Wo einst der Botschafter saunierte

Einst DDR-Botschaft, heute Goethe-Institut – das Gebäude mit der Adresse Leninskij Prospekt 95A ist ein Stück deutsch-russischer Geschichte. Eine aktuelle Ausstellung nimmt sich dieser Geschichte an.

„Leninskij 95A“: Die „Hörstation“ von Eleonore de Montesquiou
Auf akustischer Reise in die Geschichte: die „Hörstation“ (Foto: Alexey Myslitskiy)

Wie lässt sich die Geschichte eines Gebäudes erzählen? Diese Frage stellte sich Astrid Wege, Leiterin der Kulturprogramme am Goethe-Institut in Moskau. Im Fokus hatte sie dabei den Bau, in dem sie selbst arbeitet. Denn das Haus mit der Adresse „Leninskij 95A“ hat ohne Zweifel eine spannende Geschichte. Errichtet wurde die Betonburg im Süden Moskaus einst als Botschaft der DDR. Als Nachwende-Relikt arbeitet noch immer die Visastelle des Deutschen Konsulats hier.

Wie sich die Funktion gewandelt hat, so hat auch der Bau einiges von seinem einst repräsentativen Charakter eingebüßt. Er stand bei seinem Bau beinahe auf freiem Feld. Die dominierende Sichtachse wies vom Leninskij Prospekt direkt auf den monumentalen Haupteingang. Dieser Blick ist heute durch ein Hochhaus verstellt, das die einstige Botschaft ins Abseits rückt, so wie die Geschichte den Staat unter sich begraben hat, den sie einst repräsentierte. Man betritt das Gebäude heute von der Seitenstraße aus.

Der Beton bröckelt

Die Mitarbeiter des Goethe-Instituts gehören zu den letzten, die in dem bröckelnden Stück deutschsowjetischer Geschichte ausharren. Der Beton wurde spröde, die Fassade ist daher verhüllt. Zudem wurde einst Asbest verbaut, weshalb im Inneren ständig gewisse Decken versiegelt werden müssen.

Astrid Wege wollte dem Bau noch einmal ein Denkmal setzen. Bevor sie nach Moskau kam, war sie als Kuratorin tätig. Da lag der Gedanke nahe, einen künstlerischen Zugang für dieses Vorhaben zu wählen. „Wir luden russische und deutsche Künstlerinnen und Künstler ein und fragten sie, ob sie sich vorstellen könnten, sich mit dem Bau auseinanderzusetzen“, erzählt sie.

In der Wahl ihrer Ausdrucksmittel waren diese dabei völlig frei. Entsprechend vielseitig ist die Werkpalette, die bei der Eröffnungsfeier der Ausstellung „Leninskij 95A“ am 27. Februar gezeigt wurde.

Soundcollagen als Trip in die Vergangenheit

Da ist etwa die deutsch-französisch- russisch-estnische Künstlerin Eleonore de Montesquiou, die sich auf multiperspektivische Weise dem Gebäude angenähert hat und dabei Eindrücke aus Räumen vermittelt, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Mit einer Sound-Collage lässt sie vergangene Zeiten aufleben.

Wie mag es wohl einst in der hauseigenen Sauna zugegangen sein? In der Bar? Zugänglich sind diese Klangwelten über eine „Hörstelle“, die den Besucher in die Zeit der analogen Audiotechnik zurückführt. Auf einem Schreibtisch mit stilechter 80er-Jahre-Lampe steht ein Holzkasten. Hier kann verschiedenen Audiospuren per Kopfhörer gelauscht werden. Hinter jeder Buchse verbirgt sich eine andere Klangwelt.

Die Sound-Collagen entstanden in Zusammenarbeit mit Viktor Timschin, der in den 1990er Jahren hier im Gebäude als Tonmeister tätig war. Zudem hat die Künstlerin verschiedene Räume zeichnerisch dargestellt. Diese Zeichnungen finden sich zusammen mit einem Essay des Architekturhistorikers Sergej Nikitin in einem kleinen Booklet.

Ein Film zeigt die Nebenschauplätze des Gebäudes

Das Künstlerduo Andree Korpys und Markus Löffler setzte sich mit dem Gebäude auf filmische Weise auseinander. Beide beschäftigen sich häufig mit Nebenschauplätzen historisch-politischer Ereignisse und legten den Fokus hier auf scheinbar nebensächliche Dinge wie elektronische Schaltkästen. Doch auch die gegenwärtigen Mitarbeiter haben ihren Platz in dem Filmprojekt. Sie erscheinen an selbst gewählten Orten im Gebäude und zitieren aus Klassikern der marxistischen Literatur – eine Reminiszenz an die einstige Funktion des Gebäudes und zugleich eine Würdigung des heutigen Personals.

Zu entdecken gibt es zudem ein Fotobuch, eine Tanzperformance, die sich mit der Wirkung des Gebäudes auseinandersetzt, und Collagen zu einer spannenden Episode deutsch-sowjetischer Agrargeschichte.

Zur Eröffnung gab es überdies einen Ausflug in die Entstehungszeit des Baus in Form eines Disco-Abends im Kinosaal mit elektronischer Musik aus dem Deutschland der 1980er und frühen 1990er Jahre – von NDW bis zu frühem Techno.

„Leninskij 95A“ ist noch bis zum 30. März im Goethe-Institut zu sehen.

Jiří Hönes

Haus mit Geschichte: Leninskij Prospekt 95A

Der Monumentalbau im Stil des Brutalismus’ wurde 1984 als Botschaft der DDR fertiggestellt. Bei der Eröffnungsfeier war Staatschef Erich Honecker anwesend. Verantwortlich für die Planung waren offiziell die jungen russischen Architekten Natalia Kusnezowa und Konstantin Babajew. Man geht jedoch davon aus, dass die Entwürfe auf deutsche Architekten zurückgehen, die unbekannt blieben. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zog 1992 unter anderem das Goethe-Institut ein. Innenarchitektonische Details wie Kronleuchter und Intarsienparkett lassen noch den Charme der 1980er Jahre spüren.

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