Ein faires Geschäft

Wer gebrauchte Kleidung in der russischen Hauptstadt kaufen will, könnte schnell enttäuscht werden. In den Läden kommt man mitunter nicht billiger weg als bei den großen und bekannten Modeketten. Deshalb sind viele dazu übergegangen, nicht mehr Benötigtes einfach untereinander zu tauschen.

Frischer Wind um alte Sachen: Kleidertausch-Initiatorin Natalja auf einem ihrer Basare
(Foto: Instagram/kleidertausch_)

Eigentlich gibt es in Moskau nichts, was es nicht gibt. Schließlich ist die russische Metropole das Zentrum des größten Landes der Welt und zugleich sein Aushängeschild. Dem Konsum sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Glamouröse Markenläden und riesige Einkaufszentren prägen das Bild der Innenstadt. Doch bei all dieser Herrlichkeit bleibt etwas auf der Strecke: Die Seconhand-Kultur.

„Moskau ist jetzt nicht unbedingt eine Stadt, die für die Menschen gedacht ist. Da muss man schon Orte suchen, wo man es sich gemütlich machen kann“, meint Natalja Sabrodskaja. „Diese Kleidertausch-Initiative ist ein Versuch von mir, den man schon in diesem Kontext sehen kann.“ Die 27-Jährige ist Tochter einer Schneiderin, hat die Faszination für Mode sozusagen als Kind eingeimpft bekommen.

In Deutschland läuft es anders

Mit acht Jahren reiste Natalja zum ersten Mal nach Deutschland. Es folgten regelmäßige Besuche, ein Jahr in Elmshorn bei Hamburg und ein Semester in Würzburg. Sie spricht ein fließendes und fehlerfreies Deutsch. „Das Gefühl, dass es auf einem Flohmarkt oder in einem Secondhand-Laden tolle Sachen geben kann, kenne ich vielleicht seit vier, fünf Jahren. Erlebt habe ich das zum ersten Mal in Berlin“, erinnert sich die gebürtige Kaliningraderin zurück. In ihrem Heimatland sei das immer anders gewesen. Das hänge vor allem mit der Armut zusammen, die vielen Russinnen und Russen noch gegenwärtig ist. „Das Allerletzte, was diese Leute wollen, sind Secondhand-Klamotten“, erklärt Natalja. Es sei nichts Besonderes gewesen, die Sachen von anderen zu tragen.

Das könnte eine der Erklärungen dafür sein, weshalb es in Moskau so schlecht um das Geschäft mit dem Gebrauchten steht. Zwar gibt es Secondhand-Läden in der Stadt, doch die Preise sind meist trotzdem meilenweit von denen in Deutschland entfernt. „Das ist ein großes Problem. Alles ist immer gleich Vintage-Blabla und kostet dann genauso viel wie im Zara“, ärgert sich die Russin. „Es ist eben nicht der Ort, an dem du entspannt an einem Sonntag auf den Flohmarkt gehen und irgendetwas mitnehmen kannst, ohne dafür viel Geld auszugeben.“

Eine ganz spontane Idee

Natalja arbeitet beim Goethe-Institut in Moskau. Als 2018 das alljährliche Sommerfest ins Haus stand, wollte sie den Besucherinnen und Besuchern etwas Besonderes bieten. Etwas, das auch ihr selbst Spaß machen könnte: „Ich habe kurz überlegt und mir dann gedacht: Es wäre doch super, wenn wir überflüssige Dinge, von denen bestimmt jeder an die 15 Stück zu Hause hat, austauschen würden.“

Bevor es zum Tausch kommt, werden die Stücke präsentiert.
(Foto: Instagram/kleidertausch_)

Der kleine Basar, zu dem Natalja noch ein bisschen Musik spielte, wurde zum vollen Erfolg. Es war die Geburtsstunde des Kleidertausch-Projekts. Dabei geht es in erster Linie gar nicht um Klamotten, sondern um gebrauchte Gegenstände im Allgemeinen. Neben der Regel, dass hier nicht ver- und gekauft, sondern nur getauscht wird, gilt es im Grunde nur eines zu beachten. „Man sollte schon gucken, dass die Sachen nicht dreckig sind oder so. Damit sie die nächsten auch noch gut gebrauchen können“, erklärt Natalja.

Konsum ohne schlechtes Gewissen

Auf dem Sommerfest erkannte sie das Potenzial ihrer Idee. In deren Weiterentwicklung wurde sie von ihrer Freundin Maria Skworzowa unterstützt. Gemeinsam brachten sie die Tauschbörse in mehrere Moskauer Bars. Dabei ging es ganz nach Nataljas Geschmack: „Das hat das Ganze noch viel lustiger gemacht. In Bars begehst du keinen Gesetzesverstoß, wenn du neben dem Sachenaustauschen auch etwas trinken willst.“ Die beiden Freundinnen beschlossen, den Kleidertausch mit einer anschließenden Party zu kombinieren.

Natalja bezeichnet sich selbst als Feministin, trennt – wie nur die wenigsten in Moskau – ihren Müll und sieht sich selbst auf dem „Öko-Trip“. Auf den Veranstaltungen will sie aber trotzdem „nicht darüber diskutieren, wie wichtig es ist, hier jetzt die Welt zu retten.“ Schenkt man ihr Glauben, dann stellt sich der Wohlfühleffekt sowieso von alleine ein: „Eigentlich konsumiert man ja, aber man hat nie so ein schlechtes Gewissen, weil man weiß: Das hier sind meine alten Sachen, die brauche ich nicht mehr und gebe sie für etwas Neues ab.“

Über die Hauptstadt hinaus

Nach mehreren Veranstaltungen in Moskau ging es nach St. Petersburg und Kaliningrad. In beiden Städten wurde unterschiedlich auf den Kleidertausch reagiert. In St. Petersburg hielt sich die Nachfrage in Grenzen. Für Natalja war das keine Überraschung: „In St. Petersburg gibt es halt sowieso schon auf jedem Schritt und Tritt Secondhand-Läden oder man tauscht einfach bei sich zu Hause. Die brauchen nicht unbedingt noch jemanden, der kommt und da eine Party daraus macht.“

Die Organisation solcher Treffen läuft hauptsächlich über das Internet. Das soziale Netzwerk VKontakte und der Messenger Telegram sind dabei die Hauptanlaufsstellen. Natalja und Maria sind nicht die einzigen, die es satthaben, selbst in Gebrauchtläden viel Geld für Klamotten auszugeben. Solange sich das nicht ändert, werden es eigenständige Tauschbörsen sein, die den Secondhand-Gedanken am Leben erhalten.

Patrick Volknant

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