Roter Platz: „Die Ehrfurcht ist verloren gegangen“

Der Schweizer Fotograf Herbert Rothen stellt diesen Monat seine Straßenfotos vom Roten Platz aus dem Jahr 1999 im Museum Moskau aus. Es hat sich viel verändert, seit er in jener Zeit zum ersten Mal das Kopfsteinpflaster im Herzen Moskaus betrat.

Rothen

1999: Jugendliche mit Lenin auf dem Roten Platz / Herbert Rothen

In den 90er Jahren befand sich Russland im Umbruch. Die „stürmischen Neunziger“ fanden ein Ende und ein Gefühl der Stabilität machte sich breit. Genau zu dieser Zeit verschlug es den Fotografen Herbert Rothen zum ersten Mal nach Moskau. Der gebürtige Schweizer wollte die russische Hauptstadt schon immer mal selbst erleben. Sein besonderes Interesse galt dem Roten Platz, da er schon so viel über diesen geschichtsträchtigen Ort gehört hatte. Das Herzstück Moskaus steht auch im Fokus seiner aktuellen Ausstellung im Museum Moskaus. 58 Schwarz-Weiß-Fotografien vom Roten Platz und seiner Umgebung präsentiert er hier zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit.

Rothen erzählt von seiner einstigen Reise mit großer Begeisterung. Die Fotos seien über mehrere Tage entstanden, stundenlang habe er das Geschehen auf dem Platz beobachtet. Zu allen Tageszeiten sei er dort gewesen, um auch ja nichts zu verpassen. Die Kamera gezückt, ginge es meist sehr schnell, man lichte ja nur Bruchteile einer Sekunde ab. „Mit der Straßenfotografie fängt man kleine Momente ein, die etwas ganz Spezielles darstellen“, erklärt er. Und tatsächlich erzählt jedes Bild in der Ausstellung eine eigene kleine Geschichte. Junge Mädchen sind zu sehen, wie sie freudig in einem Brunnen im Alexandergarten herumspringen, ein Schauspieler, der Lenin verkörpert und den umstehenden Anwesenden vom Kommunismus berichtet, räumende Putzfrauen, rastende Priester und vorbeischreitende Militärparaden. Die Stimmung der Bilder ist unbeschwert und fröhlich.

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Herbert Rothen (Mitte) bei der Ausstellungseröffnung / Herbert Rothen

Dennoch hat Rothen damals eine gänzlich andere Atmosphäre erlebt als bei seinem diesjährigen Besuch auf dem roten Platz. „Heute erinnert mich der Platz ans Disneyland Paris“, meint er. „Die Ehrfurcht ist verloren gegangen.“ Damals habe man den Geist der Sowjetunion noch deutlich spüren können, es wären viel weniger Menschen dort gewesen und diese hätten sich reichlich Zeit genommen und sich mit ihrem Umfeld auseinandergesetzt. Er sei kein großer Fan der Sowjetunion, aber das habe ihn schon beeindruckt. Es sei allgemein viel ruhiger gewesen, einige Bereiche waren abgesperrt. „Man hatte damals fast ein bisschen Angst, dorthin zu gehen. Das Militär war überall präsent“, erzählt er. Heute sei der Platz voller Menschen, und er habe beobachtet, wie sie bloß zügig zur Basiliuskathedrale vorgehen, zwei, drei Selfies mit ihrem Smartphone schießen und wieder zurückmarschieren. „Kaum einer ist vor dem Leninmausoleum stehen geblieben. Früher hielten dort viele Besucher einen Moment inne.“ Der Fotograf vermutet, dass manche wohl überhaupt nicht mehr von dem Mausoleum wissen, wenn sie es dermaßen links liegen lassen. Der Rote Platz sei zu einer Attraktion geworden und seine Geschichte zur Nebensache. Rothen hat dieses Mal daher keine Bilder geschossen. Ein Grund mehr, sich die Bilder in der Ausstellung anzuschauen. Die Sorglosigkeit und Ruhe, die Rothen 1999 eingefangen hat, wird es in der Form auf dem Roten Platz nicht noch einmal zu sehen geben.

Alina Bertels

Bis 31. August
Museum Moskaus
Subowskij bulwar 2
M. Park Kultury
mosmuseum.ru

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