Wie aus alten Sowjet-Kinos neue Lebens-Mittelpunkte werden

Den Randgebieten russischer Großstädte hat der Volksmund einen nicht unbedingt schmeichelhaften Zweitnamen verpasst: Schlafbezirke. Von diesen meist dicht besiedelten Plattenbauvierteln ist es oft weit zur Arbeit oder ins Zentrum. Zu Hause bleibt dann, überspitzt gesagt, nur Zeit zum Schlafen. Aber natürlich sollen die Viertel auch Orte zum Leben sein. In Moskau entstehen deshalb dort, wo bisher alte Kinos aus Sowjetzeiten waren, moderne Begegnungszentren. Acht sind inzwischen fertig.

Im Begegnungszentrum Rasswet wurde diesen Sommer sogar das Dach zur Bühne. (Foto: AGN Moskwa)

Zwischen dem Elbrus und dem Mars liegen 30 Kilometer. Wer das nicht glaubt, der kann in Moskau gern nachmessen. Elbrus und Mars sind hier die Namen zweier Filmtheater, die in den 1960er Jahren gebaut wurden – das eine in Zarizyno im Süden der Stadt, das andere in Altufjewo im Norden. Beide gehören zu bisher acht Stadtteilkinos aus Sowjetzeiten, die in letzter Zeit eine radikale Verwandlung zu Begegnungszentren erlebten. Oder, so die wörtliche Übersetzung des Oberbegriffs, zu Treffpunkten, auf Russisch Mesta wstretschi.

2024 sollen alle fertig sein

Diese Häuser sollen mit ihrer Vielseitigkeit dafür sorgen, dass die Anwohner mehr Zeit im eigenen Viertel verbringen können. Denn nun finden sie vor der eigenen Haustür in einem einzigen Gebäude von Einkaufsmöglichkeiten über Gastronomie bis zum Kino und Angeboten zur Freizeitgestaltung alles vor, wofür sie sonst vielleicht ins Zentrum gefahren wären oder zu den Malls am Stadtrand. Obendrein lernen sich so auch noch Nachbarn besser kennen und man fühlt sich gemeinsam wohler im eigenen Wohngebiet, das zumindest ist die Idee hinter den neuen Stadtteiltreffs.

Der erste, Angara, wurde vor knapp zwei Jahren eröffnet. 2024 sollen die letzten fertig sein. Insgesamt umfasst das Programm 39 alte Kinos zwischen dem dritten Stadtring und der Ringautobahn, also in den eher äußeren Stadtbezirken mit ihrer sowjetischen Wohnbebauung. Die ADG Group, ein russischer Developer, spezialisiert auf die Aufwertung öffentlicher Räume, hat sie 2014 von der Stadt gekauft. Nur noch elf waren zu diesem Zeitpunkt in Betrieb, 18 dagegen geschlossen und zehn wurden zu anderen Zwecken genutzt.

Oft bleibt nur der Name

Die anschließende Metamorphose lässt von den meisten nicht viel mehr als den Standort übrig, denn sie werden abgerissen. Den Namen vererben sie allerdings auch an ihre Nachfolgebauten, sogar das Design der Schrift bleibt von der Modernisierung verschont. Hier und da werden noch weitere Originalelemente übernommen. Aber nur in einigen wenigen Fällen dürfen die Bauten ihr eigenständiges Gesicht behalten. In der Regel muss es einer gemeinsamen Formensprache weichen: lakonische und schnörkellose Fassade, große Fensterfronten, Weiß, Grau und Schwarz als dominierende Farben. In gewisser Weise erinnert das Äußere der Drei- und Viergeschosser an Bauhaus. Versetzt mit Futurismus.

Verwunderlich ist das nicht. Das architektonische Konzept stammt vom Büro der Britin Amanda Levete, deren frühere Arbeiten sichtlich von Zaha Hadid und deren fließenden Linien beeinflusst wurden. Eines der letzten Projekte Hadids, der Entwurf für das neue Olympiastadion in Tokio, könnte mit seiner schneeweißen Glasfassade fast schon als Vorbild für die Moskauer Stadtteilmoderne gedient haben.

Alle Aktivitäten sind kostenlos

Das Innenleben der täglich von 10 bis 22 Uhr geöffneten Begegnungszentren ist eine Mischung aus Kommerz, Unterhaltung und aktiver Beschäftigung für die ganze Familie. Ob man sich nun für Kurse in Pilates oder Aquarellmalerei entscheidet, Englisch lernt, eine Partie Tischtennis oder Schach spielt, beim Bookcrossing mitmacht oder noch andere Dinge für sich entdeckt, die übrigens alle kostenlos sind: Nichtstun wird schwieriger.

Auf der Seite Mestovstrechi.ru sind alle bereits eröffneten Zentren im Detail vorgestellt. Gleichfalls gibt es dort eine Übersicht über bevorstehende Veranstaltungen. Dazu gehörten diesen Sommer zum Beispiel Open-Air-Filmvorführungen auf dem Dach.

So sieht der Nachfolgebau des Kinos Mars im Norden von Moskau aus. (Foto: AGB Moskwa)

Was die Bewohner des entsprechenden Viertels von den Treffpunkten haben, liegt also auf der Hand. Aber lohnt sich der Weg auch für jene Moskauer und Expats, die beispielsweise im Zentrum wohnen? Auf jeden Fall wäre das doch ein guter Grund für eine kleine Exkursion in Außenbezirke wie Chowrino, Nowogirejewo oder Sjusino, eine ganz andere Welt und doch praktisch nebenan.

Ach ja, Filme schauen kann man in den Begegnungszentren immer noch. Statt den sowjetischen Klassikern, die seinerzeit in den freistehenden Kinos liefen, sind es heute allerdings dieselben Welterfolge wie anderswo auch, aktuell zum Beispiel der Science-Fiction-Film „Dune“.

Renata Adnabajewa

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