Netz statt Flimmerkiste

Blogger gewinnen immer mehr Leser und den TV-Moderatoren laufen die Zuschauer weg: Der Medienwandel geht auch am größten Land der Erde nicht vorbei. Eine Studie beleuchtet nun die Veränderungen in der Mediennutzung der Russen.

Mit Smartphone und Messenger: Russlands Jugend informiert sich heute vor allem im Internet. /Foto: c.pxhere.com

Scharfe Töne in Richtung Westen, handverlesene Interviewpartner, die keine unangenehmen Fragen fürchten müssen und eine wohlwollende Haltung gegenüber der Regierung: „Der Sonntagabend mit Wladimir Solowjow“ gehört zum festen Wochenendprogramm des staatlichen Fernsehsenders Rossija 1.

Propaganda ohne Zuschauer

Doch der Sendung mit dem Moderator, den Oppositionelle als schärfsten Kreml-Propagandisten bezeichnen, laufen die Zuschauer weg. Denn immer mehr Russen schalten den Fernseher ab – oder gar nicht erst an. Dies ergab eine groß angelegte Studie des Meinungsforschungsinstitutes Lewada-Zentrum. Demnach sei der Anteil der Russen, die ihre Nachrichten vorrangig aus dem Fernsehen beziehen, innerhalb der vergangenen zehn Jahre von 94 Prozent auf 72 Prozent gesunken, heißt es in der Untersuchung, welche sich mit der veränderten Mediennutzung der Russen auseinandersetzt.

Vor allem bei den Jüngeren verliert das Fernsehen als Informationsquelle beständig an Einfluss. Nur noch 42 Prozent der jungen Männer und Frauen in der Gruppe der unter 25-Jährigen schalten regelmäßig ein, um sich über das Neueste aus Politik und Gesellschaft zu informieren. Wie gravierend das TV an Einfluss verliert, zeigt das Beispiel des Perwyj-Kanals: Die Zahl der Befragten, die den ersten russischen Kanal regelmäßig einschalten, sank innerhalb eines Jahres von 72 auf 47 Prozent.

Rentner lieben Polit-Talkshows

Demgegenüber erfreut sich die Flimmerkiste bei Rentnern allerdings ungebrochener Beliebtheit. Ganze 93 Prozent in der Generation ab 65 Jahren schauen regelmäßig die großen Nachrichtensendungen und Talkshows der landesweiten Kanäle.

Das nachlassende Interesse am Fernsehen erklären die Forscher mit einem massiven Vertrauensschwund. Nur etwas mehr als die Hälfte der Russen – 55 Prozent –  glauben danach noch an das, was Abend für Abend über ihre Bildschirme flimmert. Vor zehn Jahren lag dieser Wert noch bei fast 80 Prozent. Vor allem Meldungen über wirtschaftliche Erfolge Russlands stoßen zunehmend auf Skepsis, heißt in der Untersuchung.

Radio und Zeitungen auf dem Rückzug

Doch nicht nur das Fernsehen verliert als Informationsquelle an Bedeutung. Auch die anderen traditionellen Medien sind von dem Wandel im Verhalten der Nutzer betroffen. So haben russische Radiosender und Zeitungen in den vergangenen zehn Jahren mehr als die Hälfte ihrer Konsumenten verloren, heißt es in der Studie. Maximal 15 Prozent der Älteren schalten für Nachrichten noch den Empfänger ein oder holen sich am nächsten Kiosk ein aktuelles Blatt.

Doch trotz der Vertrauenskrise ist der Bedarf an verlässlichen und seriösen Informationen im Land weiterhin ungebrochen. Und die holen sich die Russen zunehmend im Internet. Vor allem die Jüngeren unter 35 Jahren sind dort unterwegs. Rund  56 Prozent der Bevölkerung nutzen mittlerweile soziale Netzwerke wie VKontakte, Odnoklassniki oder Instagram, um sich auf dem Laufenden zu halten. Vor acht Jahren lag dieser Wert noch bei 22 Prozent.

Blogger profitieren von Medienkrise


Von dem wachsenden Vertrauen in Infos aus dem Netz profitieren auch immer mehr Videoblogger. Etwa ein Drittel der Russen besucht mindestens einmal pro Woche entsprechende Seiten, um bei Fragen wie Naturschutz, Politik oder Gesundheit auf dem neuesten Stand zu bleiben. Unter Jugendlichen sind vor allem Messengerdienste wie Whatsapp und Viber als Nachrichtenquelle immer mehr im Kommen. Die russische Alternative Telegram wird bisher allerdings nur von acht Prozent der Bevölkerung genutzt – Tendenz steigend.

Birger Schütz

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