„Geschichte ist grau“: Der Weltkrieg und ein russisch-polnischer Disput

Im Mai jährt sich die deutsche Kapitulation von 1945 zum 75. Mal. Doch statt dem Kriegsende ist plötzlich der Kriegsbeginn Thema einer heftigen russisch-polnischen Kontroverse. Auf eine Bemerkung von Russlands Präsident Putin über den „antisemitischen“ polnischen Botschafter im Berlin der Vorkriegszeit antwortete Polen mit Verweisen auf den Hitler-Stalin-Pakt. Über die geschichtlichen Hintergründe sprach die MDZ mit dem Historiker Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau.

Was sagen Sie zu dem verbalen Schlagabtausch zwischen Moskau und Warschau über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges?

Beide Seiten betonen gern ihre Opferrolle und blenden negative Dinge aus. Aber Geschichte ist immer grau, nicht schwarz oder weiß. Es ist unstrittig, dass es in Polen auch antisemitische Strömungen gab. Und es ist nicht nur moralisch, sondern auch juristisch verwerflich, dass sich die Sowjetunion 1939 de facto an einer vierten Teilung Polens beteiligt hat. Dem muss man sich stellen. Doch dazu ist man nicht bereit.

Deutsche und sowjetische Armeeangehörige vor einem Stalin-Porträt am 22. September 1939 in Brest. Nachdem die Wehrmacht die Stadt eingenommen hatte, fand ihre vertragsgemäße Übergabe an die Rote Armee statt. Ob es dabei auch eine gemeinsame Parade gegeben hat (oder nur eine Art zeremoniellen Abmarsch der Deutschen), ist umstritten. Am 22. Juni 1941 begann mit dem Angriff auf Brest durch Hitlerdeutschland der Überfall auf die Sowjetunion. Heute liegt die Stadt in Weißrussland, an der Grenze zu Polen. (Foto: RIA Novosti)

Zumindest, wenn die Vorwürfe von der jeweils anderen Seite erhoben werden.

Das kommt noch hinzu. Das russisch-polnische Verhältnis ist historisch stark vorbelastet. Das sind zwei Nachbarn, die sich nicht besonders gut verstehen. Und die Gegensätze werden immer wieder von Neuem in den Vordergrund gerückt. Da fehlt ein Neuanfang, wie er zwischen Deutschland und Frankreich nach 1945 stattgefunden hat. Diese Chance wurde 1991 verpasst.

Auch die US-Botschafterin in Polen, Georgette Mosbacher, hat sich in der Debatte zu Wort gemeldet und der Sowjetunion eine Mitschuld am Kriegsausbruch unterstellt. An Wladimir Putin gewandt, twitterte sie, Hitler und Stalin hätten sich zusammengetan, um den Zweiten Weltkrieg zu beginnen, das sei ein „Fakt“.

Das ist eine Erzählung in Fortschreibung des Kalten Krieges. Als der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt mit seinem geheimen Zusatzprotokoll am 24. August 1939 abgeschlossen wurde, war der deutsche Aufmarsch schon vollzogen. Die Wehrmacht stand seit dem Frühsommer bereit. Der Pakt hat höchstens dafür gesorgt, dass der Zeitpunkt des Überfalls auf Polen nicht noch einmal verschoben wurde.

Im geheimen Zusatzprotokoll haben Deutschland und die Sowjetunion ihre Interessensphären voneinander abgegrenzt …

… was gängige diplomatische Praxis zu jener Zeit war. Nur blieben solche Absprachen meist nur auf dem Papier, weil die Situationen, auf die sie abzielten, nie eintraten. Im Unterschied dazu wurde der Pakt auch wirklich umgesetzt.


Grenzfall

Als die Sowjetarmee 1939 bis nach Brest vorstieß, besetzte sie polnische Gebiete, die Polen seinerseits nach dem Ersten Weltkrieg annektiert hatte. Sie waren seit der zweiten polnischen Teilung Ende des 18. Jahrhunderts russisch gewesen. Die West­alliierten hatten 1919 als Ostgrenze des wiedergegründeten Polens die sogenannte Curzon-Linie vorgeschlagen, die westlich von Brest und Lwiw verlief – und in etwa dem heutigen Grenzverlauf entspricht. Doch der neue polnische Staatschef Jozef Pilsudski strebte ein Polen in den Grenzen vor den Teilungen an. In einem zwei Jahre dauernden Krieg gelang es ihm immerhin, einen etwa 250 Kilometer breiten Streifen östlich der Curzon-Linie zu erobern. Dieser Landgewinn, 1921 im Frieden von Riga fixiert, ging 1939 wieder verloren.


Am 1. September 1939 marschierte Deutschland von Westen in Polen ein, am 17. September die Sowjetunion von Osten. Sind das gleichrangig zu bewertende Ereignisse?

Für die Polen ja. Aus russischer Sicht gab es zu dem Zeitpunkt schon keine polnische Regierung mehr, nur Gebiete, auf die man einen rechtmäßigen Anspruch zu haben meinte und in denen man zum Schutze der vormals russischen Bevölkerung intervenierte. Das war jedenfalls die Argumentation. Wenn man Geschichte nicht vom Ende her betrachtet, sondern davon ausgeht, wie die Situation zum damaligen Zeitpunkt war, dann mag das wiederum als relativ normaler Vorgang erscheinen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden viele Grenzen am grünen Tisch gezogen. Nun versuchten alle, territoriale Ansprüche durchzusetzen, weil man meinte, dass die maximale Ausdehnung des eigenen Staates das Maß aller Dinge sein sollte und man ehemalige Gebiete wieder für sich reklamieren konnte. Dieses „Das war mal unser und muss es auch wieder werden“ wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg durchbrochen, als man sich gesagt hat, dass die Grenzen so bestehen bleiben, wie sie sind.

War sich Stalin bewusst, mit wem er da paktierte und welche Expansionspläne Hitler über Polen hinaus im Osten hegte? Der hat ja eigentlich keinen Hehl daraus gemacht.

Stalin hat zumindest bis zuletzt nicht geglaubt, dass Hitler einen Zwei-Fronten-Krieg riskiert, und Hinweise darauf als Täuschungsmanöver und Desinformation abgetan. Für den Fall der Fälle hatte man seine Armee an der Grenze konzentriert und wollte auf einen Angriff offensiv antworten. Das ist gründlich schiefgegangen und hat zu einem maximalen Verlust an Kampfkraft in den ersten Wochen geführt.

Dann hat sich das Blatt jedoch ziemlich schnell gewendet.

Weil die Sowjetunion als einziges Land vom ersten Tag an den „totalen“ Krieg geführt und es verstanden hat, alle Kräfte für die Verteidigung zu mobilisieren. Das ist der Erfolg des sowjetischen Systems.

Das Interview führte Tino Künzel.

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