Eine Stadt, fünf Geschichten: Rybinsk, Provinzort von Welt

Um Russland zu entdecken, sollte man es machen wie die Wolga und immer in Bewegung bleiben. Auf ihren 3500 Kilometern Dauerlauf kommt sie durch zahlreiche Städte, kleine wie große. Darum möchte man Europas längsten Fluss fast beneiden, aber der Reisende hat es sogar noch besser: Während die Wolga nirgendwo verweilen kann und ihr Horizont an den Ufern endet, fängt sein Streifzug dort erst richtig an. Das lohnt sich sogar an Orten, die nicht jedem sofort geläufig sind. Rybinsk, 250 Kilometer nördlich von Moskau, ist so ein Fall. Die zweitgrößte Stadt der Region Jaroslawl birgt jede Menge Geschichten. Hier erzählen wir fünf davon.

Blick vom Glockenturm der Verklärungskathedrale auf die Altstadt mit der zentralen Krestowaja-Straße (Foto: Tino Künzel)

Tor nach St. Petersburg

Moskau ist nicht weit, Jaroslawl sowieso. Aber die Stadt, die immer ein Fixpunkt für Rybinsk war, ist St. Petersburg. Nach dessen Gründung 1703 begann der Aufschwung der Fisch-Siedlung (Rybnaja Sloboda), wie sie bis dahin hieß. Ihre strategisch günstige Lage am Schnittpunkt von Wolga und den Wasserwegen Richtung Ostsee machte sie zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für Getreide und andere Waren, mit denen auch der Zarenhof beliefert wurde. So kam es, dass am 8. und 9. Mai 1767 sogar Katharina die Große dem Ort mit seinen damals 5000 Einwohnern einen Besuch abstattete, als sie fünf Jahre nach ihrer Thronbesteigung eine Wolga-Tournee unternahm.

Die Treppe, auf der die Zarin von ihrem Schiff am Ufer hinauf- und wieder hinuntergelangte, ziert bis heute das Stadtwappen. Von dem Empfang, den man ihr bereitete, soll Katharina sehr angetan gewesen sein, den vergoldeten Stuhl, mit dem man sie beschenken wollte, lehnte sie allerdings ab – er kann heute im Stadtmuseum besichtigt werden. 1777 verlieh die Deutsche auf dem russischen Thron Rybinsk das Stadtrecht, im 19. Jahrhundert blühte der Ort so richtig auf.

Zwischen dem Wasser und den Wolken: Stadtpanorama von Rybinsk mit der Verklärungskathedrale und der ehemaligen Getreidebörse, die heute das Stadtmuseum beherbergt (Foto: Tino Künzel)

Vom Selbstbewusstsein der damaligen Kaufmannschaft zeugt der 1804 fertiggestellte Kirchturm der Verklärungskathedrale, mit 93,7 Metern noch heute der sechshöchste in Russland (und seit 1896 mit einem Uhrwerk aus der Uhrmacherei des in St. Petersburg tätigen Deutschen Friedrich Winter ausgerüstet). Auch St. Petersburger Baumeister wie Carlo Rossi haben sich in Rybinsk verwirklicht. Die einheimischen Kaufleute, die mit der damaligen Hauptstadt Handel betrieben, wollten zu Hause ein wenig von deren Glanz und Gloria abhaben und sich ihr Klein-Petersburg erschaffen. Mit etwas Fantasie kann man das auch heute sehen. 

Sehr Nobel

Zu den überraschendsten Sehenswürdigkeiten von Rybinsk zählt das Museum der Brüder Nobel in der Frolow-Straße. Überraschend deshalb, weil es sich einigermaßen verwegen anhört, dass die schwedische Unternehmer-Dynastie hier, in der russischen Provinz, Spuren hinterlassen haben soll. Hat sie aber. Das Museum befindet sich in den alten Geschäftsräumen der 1879 gegründeten Firma Branobel von Ludvig, Robert und Alfred Nobel, dem späteren Nobelpreis-Stifter. Die Ölgesellschaft war damals eines der größten Unternehmen Russlands. Ihren Sitz hatte sie in St. Petersburg und ihre Förderkapazitäten in Baku, unterhielt aber auch Raffinerien und Lagerstätten entlang der Wolga. Von Rybinsk aus gingen Öl und Ölprodukte in 39 Städte im In- und Ausland.

