Kultur und Kommerz: Was die Zukunft für Moskaus freistehende Kinos bringt

Der Gorki-Park will das ehemalige Kino „Welikan“ rekonstruieren und stellt sich damit gegen den Zeitgeist. Denn freistehende Kinogebäude sind in Moskau eine vom Aussterben bedrohte Art. Wo es sie noch gibt, sollen sie zu modernen Nachbarschaftszentren umgebaut werden.

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Noch ist das zukünftige Kino „Welikan“ ein unscheinbarer Klotz. © Lena-Marie Euba

Bau. Verlassen, schmucklos und grau steht er am Rand des Gorki-Parks. Seit einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg bröckelt das Gebäude im Inneren vor sich hin. Doch das soll sich noch in diesem Jahr ändern. Denn der Gorki-Park plant gemeinsam mit dem Architekturbüro „Kleinewelt Architekten“,  die Ruine zu dem zu machen, was sie vor dem Zweiten Weltkrieg war: das Kino „Welikan“ (Riese).

Das „Welikan“ war eines der ersten Kinos in Moskau, das für die Filmvorführungen ein ganzes Gebäude für sich allein hatte. Neun Jahre lang flimmerten dort Filme über die Leinwand, bevor der Betrieb eingestellt wurde. Nun soll den vier Wänden wieder Leben eingehaucht werden.

Das ist insofern bemerkenswert, da das Projekt gegen den Trend in Moskau geht. Denn die meisten Kinosäle in der russischen Hauptstadt befinden sich mittlerweile in den großen Einkaufszentren, zwischen H&M und Food-Court.

Russland pflegt seit jeher eine besondere Beziehung zu Filmtheatern. Schon Lenin erkannte das Kino als wichtiges Medium, mit dem das Volk unterhalten und vor allem erzogen werden sollte. Als Kunstform genoss der Film zudem hohes Ansehen, die dunklen Räume mit den großen Leinwänden waren stets gut besucht. Außerdem war das Kino „während der Sowjetunion die verständlichste aller Kunstarten, die Filmemacher waren den Menschen einfach am nächsten“, wie der Historiker Pawel Gnilorybow gegenüber der MDZ erklärt.

Kinoboom in der Sowjetunion

Wohl auch deshalb achteten sowjetische Städtebauer darauf, dass jedes Viertel ein Kino erhielt. Als Moskau in den 1960ern und 1970ern rasant wuchs, entstanden so viele neue Lichtspielhäuser. Und entgegen der sowjetischen Monotonie legte man hier Wert auf Abwechslung. Die neuen Kinos erhielten nicht nur klangvolle Namen wie „Almas“ (Diamant) oder „Orbita“ (Orbit), sondern auch eine individuelle Architektur. So leuchtete die himmelblaue Fassade des „Rasswjet“ (Sonnenaufgang) den Besuchern schon von Weitem entgegen, während der Springbrunnen im „Wolga“ die Strömung des längsten Flusses Europas darstellen sollte.

Doch der Zerfall der Sowjetunion bedeutete auch das Ende vieler Kinos. Aus Geldsorgen blieben die Russen zuhause und die Kassen folglich leer. Einige Gebäude schafften einen Neuanfang als Diskotheken, Märkte oder Cafés. Die meisten verfielen jedoch einfach.

Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert. Die Russen gehen wieder gerne ins Kino. Laut Meinungsforschungsinstitut WZIOM war der Besuch eines Filmtheaters 2018 die beliebteste Freizeitbeschäftigung in Russland. Doch das geschieht hauptsächlich im Stadtzentrum und den großen Einkaufstempeln, nicht aber in den Wohnvierteln.

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So sollen die neuen Nachbarschaftszentren aussehen © ADG Group

Das will die Immobilienfirma ADG Group ändern. Im Jahr 2014 kaufte sie insgesamt 39 alte Kinogebäude auf. Auf der Homepage des Unternehmens heißt es, dass man die Gebäude zu Nachbarschaftszentren ausbauen möchte. Darin sollen die Moskauer neben dem Kinogenuss ihre Konsumbedürfnisse in Cafés und Geschäften befriedigen können. Außerdem soll jedes Zentrum über ein „gemeinsames Wohnzimmer“ verfügen, in dem sich die Anwohner austauschen können, wie der leitende Architekt der ADG Group Alexej Beljakow erklärt. Damit soll das gesellschaftliche und kulturelle Leben außerhalb des Stadtzentrums gefördert werden.

Kritik an neuen Nachbarschaftszentren

Doch die Pläne der ADG Group stoßen in Moskau nicht nur auf Zustimmung. Architekten befürchten eine Monotonisierung des Stadtraums. Denn der Umbau der alten Kinos soll nach einem einheitlichen minimalistischen Plan erfolgen, der von den alten Kinos nicht viel übrig lässt. Metall und Glas statt Beton und Keramik soll es zukünftig heißen. Lediglich manche Häuser wie das „Warschawa“ („Warschau“)  sollen „teilweise wiederhergestellt werden“, wie Beljakow zugibt. Man wolle dort ein paar dekorative Elemente wie Mosaike übernehmen, so der Architekt.

Moskauer Medien wie das Stadtjournal „The Village“ befürchten zudem, dass die Firma – immerhin Mitglied im „Internationalen Rat der Shoppingzentren“ (ICSC) – unter dem Deckmantel der Nachbarschaftszentren schlicht und ergreifend weitere Einkaufstempel errichten will. Ob die Zweifel berechtigt sind, wird sich bereits in diesem Jahr zeigen. Dann sollen die ersten Nachbarschaftszentren eröffnen.

Architekturliebhaber und Kinofans hingegen werden sich umso mehr über den Wiederaufbau des Kinos „Welikan“ freuen. Denn der Plan sieht vor, das Gebäude in seiner historischen Form vollständig zu erhalten. So versichert es „Kleinewelt Architekten“. Weder Wände noch Gebälk sollen demnach angerührt werden. Die Architekten sehen für das Gebäude eine puristische Einrichtung mit  einem Kinosaal mit 180 Sitzplätzen, Räumen für Ausstellungen und einem Café vor. Fast-Food-Ketten und Klamottenläden müssen hingegen draußen bleiben.

Lena-Marie Euba

 

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