Über Moskau nach Berlin

Vor einigen Monaten verließ das E-Sport-Team Unicorns of Love die europäische Liga und wechselte nach Russland. Hier konnten sich die Gamer erstmals für die Weltmeisterschaft qualifizieren.

E-Sport
„Niemand verliert gern gegen ein Einhorn“, lautet die Erklärung für den ungewöhnlichen Mannschaftsnamen Unicorns of Love. © riotgames

„Momh, Momh, Momh“, schallte es aus zehntausenden Kehlen in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin, als auf dem Bildschirm ein großes Monster den ADC der Unicorns of Love (UoL) aus Moskau verschlang. ADC steht für „Attack Damage Carry“ und ist eine der wichtigsten Positionen im  Computerspiels „League of Legends“, dessen Weltmeisterschaften Anfang Oktober in Berlin begonnen haben. Um ein Spiel zu gewinnen ist es wichtig, dass der eigene ADC möglichst lange Schaden am anderen Team anrichten kann. 

Während das Publikum jubelte, bedeutete es für die russischen Spieler von UoL das Ende des Traums von der Weltmeisterschaft. Aber in Berlin zu spielen, war für das Team schon ein großer Erfolg – und die Erfüllung eines neun Jahre langen Traums für den deutschen Trainer Fabian Mallant. Denn obwohl das Team aus Russland kommt, ist die Organisation quasi ein deutsches Familienunternehmen. Mallants Vater ist der Eigentümer, seine Schwester im Management.

Der Weg nach Moskau schien wie ein Schritt zurück

Erst im Sommer 2019 war das Team nach vier Jahren aus der europäischen Liga in die russische Kontinentalliga gewechselt und fusionierte hier mit einem russischen Team. Denn als die europäische Liga auf ein Franchise System umgestellt wurde, fehlte das notwendige Investorengeld, um sich einen Platz zu sichern. Dies war ein herber Schlag für die Organisation, aber auch unangenehm für die Liga. Schließlich begeisterten die Einhörner mit ihrer häufig unkonventionellen Spielweise knapp 500 000 Anhänger und hatten damit die drittgrößte Fanbasis in Europa. 

Spielerisch ist die russische Szene stark. „Jahrelang waren Russland und E-Sport Synonyme“, betont Mallant. Was fehlt, ist eine professionelle Struktur – und die brachte Mallant mit, der über acht Jahre Erfahrung als Trainer und die Expertise einer ganzen E-Sport-Organisation verfügt. Zusammen mit taktischen Analysten, einem Koch und Physiotherapeuten plante er den Trainingsablauf und trieb seine Spieler zu Höchstleistungen. Der Erfolg gab ihm recht – prompt gewann das Team die Liga und qualifizierte sich für die WM. 

Inzwischen können die Spieler von ihren Gehältern leben. In Russland verdienen Spieler monatlich um die 3000 Euro. Aber für die Teams ist die finanzielle Situation nach wie vor schwierig. Nur wenige Spitzenteams erzielen nennenswerte Gewinne. Der Rest wartet auf das Interesse großer Investoren, erläutert der Trainer: „Die Diskussion, ob E-Sport ein Sport ist, ist vorbei. E-Sport wird bleiben, und er wird immer größer.“ „League of Legends“ verfügt über eine aktive Spielerbasis von 115 Millionen weltweit. Wichtiger noch, zwei Drittel aller Spieler bleiben nach ihrer aktiven Spielzeit am E-Sport interessiert.

Das zeigt sich auch im Interesse der Sponsoren, das längst auf eine ältere Gruppe zielt. So hatte etwa die deutsche Kondomfirma Billy Boy eine Werbekampagne mit den Unicorns. Wegen dieser Zukunft wollen die Unicorns am russischen Markt festhalten und im nächsten Jahr wieder zur Weltmeisterschaft zurückkehren. Dann, mit einem Jahr mehr Zeit mit den Spielern, sollen die Unicorns auch international wettbewerbsfähig sein.

Lucian Bumeder

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