Rundgang an der „Sündengrenze“

Nach monatelanger Pause werden in Moskau wieder Stadtführungen angeboten. Egal ob klassische Touren oder thematische Rundgänge, die Auswahl ist riesig. Die MDZ hat an einer Führung teilgenommen.

Jewgenij erklärt den Teilnehmern, wie die Freudenhäuser im 19. Jahrhundert aussahen (Foto: Daniel Säwert)

Jewgenij Stepanow ist erleichtert, dass es endlich wieder losgeht. Viel zu lange mussten er und seine Kollegen warten, um Einheimischen und Touristen wieder die schönen und geheimen Ecken Moskaus zeigen zu können. Dafür, dass Stadtführungen durch die Hauptstadt erst seit Mitte Juli wieder stattfinden können, hat er wenig Verständnis. Schließlich durften Cafés und Parks bereits einen Monat früher wieder öffnen. Erst ein offener Brief der Stadtführer brachte das Rathaus zum Umdenken.

Seit sieben Jahren ist Jewgenij Tourleiter. „Lernt Moskau zu lieben und es wird mit euch auf einer Sprache sprechen“, steht auf seiner Seite. Moskau sei eine Stadt, in die viele wegen des Geldes ziehen. Aber man muss diese Stadt auch lieben, sagt Jewgenij voller Überzeugung im Gespräch mit der MDZ. Auch eine Übersicht seiner Touren findet man auf der Seite. Fast 20 sind es. Viele davon hat sich Jewgenij selbst ausgedacht und entworfen. Neben klassischen Architektur-Routen bietet er auch Themenrundgänge an. Eine Straße entlangzugehen und Häuser zu erklären, gehöre dazu, mehr Spaß mache es ihm aber, Geschichten zu erzählen, sagt Jewgenij. Auch wenn es aufwendig ist. Bis zu sechs Monate brauche er, um eine Tour zu entwerfen und die Materialien zu finden. Und das ist oft gar nicht so einfach, wie etwa beim Rundgang „Glanz und Elend der Moskauer Kurtisanen“, zu der die MDZ eingeladen ist.

Zu Besuch im ehemaligen Vergnügungsviertel

„Willkommen am Grund von Moskau“ begrüßt Jewgenij die Teilnehmer. Eine zweideutige Begrüßung. Denn der Trubnaja-Platz ist nicht nur der am niedrigsten gelegene Punkt entlang des Boulevardrings, sondern auch der Ort, um den herum sich einst Moskaus Rotlichtviertel befand. Der Boulevardring, heute eine beliebte Flaniermeile der Hauptstädter, markierte im 19. Jahrhundert die „Sündengrenze“, wie Jewgenij es nennt. Während die Männer in den Bordellen und Restaurants außerhalb des Rings die Sünden begangen, konnten sie diese in den Kirchen und Klöstern auf der anderen Seite vergeben lassen.

Knapp 200 sogenannte „Toleranzhäuser“, in denen Prostituierte ihr Geld verdienten, gab es einst rund um den Trubnaja-Platz. Nicht selten kamen die jungen Frauen aus dem Ausland und galten daher als sprachgewandt und gebildet. Und das Geschäft lief gut. Schließlich wurde die Prostitution bereits 1841 legalisiert. Heute kaum vorstellbar, gehörte das Viertel damals zu den günstigsten in der Stadt und zog auch Künstler an, die hier eine bezahlbare Bleibe fanden. 

Von der ersten Minute der anderthalbstündigen Tour an merkt man, dass Jewgenij in seinem Element ist. Die Fakten sprudeln nur so aus ihm heraus. Und das mit einer Leichtigkeit und einem Witz, um den ihn so manch ein russischer Museumsführer sicherlich beneidet. Doch es sind nicht nur Fakten, sondern vor allem die literarischen Einwürfe, die dem Rundgang eine besondere Note geben. Denn schließlich fand das Leben im Rotlichtviertel auch Eingang in die Werke von Schriftstellern wie Walerij Brjusow und Wladimir Giljarowskij. Beide dürften Ausländern weniger bekannt sein. Ein Grund mehr, ihre Bücher doch einmal in die Hand zu nehmen.

Außer ein paar Anwohnern sind alle zufrieden

Jewgenijs Tour ist nicht nur Geschichts- und Literaturunterricht, sondern auch ein wenig Kulturstudium. Kurz vor dem Ende erklärt er den Teilnehmern, wie sexuell freizügig und experimentierfreudig die junge Sowjetunion war. Und illustriert die Zeit mit Zitaten und Zeichnungen.  Die Reaktion der Gruppe zeigt, dass viele von diesem Teil ihrer Geschichte nicht viel wussten.

Am Ende der Rotlicht-Tour sind die Teilnehmer zufrieden. So soll es sein. Probleme machen einzig ab und zu die Anwohner, sagt Jewgenij. Denn wenn er in sein Mikrofon über die Freudenhäuser spricht, hören die alles mit. Einige haben ihn deshalb gebeten, vor ihrem Fenster doch lieber über angenehme Themen wie Anton Tschechow und andere Schriftsteller zu reden, scherzt Jewgenij.

Für die Zukunft wünscht er sich, dass wieder mehr Touristen an seinen Touren teilnehmen. Auch Ausländer. Während der Fußballweltmeisterschaft 2018 haben sich viele Fans von ihm und seinen Kollegen die Stadt zeigen lassen und seien begeistert gewesen. Jewgenij hat nichts dagegen, wenn es wieder so kommen würde.

Mehr Informationen zu den Touren gibt es unter moscowwalking.ru.

Daniel Säwert

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