Gesundheitswesen? „Die Russen haben stark aufgeholt“

Die deutsch-russische Freundschaft hat es nicht leicht in diesen Tagen. Umso mehr ließ die Nachricht aufhorchen, dass der russische Präsident Wladimir Putin angeordnet hat, dem deutschen Mediziner Helmut Hahn den Freundschaftsorden zu verleihen. Gewürdigt werden damit dessen Verdienste um die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Die ganze Geschichte erzählt der Mikrobiologe in der MDZ.

Die Mediziner Zeichhardt, Hahn und Ulrichs (v.l.) 2007 vor dem Berliner Langenbeck-Virchow-Haus direkt an der Charité: Dort bezog das Koch-Metschnikow-Forum seine Büroräume. (Foto: Privat)

Im deutsch-russischen Verhältnis sind die Fronten verhärtet. Selbst die Zukunft des Petersburger Dialogs, der bei der Gründung Ihrer Organisation 2006 Pate stand, ist ungewiss. Wie ist es um die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen bestellt?

Ganz anders. Ärzte haben ein einziges Interesse: Krankheiten zu verhüten, zu diagnostizieren und zu heilen. Dabei sprechen alle die gleiche Sprache. Wenn Sie ein gebrochenes Bein schienen, damit es wieder gerade zusammenwächst, dann ist das keine politische Entscheidung, sondern eine ärztliche. Ein Militär muss im Ernstfall von Berufs wegen ein Feindbild haben, und wenn er das nicht hat, wird es ihm eingetrichtert. Ärzte sind einem anderen Wertesystem verpflichtet. Im Zweiten Weltkrieg, während der Leningrader Blockade, wurden im Pavillon 14 der St. Petersburger Metschnikow-Akademie verwundete deutsche Kriegsgefangene behandelt und gepflegt. Da tritt alles andere in den Hintergrund.


Helmut Hahn ist Gründer und Vorsitzender des Koch-Metschnikow-Forums für deutsch-russische Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. von 2000 bis 2014 leitete er die Berliner Medizinische Gesellschaft.  


Dennoch lässt die Verschlechterung der Beziehungen Sie sicher nicht kalt.

Wissen Sie, ich bin Rheinländer und als solcher mit einem Bild von der Bedrohung aus dem „Osten“ aufgewachsen. Die Sowjetunion war für mich eine Blackbox: Da fuhr man nicht hin, das war der geopolitische Gegner. Man war ja auch der westlichen Propaganda ausgesetzt.

Inzwischen habe ich Russland oft besucht, war vor der Pandemie im Schnitt ungefähr einmal im Monat dort und habe ein ganz anderes Bild gewonnen. Wir Deutschen haben heute die großartige Chance, mit den Russen harmonisch zusammenzuleben. Deshalb bedauere ich die politische Entwicklung sehr und ihre Zuspitzung in den letzten Wochen ganz besonders. Ich kann die russischen Sorgen wegen der NATO-Osterweiterung durchaus verstehen. Russland ist in seiner Geschichte oft genug aus dem Westen angegriffen worden. Andererseits bewirkt der massive russische Aufmarsch Angst bei den westlichen Nachbarn, Druck erzeugt Gegendruck.

„Das hat mein Leben verändert“

Wo verorten Sie das Koch-Metschnikow-Forum in diesem Gesamtkontext?

Wir sind Mittler zwischen dem deutschen und dem russischen Gesundheitswesen und unpolitisch. Unser wichtigstes Ziel ist die Stärkung der ärztlichen Fachkompetenz. Dafür gehen deutsche Ärzte nach Russland und kommen in der Regel begeistert zurück. Im Gegenzug laden wir russische Ärzte nach Deutschland ein, die uns anschließend ganz oft sagen: „Dieser Aufenthalt hat mein Leben verändert.“ Das spornt natürlich an, diese deutsch-russischen Verbindungen weiter zu pflegen und auszubauen.

Was unterscheidet einen deutschen Arzt typischerweise von einem russischen?

Handwerklich ist der russische Arzt gewiss nicht schlechter. Es gibt aber Unterschiede in der Technologie und im Umgang mit dem Patienten. Hochmut von deutscher Seite wäre auf jeden Fall völlig fehl am Platz, so etwas werden Sie von mir nicht hören. Wir können viel voneinander lernen. Ich beginne meine Vorträge gern damit, dass ich auf eine Enzyklopädie der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig verweise, die in 25 Bänden den deutsch-russischen Wissenschaftsbeziehungen im 19. Jahrhundert gewidmet ist. Daran wollen wir wieder anknüpfen, ungeachtet der unseligen Tiefpunkte danach.

Würden Sie ein Beispiel dafür geben, wie diese Zusammenarbeit heute aussieht?

Eine bewährte Methode ist die Entsendung von Spezialisten. Ein gutes Beispiel sind organerhaltende Operationen bei weiblichem Brustkrebs. Traditionell wird die Brust dabei abgenommen, und die Frauen sind für den Rest ihres Lebens verstümmelt. Das kann heute vermieden werden und wird von uns unter anderem in Schau-Operationen demonstriert. Oder es geht um Qualitätskontrolle der Patientenversorgung in russischen onkologischen Zentren, eine Art TÜV nach westlichen Standards. Damit haben wir in Zusammenarbeit mit der deutschen und russischen Krebsgesellschaft in Samara begonnen. Ein weiteres Projekt ist die Gesundheit am Arbeitsplatz. Dazu ist auch ein deutsch-russischer Studiengang zu Public Health in Vorbereitung.

