Konservative Kritiker empören sich über schwarze Komödie

Blasphemie und Schande: Eine Film, der in der Zeit der Leningrader Blockade spielt, erregt die geballte Kritik konservativer Politiker und Kulturschaffender. Der Regisseur des noch unveröffentlichten Streifens fühlt sich falsch verstanden – und vermutet Parallelen zur Gegewart als Grund für die Ablehnung.

Die privilegierte Familie Woskresenskij steht im Zentrum des Film. /Foto: Facebook/Alexej Krassowksij

Sergej Bojarskij ist zutiefst empört. „Schon allein die Idee, eine Komödie über dieses Thema zu drehen ist eine Schande – und Blasphemie“, polterte der Petersburger Duma-Abgeordnete Mitte Oktober auf seinem Twitter-Kanal. Er werde alles in seinen Kräften Stehende tun, um einen solchen Film zu verhindern, drohte das Mitglied der Partei Einiges Russland.

Was war geschehen? Nur einige Tage zuvor hatten mehrere russische Zeitungen und Nachrichtenagenturen berichtet, der Regisseur Alexej Krassowskij arbeite an einer schwarzen Komödie. Thema sei die 900 Tage dauernde Leningrader Blockade durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Daraufhin rollte eine Welle der Empörung konservativer Politiker und Kulturschaffender über den Regisseur hinweg. Unbekannte drohten auf Facebook, ihm die Zunge herauszureißen und den Kopf abzuschlagen. Außerdem erklärten mehrere Journalisten in ihren Artikeln den Dreh für unzulässig und forderten Konsequenzen.

Eine Beleidigung für die Überlebenden?

Der Film sei eine Beleidigung der Überlebenden und mache sich über die russische Geschichte lustig. Die Boulevard-Zeitung Komsomolskaja Prawda vermutete gar, der Streifen sei von der Abwehr, dem Nachrichtendienst der Wehrmacht, inspiriert worden. Kulturminister Wladimir Medinskij gab an, er habe bisher keine Zeit zum Lesen des Drehbuches gehabt. „Ich bin kein Leser von Dummheiten, vor allem nicht solcher“, bezog er mit einem Zitat des Literaturklassikers Alexander Gribojedow Stellung.

Alexej Krassowksij weist die geballten Vorwürfe zurück. „Die Gräuel der Blockade werden im Film natürlich behandelt“, erklärte er in einem Interview mit dem Nachrichtenportal „Meduza“, „aber sie werden in keiner Weise lächerlich gemacht“.

Schauplatz der Handlung des umstrittenen Streifens ist das luxuriöse Anwesen der Familie Woskresenskij in einem Vorort des belagerten Leningrad. Hier versammeln sich am letzten Tag des Jahres 1941 die Eltern mit ihren beiden Kindern, um das Neujahrsfest mit einem Festessen zu begehen. Von der Not und dem in der Stadt grassierenden Hunger spüren die Woskresenskis nichts, da der Vater als Biologe in einem geheimen Rüstungsprojekt arbeitet und mit speziellen Lebensmittelpaketen versorgt wird.

Hungrige Gäste und ein Hühner-Problem

Einziges Problem des Abends sind eigentlich nur die beiden unerwarteten und hungrigen Gäste, welche die Kinder zu der Feier mitbringen – und vor denen der satte Wohlstand in zahlreichen absurden Situation versteckt werden muss. Und dann ist da noch das Huhn, das niemand aus der Nomenklatura-Familie selbst zubereiten kann, da am Abend zuvor die Küchenhilfe abgezogen wurde.

„Ich wollte darüber sprechen, wie diese Entfremdung zwischen den unverdient Reichen und dem ganzen Rest entstanden ist“, erklärt Alexej Krassowskij im Gespräch mit „Meduza“. Zum Film inspiriert hätten ihn die Tagebücher von Nikolaj Ribkowskij. Der Partei- und Gewerkschaftsaktivist, der während der Blockade in Leningrad lebte, beschreibt in seinen 13-bändigen Erinnerungen die bevorzugte Verpflegung der Leningrader Parteiführung mit Luxusartikeln wie Rind-, Hammel- und anderen Fleischsorten, während um die hungernde Stadt der Krieg tobte. Konservative Politiker und mehrere Zeitungen bestreiten die Vorzugsbehandlung erbittert.

Parallelen zu den privilegierten Deputierten und Bürokraten von heute lägen für ihn durchaus auf der Hand, erklärt Alexej Krassowskij. „Mir scheint, dies erklärt auch, warum jetzt so aktiv versucht wird, den Film zu verbieten.” Denn ob der Film, der sich gegenwärtig noch im Schnitt befindet, wirklich bald über die Leinwände der russischen Kinos flimmern wird, ist noch ungewiss. Andrej Turtschak, Generalsekretär des Parteirats von Einiges Russland, rief das Kulturministerium bereits dazu auf, dem Film die Freigabe zu verweigern.

Birger Schütz

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