Moskauer Gespräch: Kants Vermächtnis

Die Bologna-Reform steht ständig in Kritik: Junge Menschen hetzen durchs Studium, immer auf der Jagd nach Bestnoten, um schnell den Karrieresprung zu schaffen - für Hobbies und Persönlichkeitsbildung bleibt kaum Zeit. Beim Moskauer Gespräch wurde eine Bilanz gezogen.

Beim Moskauer Gespräch kommt jeder zu Wort: Andreas Stopp (Moderator), Wadim Wojnikow, Hartmut Koschyk, Rosina Neumann und Leonid Kornilajew (v.l.n.r.) /Foto: Katharina Lindt.

Vor 20 Jahren wurde an der Sorbonne-Universität in Paris der Grundstein für eine gemeinsame europäische Hochschulpolitik gelegt. Die Bologna-Reform fegte durch jeden Hörsaal, tauschte Diplom und Magister gegen Bachelor- und Masterabschlüsse aus, verkürzte die Studienzeit und ebnete den Weg für mehr Spezialisierung.

Die große Reform plagt Studierende bis heute, meint Rosina Neumann von der Universität Rostock beim Moskauer Gespräch auswärts in Kaliningrad zum Thema „Was würde Kant dazu sagen? Schlüsselqualifikationen im globalen Bildungswettbewerb“. Neumann ist Diplom- Psychologin und Expertin für Kommunikationspsychologie und interkulturelle Kommunikation. Bei ihrer Arbeit in der Lehrer- und Lehrerinnenausbildung begegnet sie dem Phänomen, dass die „solide“ Grundausbildung bei den Bachelor-Studiengängen fehlt. „Was nützt mir ein Lehrer, der den Kopf voller Wissen hat, aber nicht in der Lage ist, dieses Wissen zu transportieren?“, fragt Neumann. Gerade die Persönlichkeitsbildung komme während der Ausbildung zu kurz.

Zeit für Entschleunigung

Junge Menschen wissen um die Schwächen des Bologna-Prozesses, der nicht zwangsläufig zum interdisziplinären Denken und Studium Generale führt. Gerade deshalb suchen sie die Entschleunigung, sagt Hartmut Koschyk, Ratsvorsitzender der Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland und Erster Vorsitzender von Alexander von Humboldt-Kulturforum Schloss Goldkronach e. V. „Es ist heute nicht das Entscheidende, das Studium in schneller Zeit durchzuziehen. Sie spüren, dass in der Wirtschaft zunehmend nicht nur die guten Examensnoten wichtig sind.“ Auch Herzensbild, meint Koschyk und schlägt die Brücke zur Eingangsfrage des Abends: Was würde Kant zu den heutigen Bildungsidealen sagen?

Immanuel Kant lebt auch im 21. Jahrhundert weiter, ist Leonid Kornilajew überzeugt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Baltischen Föderalen Immanuel-Kant-Universität in Kaliningrad und untersucht unter anderem die Geschichte des Neukantianismus und Kants Philosophie der Wissenschaft. „Kant war ein begnadeter Pädagoge, der die Frage ,Was ist ein Mensch?‘ immer priorisiert hat“, sagt Kornilajew. Auch jetzt müssen wir diese Frage diskutieren, um eine Antwort auf die heutigen Bildungsziele zu erhalten, erklärt der Philosoph.

Gerade in einer Zeit, in der der digitale Wandel mit schnellen Schritten voranschreitet. „Hier lehrt uns Kant zwei wichtige Dinge: denken und Bürger sein. Im Herzen dieser Theorie befindet sich die selbstkritische Persönlichkeit, die selbständig Entscheidungen fällt und mutig ist, sich seines Verstandes zu bemächtigen.“

Arbeitswelt im Wandel

Auch Wadim Wojnikow, Dozent am Institut für Rechtswissenschaften der Immanuel-Kant-Universität in Kaliningrad hofft, dass seine Studenten zu selbstreflektierenden Absolventen heranreifen. „Juristen sollten nicht nur Spezialisten sein, sondern auch Intellektuelle“, meint Wojnikow. Dass dieser Beruf auch in Zukunft gefragt sein wird, ist sich der Dozent sicher, obwohl die Digitalisierung auch hier an jede Tür klopft. Erst kürzlich kündigte Sberbank-Chef German Gref an, 3000 Juristen zu kündigen, weil ihre Arbeit auch sogenannte „Smart Contracts“ ausführen können.

Neue Technologien werden viele Berufe transformieren. Lebenslanges Lernen wird deshalb umso wichtiger, sind sich die Diskutierenden einig. Und Kant ist da das beste Beispiel.

Katharina Lindt 

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