Theater in der Steppe

Vorstellungen in einer abgele­genen Industriestadt, Gastspiele vor Kolchosbauern: Die Geschichte des Deutschen Theaters in Kasachstan sagt nur den wenigsten Deutschen etwas. Schriftstellerin Eleonora Hummel hat dem unbekannten Kapitel deutscher Kultur nun einen Roman gewidmet.

Im kasachischen Temirtau wurde 1980 das Deutsches Theater eröffnet. (Foto: klauzura.ru)

Arnold Bungert hat einen Plan. Traktorist will der Bauernsohn aus der kasachischen Steppe werden. Und Nelli heiraten, die schöne Tochter des Vorsitzenden der Kolchose. Dann Kinder bekommen, ein Haus bauen, und mit dem Schwiegervater Flussbarsche angeln gehen. Was könnte es schon Besseres im Leben geben? Doch als an einem heißen Tag im Sommer 1975 ein Auto im Dorf hält, kommt alles ganz anders. Die Regierung suche junge Menschen für eine Theaterschule, wird Arnolds überrumpelter Mutter erklärt. Deutsch sollten die Jungen und Mädchen können. Als Darsteller eines künftigen deutschen Schauspielstudios würden sie die lange verfemte Sprache auf sowjetischen Bühnen wieder zum Leben erwecken. Die Sprache seiner Ahnen beherrscht Arnold allerdings nicht wirklich. Er schlägt trotzdem zu – und besteht die Aufnahmeprüfungen.

Die vergessene Muttersprache

Mit diesen Szenen beginnt Eleonora Hummels neuer Roman „Die Wandelbaren“. Darin blättert die Schriftstellerin ein weitgehend unbekanntes Kapitel deutscher Kultur auf: Die Geschichte des Deutschen Theaters in Kasachstan. Die Anfänge der heute in Almaty ansässigen Bühne gehen auf einen Beschluss des sowjetischen Kulturministeriums aus den 1970er Jahren zurück. Damals sollten die nationalen Minderheiten des kommunistischen Riesenreiches eigene muttersprachliche Schauspielhäuser bekommen. Auch ein deutsches Theater war vorgesehen. Inszenierungen von Klassikern wie Lessing und Schiller in der Originalsprache wurden geplant. Die künftigen Darsteller wurden vor allem in Kasachstan gesucht, neben Westsibirien damals das Hauptsiedlungsgebiet der Deutschen in der Sowjetunion. Wichtigstes Auswahlkriterium war die Kenntnis der Muttersprache, welche vielen jedoch längst zur Fremdsprache geworden war. Daher stand das Erlernen des Deutschen auch im Zentrum des folgenden Studiums an Moskaus renommierter Schtschepkin-Theaterhochschule. Die umfassende Ausbildung in Tanz, Gesang gehörte zu den besten ihrer Zeit.

Von Umlauten und tückischen Klippen

Eleonora Hummel entwirft in ihrem Buch ein breites Panorama des deutschen Lebens in der späten Sowjetunion. Der Leser folgt Arnold und seinen Freunden Violetta, Emilia und Oswald auf ihrem Weg in die sowjetische Hauptstadt, staunt mit ihnen über die kubanischen Mitbewohner und die Vielfalt der Nationen im Studentenwohnheim und wird Zeuge erster Liebschaften. Er erfährt, wie kräftezehrend der Kampf der Studenten mit den tückischen Umlauten und anderen Klippen ihrer verschütteten Muttersprache verläuft. Zum ersten Mal liest man von den verschiedenen deutschen Dialekten, welche in der Sowjetunion gesprochen wurden, stöbert einen Tag in einer Bibliothek in sonst unzugänglichen deutschen Dokumenten aus den 1930er Jahren und unternimmt Ausflüge mit westdeutschen Austauschstudenten. Immer mehr werden sich die jungen Schauspieler ihrer deutschen Identität bewusst, am Ende Studium entsteht bei vielen der Wunsch nach einer eigenen Republik.

(Foto: muerysalzmann.com)

Harter Start in der Provinz

Doch die Ankunft in der Realität ist hart. Nach dem Studienabschluss winken keineswegs begehrte Bühnen in sowjetischen Metropolen. Stattdessen geht es nach Temirtau, einer grauen Industriestadt mit qualmenden Schornsteinen in Zentralkasachstan. Dort interessieren sich nur wenige Arbeiter für anspruchsvolle Inszenierungen von Brecht und Dürrenmatt. Oft muss das Ensemble vor halbleerem Saal spielen. Und auch die deutschen Kolchosbauern, welche die Truppe während der spielfreien Sommermonate besucht, dürstet es eher nach leichten Schwänken. Überdies machen Zensur und KGB den Schauspielern das Leben schwer. Mehr und mehr weicht der Idealismus dem Alltag, die Träume einer eigenen Republik rücken in weite Ferne. Als sich Mitte der 1980er Jahre schließlich die Zeiten ändern, wird die Gruppe schnell von den Ereignissen überholt – am Ende bleibt nur die Ausreise in die unbekannte Heimat Deutschland.

Birger Schütz

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