Gründung mit Putin und Merkel

Sagen Sie uns etwas zur Entstehungsgeschichte Ihrer Organisation?

Am Anfang war das eine rein private Idee. Als Professor an der FU Berlin hatte ich mit russischen Studenten zu tun und über sie mit russischen Ärzten. Als Nächstes kam man in Kontakt mit einem Chef­arzt, mit einem Rektor, hielt mal einen Vortrag, richtete mal eine gemeinsame Veranstaltung aus. So fing das alles an.

Irgendwann saß ich dann mit meinem Kollegen, dem Epidemiologen Timo Ulrichs, beim Mittagessen zusammen. Da haben wir bei der zweiten Flasche Wein beschlossen, einen Verein zum Kompetenztransfer zu gründen, und das auf einem Stück Papier festgehalten. Für das institutionelle Backing bin ich dann zum Petersburger Dialog gegangen. Dort musste ich zwar viel Überzeugungsarbeit leisten, aber letztlich wurde das Koch-Metschnikow-Forum beim sechsten Petersburger Dialog am 10. Oktober 2006 in Dresden gegründet. Ich habe im Beisein von Putin und Merkel eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit im Gesundheitswesen unterschrieben, anschließend haben mir beide die Hand geschüttelt. Das betrachte ich als staatliches Mandat für unsere Nichtregierungsorganisation, die sich mit dem Austausch von Ideen und Personen beschäftigt.

Der deutsche Mikrobiologe Robert Koch und der russische Immunologe Ilja Metschnikow als Namensgeber, zwei herausragende Wissenschaftler ihrer Zeit, beide Nobelpreisträger – auch Ihre Idee?

Ja. Gleich ganz am Anfang meiner wissenschaftlichen Laufbahn hat mir Professor William Barry Wood, mein Lehrer am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, mit auf den Weg gegeben, Metschnikow sei „einer der größten Köpfe in der Geschichte der Medizin“. Meine Bewunderung rührt in diesem Fall also noch aus meiner USA-Zeit.

Helmut Hahn im vergangenen Herbst bei einer Festrede zum zehnjährigen Bestehen der Nordwestlichen Medizinischen Metschnikow-Universität in St. Petersburg (Foto: Barbara Lachhein)

Wie kompliziert gestaltet sich Ihre Arbeit im Koch-Metschnikow-Forum im Alltag?

Es sind viele kleine Schritte. Ich lerne dabei aber immer wieder fantastische Typen kennen, vor denen man nur den Hut ziehen kann. Ich will Ihnen einen nennen: Oleg Atkow, ein sowjetischer Kosmonaut, der 236 Tage im Weltall zugebracht hat. Später war er für das Gesundheitswesen bei der Rus­sischen Bahn zuständig und ist heute Professor an der staatlichen Weiterbildungsakademie. Wir haben gemeinsam an mehreren Projekten gearbeitet. Ein großartiger Mann.

„Wir brauchen euch nicht“

Wie offen sind eigentlich in Russland die Ohren für Ihr Vorhaben?

Es hat da ein enormer Bewusstseinswandel stattgefunden. Als wir 2007 unseren ersten Kongress im sibirischen Tomsk veranstaltet haben, da hieß es häufig noch: „Wir brauchen euch nicht, damit ihr uns die Medizin erklärt.“ Und Englisch, heute eine Selbstverständlichkeit, fand man auch unwichtig, man war schließlich in Russland. Wir hatten da viel Pionierarbeit zu leisten.

Aber seitdem hat es eine bemerkenswerte Öffnung in Richtung Internationalität gegeben. Ich selbst bin 2011 in die Russische Akademie der Medizinischen Wissenschaften und 2014 in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden. Das ist ein wunderbarer Türöffner. Ich habe keine Probleme, in Russland auf Augenhöhe mit Entscheidungsträgern zu sprechen.

Wie hat sich nach Ihrer Einschätzung das russische Gesundheitswesen in den letzten 10, 15 Jahren entwickelt?

Die Russen haben stark aufgeholt. Allein schon bei der Infrastruktur. Da gibt es heute eine ganze Reihe medizinischer Zentren, wo einem die Augen übergehen. Überall wird gebaut. Und die technische Ausstattung ist super.

Ob die Mehrzahl der russischen Patienten, gerade in der Provinz, da wohl Ihren Eindruck teilt?

Natürlich gibt es auch Missstände. Aber ich sehe vor allem die positiven Seiten. Russland hat definitiv einen langen Weg bis zum heutigen Standard zurückgelegt. Und was mich ungeheuer freut: Es kommen hochmotivierte junge Leute nach. Wenn man so lange im Geschäft ist wie ich, dann merkt man beim Betreten eines gefüllten Hörsaals sofort, ob man einen guten oder einen lahmen Haufen vor sich hat. In Russland sind die Studenten auffallend begeisterungsfähig.

Nun haben Sie also den russischen Orden der Freundschaft bekommen …

… genau genommen noch nicht. Es wurde nur der Erlass von Putin veröffentlicht. Die eigentliche Verleihung soll in der Russischen Botschaft in Berlin stattfinden.

In der Vergangenheit ging der Freundschaftsorden etwa an den deutschen Raumfahrer Ulf Merbold. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Ich freue mich, dass unsere Arbeit so positiv wahrgenommen wird. Die Nachricht hat ziemlich eingeschlagen. Ich bin mit Glückwünschen nur so überschüttet worden.

Das Gespräch führte Tino Künzel.

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