Ludvig-Nobel-Denkmal in Rybinsk (Foto: Tino Künzel)

Das russische Kapitel der nobelschen Familiengeschichte begann 1837, als sich Immanuel Nobel in St. Petersburg niederließ und eine Maschinenfabrik eröffnete. 1842 holte er seine Söhne nach, Alfred war damals zehn Jahre alt. Sie lernten Russisch und bezogen einen Großteil ihrer viel gerühmten universellen Bildung von russischen Lehrern. Im russisch-türkischen Krimkrieg lief das Rüstungsgeschäft von Immanuel Nobel blendend, später blieben die Aufträge aus und er kehrte nach Schweden zurück. Doch vor allem Ludvig Nobel hatte seinen Lebens- und Geschäftsmittelpunkt weiter in Russland. Er machte sich einen Namen nicht nur als Unternehmer, sondern tat sich auch durch gesellschaftliches Engagement hervor, gehörte zu den Förderern der Russischen Technischen Gesellschaft und Akademie der Wissenschaften. Auch bei der Einführung des metrischen Einheitensystems und von Gewerkschaften soll er eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Seit 2013 erinnert in Rybinsk ein Denkmal an ihn.

Geflügelter Stolz

In Rybinsk kennt man sich aus mit Dingen, die fliegen, fahren oder schwimmen. Hier wird traditionell Technik für militärische, aber auch zivile Zwecke produziert. Der Motorschlitten „Buran“, seit Anfang der 1970er Jahre hergestellt, leistet speziell in Russlands Norden nach wie vor gute Dienste. Auf der Wympel-Werft werden Wasserfahrzeuge verschiedenster Größe und Bestimmung gebaut, sie hat auch eine moderne Version der sowjetischen Tragflügelboote unter dem Namen „Kometa 120M“ herausgebracht, die seit 2018 zwischen Sewastopol und Jalta auf der Krim verkehrt. Doch vor allem wird aus Rybinsk die Flugzeugindustrie beliefert. Die sowjetischen Flugzeuge Il-62, Il-76, Tu-144 und Tu-154 waren mit Triebwerken von hier ausgerüstet. Unter seinem heutigen Namen NPO Saturn hat der Hersteller in einem Joint Venture mit Snecma aus Frankreich auch die Triebwerke für den Suchoj Superjet 100 entwickelt.

Symbolisch wird auf diese langen Traditionen sogar im Stadtbild verwiesen. 1983 wurde unweit des Bahnhofs in einer Wohngegend nämlich ein ausgewachsener Jet auf einen Sockel gestellt. Bei dem Flugzeugtyp handelt sich um das erste Strahlverkehrsflugzeug der Sowjetunion, eine Tupolew Tu-104A. Das konkrete Exemplar flog von 1960 bis 1980 für Aeroflot, bevor es in Rybinsk einen Ehrenplatz bekam. Die Maschine, länger als ein Airbus A320, bot nach mehreren Jahrzehnten Wind und Wetter, Vandalismus und Vernachlässigung aber irgendwann keinen schönen Anblick mehr. 2016 wurde es zum 100-jährigen Bestehen von Saturn umfassend restauriert und ist seitdem wieder ein Aushängeschild von Rybinsk.

Als wollte sie gleich abheben: Tupolew Tu-104, vor vielen Jahren in Rybinsk gelandet (Foto: Tino Künzel)

Neues altes Eisen

Zu Sowjetzeiten war Rybinsk im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl geradezu ein Wirtschaftsgigant. Allein das Motorenwerk brachte es 1970 auf 35.000 Beschäftigte (sein Nachfolger hat heute noch 12.500). Umso tiefer war das Loch, in das die Stadt nach dem Ende der Sowjetunion fiel. Viele Betriebe mussten schließen, andere strichen ihre Belegschaft zusammen. Binnen drei Jahrzehnten verlor Rybinsk ein Viertel seiner Einwohner, aktuell sind es noch 185.000. Doch so langsam scheint die postsowjetische Depression einer neuen Aufbruchstimmung zu weichen. Noch 2010 schrieb die MDZ: „Die Stadt leistet sich ein Maß an Verwahrlosung, wie es auch in der russischen Provinz eher selten vorkommt.

