und Saratow. Oder auch Sol-Ilezk bei Orenburg im Ural. Ein schreckliches Gefängnis. Das hatte noch Katharina die Große nach dem Pugatschow-Bauernaufstand bauen lassen. Unterirdisch war es so groß wie überirdisch und akustisch so konstruiert, dass es alle hörten, wenn in einer Zelle jemand weinte, jammerte oder stöhnte. Man kam nie zur Ruhe.

Wir waren monatelang unterwegs. Und hatten dabei nur unsere Sommerbekleidung aus Rostow auf dem Leib. Alle paar Wochen wurden unsere Sachen desinfiziert, denn man hatte Angst vor Seuchen. Aber gewaschen wurden sie nicht. Dass wir vor Dreck starrten, gehörte zur Strafe.

Nur nicht aufgeben

Ich habe nie die Zeit und Kraft und Geduld gehabt, das alles mal aufzuschreiben. Dafür müsste ich so fleißig sein wie Tolstoi und das bin ich nicht. Dabei gäbe es so viel zu erzählen. Allein was meine Mama erleiden musste! Sie hatte die ganze Zeit Angst, dass sie stirbt und ich sie nicht begraben kann. Dass sie irgendwo verscharrt wird wie ein totes Tier. Sie war von klein auf ein sehr gläubiger Mensch, deshalb hat sie diese Vorstellung umso mehr erschreckt. Und egal wie nah sie dem Sterben manchmal war: Sie hat sich gesagt, dass sie auf keinen Fall aufgeben darf.

Als wir in Koktschetaw (heute Kökschetau, Stadt in Nordkasachstan, unweit des ersten Verbannungsorts Tschkalowo – d. Red.) ankamen, war bereits Winter. Aber wir mussten noch zwei Monate in einer Arrestzelle zubringen. 20 Frauen wurden in einen einzigen Raum gepfercht. Wir haben auf dem Fußboden gesessen und nicht einmal die Beine ausstrecken können.

Dann hat man uns erklärt, dass wir nun „auf ewig“ an diesen Ort gebunden sind. Und dass wir automatisch für 20 Jahre ins Lager wandern, wenn wir ihn wieder unerlaubt verlassen. Damit standen wir mitten im Februar auf der Straße. Zum Glück hatten wir uns auf dem Transport mit Griechen aus dem Kaukasus angefreundet und abgemacht: Wer als Erstes rauskommt und eine Unterkunft findet, der hinterlässt beim Gefängnis die Adresse. So landeten wir nun bei einer Russin, deren Mann im Krieg gefallen war und bei der wir einige Tage bleiben konnten. „In der Zeit finden wir etwas für euch“, sagte sie.

Zur Miete im Hühnerstall

Ich wollte sofort zum Schulamt und mich um Arbeit kümmern, aber da meinte sie, in meinen Fetzen könne ich nicht gehen. Sie lieh mir ein Kleid („Vom ersten Gehalt kaufst du dir ein neues“), lieh mir die Filzstiefel ihres Mannes und einen Mantel aus Schaffell. Beim Schulamt hieß es, für Mathe und Physik hätten sie schon das gesamte Schuljahr niemanden, deshalb musste ich gleich zwei Stellen übernehmen. Anderntags hat uns die Witwe zu einem alten Paar gebracht, wo wir uns in einem nicht mehr genutzten Hühnerstall einmieten konnten.

In Koktschetaw habe ich meinen späteren Mann kennengelernt, Isaak Horowitz, einen Arzt mit jüdischen und polnischen Wurzeln. Er hatte an der Deutschen Universität in Prag studiert und in Lemberg zu arbeiten begonnen. Dann hat man ihn für acht Jahre ins Lager gesteckt und nach Kasachstan verbannt. Leider ist er früh an einem Herzinfarkt gestorben.

Du hast noch gar nicht gefragt, warum ich bis heute meinen Mädchennamen trage, obwohl ich doch verheiratet war. Willst du das wissen? Ja? Wir haben damals erst auf dem Standesamt von einem Ukas erfahren, dass eine deutsche Frau, die einen Nichtdeutschen heiratet, ihren deutschen Namen behalten muss. Scheinbar sollte man die „Faschistin“ schon von weitem erkennen. Ich musste unterschreiben, dass ich weiter Schulmeister bin. Und das bin ich bis heute.

Wir mussten uns in Koktschetaw jeden Monat an einem bestimmten Tag bei der Kommandantur melden. Auch nach Stalins Tod ging das noch drei Jahre so weiter. Erst 1956 wurde uns freigestellt, wo wir leben wollten. Aber eine Rückkehr in die alte Heimat war ausgeschlossen. Und in Wahrheit durften wir auch nicht nach Moskau, nach St. Petersburg, Kiew, Jerewan und in andere Städte. Also sind die meisten geblieben, wo sie waren.

Die Spur der Engel

1957 ist mein Vater nach fast 20 Jahren aus dem Lager zurückgekommen. Das war unsere Rettung. Vollständig rehabilitiert, bekam er bald einen Lehrstuhl in Krasnojarsk und dann eine Stelle in Stalingrad, das 1961 in Wolgograd umbenannt wurde. Auf Anweisung von „oben“ hat man ihm in Stalingrad eine Wohnung mit 105 Quadratmetern zur Verfügung gestellt, was er ablehnen wollte, aber man hat ihn fast schon angefleht, sie anzunehmen. Vier Zimmer! In Russland träumen noch heute viele Familien von einer Zwei-Raum-Wohnung. Wir dagegen hatten so viel Platz, dass unser damals kleiner Sohn im Korridor Fußball gespielt hat. 38 Jahre haben wir in Wolgograd gelebt. Ich war Lehrerin an einem Lyzeum für begabte Kinder. Erst nach Vaters Tod bin ich 1996 nach St. Petersburg gezogen, näher zu meinem Sohn.

Mit 96 Jahren habe ich heute nicht mehr viel Zeit vor mir. Bei allem, was ich durchmachen musste, ist es ein Wunder, dass ich überhaupt noch am Leben bin. Ich habe viel Unmenschliches erlebt. Aber auf meinem Weg bin ich auch immer wieder Menschen begegnet, die wie Engel zu mir waren. Der Dorfschuldirektor Liwschiz, der Lehrer Kogan, der Rektor Moschajew, die Witwe in Koktschetaw – es sind so viele Jahre vergangen, aber ich denke oft an sie.

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