Fußball, Kultur und digitale Netzwerke

Fast sieben Jahre leitete Rüdiger Bolz das Moskauer Goethe-Institut. Zum Jahresende verließ er die russische Hauptstadt und verabschiedete sich in den Ruhestand. Mit der MDZ sprach Rüdiger Bolz über seine Zeit in Russland und die Höhepunkte des Jahres 2018.

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Rüdiger Bolz verabschiedet sich nach sieben Jahren aus Moskau. © Wiktor Justratow/ Goethe-Institut

Mit welchen Erwartungen haben Sie 2012 die Leitung des Goethe-Instituts in Moskau übernommen?


Als ich nach Russland kam, gab es zwei große Vorhaben – die Neuunterbringung des Goethe-Instituts und das Deutschlandjahr in Russland. Das Motto lautete „Gemeinsam die Zukunft gestalten“. Damals hat man in allen Projekten einen Optimismus gespürt, auch was das Verhältnis Russlands zu Europa betrifft.

Moskau ist als Regionalzentrum auch für Zentralasien zuständig. Was ist die Besonderheit in der Arbeit mit sehr verschiedenen Kulturräumen?

Es hat sich gezeigt, dass die Einteilung der Welt in Regionen neue Möglichkeiten bietet. So können wir größer angelegte Regionalprojekte durchführen. Ein aktuelles Beispiel ist die Ausstellung „Grenze“, die eigens für unsere Region kuratiert wurde. Das Thema Grenze spielt auf unterschiedliche Weise in allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion eine große Rolle. Deshalb hatten die Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung in jedem Land einen anderen Schwerpunkt.

Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 hat das Goethe-Institut das Projekt „Mit Deutsch zum Titel“ initiiert. Ein Erfolg?

Es war insofern erfolgreich, als dass sich viele Schulen beteiligt haben und die Schüler richtig Spaß an den Wettbewerben und Auszeichnungen hatten. Die Vorbereitung der Weltmeisterschaft war von uns mit Höchsteinsatz begleitet. Und das in enger Absprache mit dem Deutschen Fußball-Bund. Bundestrainer Joachim Löw hatte sogar die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen.

Welche bedeutenden Veranstaltungen gab es 2018 noch?

Die perspektivisch bedeutendste Veranstaltung hat leider nicht in Moskau, sondern in Berlin stattgefunden. Dort wurde Mitte Oktober die „Digitale Netzwerkuniversität des Goethe-Instituts“ gegründet. Verschiedene Universitäten aus Russland, der Ukraine und Georgien haben sich mit deutschen und österreichischen Universitäten zu einem länderübergreifenden Bildungsnetzwerk zusammengeschlossen und gemeinsam Studienmodule entwickelt. Die Lehrangebote umfassen Themen wie Transkulturalität, Bildung für Nachhaltige Entwicklung sowie Friedens- und Konfliktforschung. Besondere Formate werden auch für Deutschlehrende bereitgestellt. Das ist ein signifikantes Beispiel dafür, dass Bildungs- und Kulturkooperation auch in Krisenzeiten möglich ist. Die Digitale Netzwerkuni ist ein weltweit einmaliges Projekt und im Moment unser innovativstes.

Und im Kulturbereich?

Etwas hervorzuheben ist immer ungerecht. Aber spontan kommen mir die Bilder von der deutsch-russischen Hip-Hop-Performance „Vom Bauhaus zum Spielhaus“ in den Sinn. 2018 war auch das Jahr der gegenseitigen Gastspiele. Großartig war das Gastspiel des Deutschen Theater Berlin im Gogol-Zentrum. Im Gegenzug hat das Gogol-Zentrum in Berlin zwei Stücke aufgeführt. Ursprünglich war es nicht so geplant, aber angesichts der Situation um den Regisseur Kirill Serebrennikow wurde es auch zu einem politischen Statement. Wichtig war auch das Kreativforum Art-Werk, dass wir zum zweiten Mal veranstaltet haben.

Worauf können wir uns im nächsten Jahr freuen?


Aktuell läuft der letzte Teil
des „Raums für Kunst“. Es wird eine Pause geben, aber ich kann mir vor- stellen, dass wir das Projekt weiterführen. Es hat bisher in der Kooperation sehr viel Spaß gemacht und deshalb sollten wir uns bemühen, es fortzusetzen.

2019 legen wir zudem einen Fokus auf das Thema „digitaler Wandel“. Wir werden auch einen „regionalen Mobilitätsfonds“ auf- legen. Künstler und Intellektuelle haben es oft schwer, ihr Vorhaben an einen anderen Ort zu befördern. Da wollen wir helfen. Der Mobilitätsfonds ist ein Versuch, ein neues Residenzformat für Künstler und Kulturschaffende aus der Region Osteuropa/Zentralasien und Deutschland zu etablieren. Das Format ist offen angelegt, je nachdem, welche Interessen an uns herangetragen werden.

Generell und gezielt haben wir in den letzten Jahren viel mehr Koproduktionen gefördert. Und der Mobilitätfonds dient der Vorbereitung solcher Koproduktionen oder Kooperationen.
Im nächsten Jahr wird es im Rahmen eines großen EU-Projektes auch viele Veranstaltungen zum Thema „Europäische Union und Russland“ geben. Auch für eine breite Öffentlichkeit.

Wie fällt Ihr persönliches Fazit nach fast sieben Jahren in Moskau aus?

Da möchte ich auf das Motto „Gemeinsam die Zukunft gestalten“ zurückkommen. Wenn man das heute zitiert, wird man fast belächelt. Aber wir haben im Bereich Bildung, Kultur und Sprache daran festgehalten. Und nicht nur wir, sondern auch unsere Partner. Im Grunde haben wir stur weitergemacht. Ich glaube, das war das einzige Mittel, um die politischen Ernüchterungen einigermaßen auszuhalten.

Wenn wir das Fundament der kulturellen Beziehungen nicht pflegen, wird es sehr schwer, überhaupt Beziehungen aufrechtzuerhalten. Mich freut es zu sehen, dass die Zahl der Deutschlerner wieder steigt. Das Interesse an Sprache und den Kulturveranstaltungen ist ungebrochen hoch. Das zeigt, dass wir einigermaßen das Richtige tun. Das macht mich optimistisch. Wir bleiben dem Credo verpflichtet: Freiheit und Bildung.

Was kommt auf Ihre Nachfolgerin zu?

Sicherlich die Frage, inwieweit die Region zusammenhalten wird. Das wird auf die Kooperationen Auswirkungen haben. Eine zweite große Herausforderung wird sein, dass wir zur Finanzierung unserer Projekte zunehmend auf die Akquisition von Drittmitteln angewiesen sind. Da sind wir ziemlich erfolgreich, aber es erfordert viel Energie. Und die Frage der Neuunterbringung, an der ich gescheitert bin. 2019 muss eine Entscheidung fallen.

Die Fragen stellte Daniel Säwert

 

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