Kathedralen des Konsums: Moskaus beeindruckendste Einkaufszentren

In der russischen Hauptstadt wimmelt es von Einkaufszentren. Besonders die Zeit des „wilden Kapitalismus“ hat beeindruckende Konsumtempel von Glanz und Glamour hinterlassen. Die MDZ stellt einige interessante Exemplare vor.

Kontemplatives Schauspiel im Atrium des Einkaufstempels „Jewropejskij“ © Jiří Hönes

Beinahe immer steht jemand auf dem schmalen Steg und schaut andächtig zu, wie das Wasser sechs Etagen tief in den illuminierten Brunnen fällt. Wie die sechs in wechselnden Farben leuchtenden Aufzüge an der schwarzen Wand auf und ab fahren. Es ist einer der faszinierendsten Orte in Moskaus Shoppingwelt, das große Atrium des Einkaufszentrums „Jewropejskij“ am Kiewer Bahnhof.

Wie dieses entstanden seit den späten 1990er Jahren zahlreiche solcher opulenter Shoppingmalls in der Hauptstadt. Sie stehen sinnbildlich für den „wilden Kapitalismus“ unter Bürgermeister Juri Luschkow. Nicht nur an ihrer exzentrischen postmodernen Architektur scheiden sich die Geister, auch wegen der negativen Auswirkungen von Shoppingmalls auf die Ladenstruktur und den Verkehr wird immer wieder Kritik laut. Der Blogger Ilja Warlamow etwa zählt sie zu den zehn größten urbanen Fehlentwicklungen Moskaus im 21. Jahrhundert.

Ihrer Popularität beim Einkaufspublikum schadet das allerdings kaum. Neben Shopping in allen Preisklassen und der omnipräsenten Gastronomie haben die Center gerne auch diverse Freizeitangebote. Eins versucht das andere mit innenarchitektonischen Kuriositäten zu übertrumpfen, was zuletzt im Riesen-Aquarium im „Okeania“ gipfelte, welches allerdings nach einer Havarie zurzeit trockengelegt ist.

Der eine verabscheut Einkaufszentren als Ausgeburt des Kapitalismus oder einfach nur als nervtötende Ansammlung von Menschenmassen im Dunst des Fritteusefetts der immer gleichen Fast-Food-Ketten. Der andere liebt es, stundenlang darin umherzuschweifen und nach erfolgreichem Einkauf im Angesicht bunt leuchtender Springbrunnen zu Abend zu essen. Manch einer mag unentschlossen zwischen Faszination und Abscheu pendeln. Eine Entscheidungshilfe.

Jewropejskij

Vor allem bei Nacht sehenswert: das 2006 eröffnete Einkaufszentrzm „Jewropejskij“ © Jiří Hönes

Dem „Europäischen“ Einkaufszentrum nähert man sich am besten bei Dunkelheit, denn es erstrahlt dann im bunten Licht unzähliger Scheinwerfer, die Wasserspiele im Brunnen davor zeigen sich in wechselnden Farben.

Im Inneren des 2006 eröffneten Shoppingpalasts befinden sich fünf Atrien, die nach europäischen Metropolen benannt sind und deren Architektur nachahmen, mal historistisch-kitschig, mal in Pop-Art-Manier, überall schimmern Regenbogenfarben. Das größte und beeindruckendste hört auf den Namen „Moskau“. Hier befinden sich die besagten Aufzüge und bieten einen Blick auf das Wasser, das in Ringen von der Decke herab in den bunt illuminierten Brunnen im Untergeschoss fällt.

Wer nach dem Einkauf noch Lust auf Bewegung oder Spiel hat, fährt in die oberste Etage, ins Freizeitzentrum „Kosmik“. Ob allerdings der „Amstel Pub“ und seine Bowlingbahn den Gast wirklich an „die Straßen und Grachten Amsterdams erinnern“, wie es die Website verlauten lässt, muss jeder für sich selbst entscheiden. So glamourös das Einkaufszentrum ist, die Entertainment-Welt hat einen leicht dystopischen Charme und erinnert doch mehr an eine Ostseefähre.

Die Eislaufbahn mit ihrem „magischen Wald“ wirkt auch eher bedrückend und in der Spiele-Zone fühlt man sich endgültig in Filme wie „Running Man“ oder „Total Recall“ versetzt.

Ochotnyj Rjad

Figuren in römischen Gewändern zieren den Brunnen unter der Kuppel des „Ochotnyj Rjad“ © Jiří Hönes

Schon etwas älter ist das Einkaufszentrum „Ochotnyj Rjad“ an der gleichnamigen Metrostation in der Nähe des Kremls, es wurde 1997 eröffnet. Ungewöhnlich ist, dass sich der Großteil der Einkaufsflächen unter der Erde befindet. Tritt man vom Eingang auf Straßenniveau ein, geht es erstmal die Treppen hinunter.

Der Zugang von der Metro hat zunächst einen Hauch von Blade-Runner-Ästhetik, ein recht enges Treppenhaus, Sicherheitsschleusen, kleine Verkaufsstände mit Billigwaren, doch plötzlich steht man inmitten des unterirdischen Shoppingpalasts. Der ist mit viel Gold ausgestattet, die obere Etage mit Jugendstil-Flair, weiter unten klassizistisch, die elfenbeinfarbenen Treppengeländer sind im römischen Stil gehalten.

Im größten Atrium scheint von der Decke Tageslicht durch eine gläserne Weltkarte, darunter steht ein Brunnen mit bronzenen Figuren in römischen Gewändern, die eine Wasserschale halten.

Atrium

Street-Art ziert die Fassaden der Shoppingmall „Atrium“. © Jiří Hönes

Das „Atrium“ gegenüber dem Kursker Bahnhof ist seit 2018 vor allem von außen ein Hingucker. Das eklektizistische Gebäude mit seinen Arkaden, Türmen und Glaskuppeln wurde im Rahmen des Projekts „Artrium“ von Street-Art-Künstlern aus Russland, den USA, Frankreich, Spanien und Südafrika in eine riesige Outdoor-Galerie verwandelt.

Das ohnehin verspielte Gebäude wurde so vollends zum Pop-Art-Gesamtkunstwerk.

Im Inneren besticht es durch einen in Metallic-Regenbogenfarben gestalteten Aufzugsbereich mit vorgelagertem Brunnen. Neben zahlreichen Restaurants und Cafés gibt es auf der vierten Etage ein großes Kino.

Jiří Hönes

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