Einmal rund um Russland

20.000 Kilometer, 14 Staaten und Dutzende Gesprächspartner: Erika Fatland ist acht Monate an der russischen Grenze entlang gereist und hat mit den unterschiedlichsten Menschen über ihr Verhältnis zum großen Nachbarn gesprochen.

Die Idee für ihre bisher längste Reise kam über Nacht: Vor fünf Jahren träumte Erika Fatland, über eine riesige Landkarte zu wandern. Immer an einer roten, sich windenden, schier endlosen Linie entlang. Der Strich war die Grenze Russlands. Von Land zu Land folgte ihm die Traumwandelnde, das gewaltige Russland im Norden und Osten immer im Blick. „Als ich erwachte, wusste ich, dass dies mein nächstes Buch werden müsse“, erinnert sich die norwegische Schriftstellerin, „eine Reise entlang der russischen Grenze, von Nordkorea bis Nord-Norwegen.“

Eine Vision und 14 Staaten

Doch die nächtliche Vision stellte auch eine so erfahrene Autorin wie Fatland, die schon mehrere Bücher über Russland und seine Nachbarn geschrieben hatte, vor eine Mammut-Aufgabe. Denn die russische Grenze ist nicht nur lang, sie zählt zu den längsten der Welt. 20.000 Kilometer, durch insgesamt 14 Staaten, drei abtrünnige Republiken, das arktische Meer, nordische Wälder und die sengenden Wüsten Zentralasiens reist Fatland entlang der Trennlinie. Ihre Erlebnisse während des achtmonatigen Trips hat sie nun zu dem Reisebericht „Die Grenze. Eine Reise rund um Russland“ zusammengefasst. „Was heißt es eigentlich, das größte Land der Welt als Nachbarn zu haben?“, fragt sich die Autorin bei ihren Erkundungen zwischen Pjöngjang, Warschau und Baku. Auf der Suche nach einer Antwort spricht Fatland mit unabhängigen Wissenschaftlern, staatlichen Reiseführern, regimetreuen Politikern und oppositionellen Aktivisten, verschlafenen Matrosen oder nomadisch lebenden Rentierhirten. In der belarussischen Hauptstadt Minsk erzählt ihr Stanislau Schuschkewitsch, das erste Staatsoberhaupt des Landes, in seiner Plattenbauwohnung von dem lange zurückliegenden Jagdausflug im Herbst 1991, auf dem er mit Kollegen die Sowjetunion auflöste.

Unterwegs mit Forschungsschiff und Kanu

So verschieden wie die Gesprächspartner sind auch die Wege, auf denen sich die Schriftstellerin fortbewegt: So durchschippert Fatland an Bord eines alten sowjetischen Forschungsschiffes mehrere Wochen die legendäre Nordostpassage an Russlands Nordküste, rollt als Touristin getarnt mit einem Bus durch das isolierte Nordkorea, rast mit einem modernen Hochgeschwindigkeitszug durch Chinas Norden oder schwingt sich selbst in den Sattel. Bei der Erkundung der Grenze zwischen Norwegen und Russland paddelt sich die Autorin im Kanu bis zur völligen Erschöpfung.
Doch das Buch ist mehr als eine lockere Aneinanderreihung von Gesprächen, Beobachtungen und Eindrücken. Seine besondere Tiefe gewinnt das Werk erst durch die präzise recherchierten und detaillierten Teile zur Historie, die Fatland in die Länderporträts einstreut. So schildert die Autorin beispielsweise den fesselnden und verlustreichen Kampf russischer Entdecker um Sibiriens äußersten Osten oder beschreibt den blutigen und fast vergessenen Krieg zwischen Abchasen und Georgiern Anfang der 90er Jahre. Und wer hat schon mal von dem Zwischenfall gehört, bei dem es 1968 fast zu einem Krieg zwischen Russland und Norwegen kam?

Die Grenze bleibt in Bewegung

„Es ist nie leicht gewesen, Russlands Nachbar zu sein“, resümiert Fatland. Keines der von ihr besuchten Länder sei in Folge der Nachbarschaft zu dem Giganten ohne Wunden oder Narben geblieben. Von den 14 Anrainern sei Norwegen das einzige Land, das in den vergangenen 500 Jahren keinen Krieg mit Russland geführt oder von ihm besetzt worden sei. Und auch heute sei die Grenze nicht in Stein gemeißelt und weiterhin in Bewegung, erklärt Fatland mit Blick auf die Ereignisse um die Krim 2014.

Birger Schütz

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