Teilnahme ohne Teilnahme: Russland auf der Berlinale

Am 12. Februar startet in Berlin die 76. Berlinale. Gemäß einer seit 2022 etablierten „Tradition" sind offiziell keine Filme aus Russland oder in russischer Koproduktion im Wettbewerb vertreten – doch das bedeutet nicht, dass russische Stimmen auf dem Festival fehlen.

Berlinale Shorts

Die Gäste der 76. Berlinale dürften im Februar mit einem neuen wissenschaftlichen Dokumentarfilm „Chuuraa“ der jakutischen Regisseurin Ewgenia Arbugaewa positiv überrascht werden. Produziert wurde der Streifen in Großbritannien, wo die Regisseurin auch wohnhaft ist.

Der Film erzählt die Geschichte eines Wissenschaftlers aus Sacha (auch als Jakutien bekannt, Republik im nordöstlichen Teil des asiatischen Russlands), der in die Tiefen des tauenden Permafrosts im arktischen Sibirien hinabsteigt. Auf der Suche nach einem urzeitlichen Wesen bahnt sich der Forscher seinen Weg durch gefährliche, enge Höhlen in das mythische Reich der Unterwelt.

Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit. (Quelle: Berlinale)

Laut mehreren russischen Medien basiert „Chuuraa“ auf einer Expedition unter der Leitung des Paläontologen und Forschers der Abteilung für Mammutfauna der Jakutischen Akademie der Wissenschaften, Ajssen Klimowskij. Der Wissenschaftler berichtete gegenüber dem Portal SakhaDay, der Film beleuchte die Geschichte, wie er und sein Team auf der Suche nach einem Höhlenwolf durch den tauenden Permafrost hinabgestiegen sind.

Der Wissenschaftler hofft nach eigenen Worten, dass der Dokumentarfilm das Interesse an der Wissenschaft wecken werde:

„Ich denke, es wird für viele eine Offenbarung sein, dass solche Arbeiten durchgeführt werden. Schließlich ist unsere Arbeit im Norden weltweit nicht sehr bekannt. Und natürlich hoffe ich, wie jeder Wissenschaftler, dass der Erfolg des Films sich positiv auf die Finanzierung unserer Expeditionen und Forschung auswirken wird.“

Ebenfalls in Berlinale Shorts zu sehen ist der abstrakte Animationsfilm „Unidentifizierte Unflugobjekte (UUO)“ von Sasha Svirski. Das Werk reflektiert über ein System von Objekten, die als nicht identifizierbar gelten können. Svirski entwickelt dabei eine eigene Technik, die Collage-Elemente mit einer bewussten Thematisierung von Chaos verbindet. Der Film ist als deutsche Produktion nominiert.

„Panorama“ und „Retrospektive“

In der Sektion Panorama Dokumente läuft der Dokumentarfilm „Russischer Winter“ (Un hiver russe) von Regisseur Patric Chiha. Er porträtiert Russinnen und Russen, die das Land nach 2022 verlassen haben. Der Film wird im Namen Frankreichs präsentiert.

Die Retrospektive der Berlinale widmet sich gleich mehreren filmhistorisch bedeutsamen Werken mit russischem Bezug: Gezeigt wird „Raspad“ („Der Zerfall“) aus dem Jahr 1990 – der erste Spielfilm überhaupt über die Tschernobyl-Katastrophe mit Sergej Schakurov und Alexej Serebrjakov, der bereits auf dem Filmfestival von Venedig ausgezeichnet wurde. Weiterhin ist „Von Osten (D’Est)“ von Chantal Akerman (1993) zu sehen: eine stille Reise ohne Kommentar von West nach Ost durch Polen, die Ukraine und Russland. Akermans Kamera hält mit respektvoller Distanz Alltägliches fest – Bäume und Brücken, Menschen jeden Alters in Wohnzimmern, Küchen, Feldern und beim Tanz. Höhepunkt ist eine lang angelegte Sequenz über Arbeiter einer Moskauer Busstation als Momentaufnahme der postsowjetischen Gesellschaft.

Szene aus dem Film Glocken aus der Tiefe"
Szene aus dem Film „Glocken aus der Tiefe“ (Quelle: Berlinale)

Ebenfalls in der Retrospektive: „Glocken aus der Tiefe. Glaube und Aberglaube in Rußland“ (1993) von Werner Herzog. Nach dem Zerfall der Sowjetunion reiste Herzog nach Sibirien und entdeckte trotz über siebzigjähriger sozialistischer Herrschaft eine erstaunliche Vielfalt religiöser Praktiken – von der orthodoxen Kirche über Schamanen bis hin zu Wunderheilern und Wanderpredigern. Sein Versuch, einen Blick in die „russische Seele“ zu werfen, gelang eindringlich und unverwechselbar.

Neben den Filmvorführungen bietet die Berlinale mit Berlinale Talents auch ein Förderprogramm für Nachwuchstalente. In diesem Jahr zählen der Schauspieler Odin Byron und die Dokumentarfilmerin Sascha Odynova zu den Teilnehmenden.

Viktoria Nedaschkowskaja, Ljubawa Winokurowa

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