Seitdem hat sich viel getan, gerade die Altstadt ist teilweise kaum wiederzuerkennen. Und eine Idee sorgte zuletzt sogar russlandweit für Furore: Der Künstler Mitja Kusnezow, bekannt als Folkmusiker und Veranstalter diverser Großevents, hat sich etwas einfallen lassen, um die historische Aura von Rybinsk zu unterstreichen. Nahezu alle Geschäfte entlang der zentralen Straßen schmücken heute Ladenschilder im Stil des 19.  Jahrhunderts. Damalige Rechtschreibung inklusive.

Auch dieser Supermarkt der Kette Magnit wurde neu, also alt ausgeschildert. (Foto: Tino Künzel)

Meister Putin

Auch in der Biografie von Wladimir Putin hat sich Rybinsk eine Fußnote verdient. Als 20-Jähriger wurde der damalige Jurastudent 1973 bei einem hochrangigen Sambo-Wettkampf in der Wolgastadt Dritter, was ihm den begehrten Titel „Meister des Sports“ einbrachte. Mit Sambo (Abkürzung für Selbstverteidigung ohne Waffe), einer sowjetischen Kampfsportart mit fernöstlichen Anleihen, hatte der heutige russische Präsident in seiner Heimatstadt Leningrad angefangen, als er 13 war. Schon im Erwachsenenalter gab er dann Judo den Vorzug, aber zunehmend vor allem Studium und Beruf. Sein langjähriger Trainer Anatolij Rachlin bedauerte das sehr. Im Buch „Wladimir Putin. Die Lebensgeschichte“ des Journalisten Oleg Blozkij sagt er, Putin habe eine „überragende Ausdauer“ besessen – und überhaupt das Zeug dazu, einer der Besten in der Sowjetunion und in Europa zu sein. Auf der Matte sei er zum „Krieger“ geworden, der bis zur letzten Sekunde kämpfte, um dann in den Zustand eines „Philosophen, Denkers“ zurückzukehren: „Das war eine erstaunliche Eigenschaft, die er besessen hat.“

Tino Künzel

Auch Rybinsk hat seinen Roten Platz. Und er kann sich durchaus sehen lassen. (Foto: Tino Künzel)
Die Innenstadtstraßen sind gesäumt von zwei- und dreistöckigen Häusern. (Foto: Tino Künzel)
Hier ist nur der Himmel grau: alte Häuser und ein alter Lada. (Foto: Tino Künzel)
Auch beim Straßenverkehr treffen verschiedene Zeiten aufeinander. (Foto: Tino Künzel)
Der Eingang zum Markt (Foto: Tino Künzel)
Für die Brücke über die Wolga sollte nach Plänen aus den 1930er Jahren die Verklärungskathedrale abgerissen werden. Doch als die Bauarbeiten lange nach dem Krieg tatsächlich aufgenommen wurden, blieb die Kirche verschont. Stattdessen wurde die Brücke um ein paar Dutzend Meter verschoben. (Foto: Tino Künzel)
Am Wolgaufer wurde den Burlaki (Treidlern) ein Denkmal gesetzt, die vor dem Aufkommen der Dampfschifffahrt und teils bis ins 20. Jahrhundert hinein Schiffe gegen die Strömung zogen. Rybinsk war seinerzeit die „Hauptstadt der Burlaki“. (Foto: Tino Künzel)
Der Bahnhof von 1904 war über Jahrzehnte zunehmend heruntergekommen, bis er zwischen 2011 und 2014 sein ursprüngliches Inneres und Äußeres zurückbekam. Seitdem gilt er geradezu als Musterbeispiel einer gelungenen Restaurierung. (Foto: Tino Künzel)
Mittelschule in einem Wohngebiet (Foto: Tino Künzel)

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