Was uns Ortsnamen verraten

Längst vergessenes Handwerk, mittelalterliche Dorfbesitzer, ein Jagdrevier – Orts- und Straßennamen sind ein Fernrohr in die Vergangenheit. Denis Romodin vom Museum Moskaus hat der MDZ einige Geheimnisse der Moskauer Namenswelt verraten.

Ortsnamen in Moskau: Sokolniki
Sokolniki: Oft markieren Stelen die Grenzen der Bezirke. (Foto: Jiří Hönes)

Namen von Stadtvierteln, Straßen und Plätzen verraten uns manches über die Vergangenheit. Nicht immer sind sie leicht zu entschlüsseln. Einige haben sich im Lauf der Jahre verändert, andere gehen auf Wörter zurück, die nicht mehr in Gebrauch sind. Manche stammen gar aus anderen Sprachen. Viele bleiben selbst für Spezialisten ein ewiges Rätsel.

Denis Romodin, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum Moskaus, hat der MDZ einige Geheimnisse hinter den Namen, die uns tagtäglich in der Stadt begegnen, verraten. „Viele Namen im Zentrum der Stadt gehen auf Gewässer oder auffällige Erscheinungen im Gelände zurück“, so der Forscher. Das Viertel Presnenskij zum Beispiel hat seinen Namen von dem Flüsschen Presnja, das heute völlig unter der Erde verschwunden ist. Dessen Name geht auf sein besonders klares Wasser zurück, mit dem es sich wohl von anderen Flüssen der Gegend abhob.

Überbleibsel aus nichtslawischen Sprachen

Zu den ältesten Ortsnamen in Moskau, die heute noch in Gebrauch sind, gehört auch Podol, wie Denis Romodin erläutert. Damit wurde schon im 12. Jahrhundert das Gebiet zwischen dem Kremlhügel und der Moswka bezeichnet. Die Bezeichnung slawischen Ursprungs ist in vielen Städten zu finden und bezeichnet stets eine flache Stelle unterhalb eines Bergs. In Kiew beispielsweise trägt ein bekanntes Viertel diesen Namen.

Gerade sehr alte Ortsnamen entstammen oft nichtslawischen Sprachen, nicht nur in Moskau. Das betrifft nicht nur Gewässernamen, die meist besonders weit in die Vergangenheit zurückreichen. Die Flussinsel Baltschug zum Beispiel stammt aus dem Tatarischen und bedeutet so viel wie Ton oder Schlamm, was auf den tonigen Boden in diesem Gebiet zurückgeht. Der Name ist seit dem 14. Jahrhundert bekannt. Zur Insel wurde die Gegend erst im späten 18. Jahrhundert, als der Wasserumleitungskanal gebaut wurde.

Der Arbat gibt Rätsel auf

Auch der Arbat hat seinen Namen vermutlich aus einer nichtslawischen Sprache. Aus welcher, das konnte bis jetzt noch nicht geklärt werden. Erstmals genannt wurde der Name als „Orbat“ in einer Chronik im Jahr 1475. Einer Hypothese zufolge geht er auf das arabische Wort Rabat zurück, mit dem vor allem in Zentralasien Vorstädte bezeichnet werden. Eine andere Hypothese nennt das türkische Wort Arba als Ursprung. Das bedeutet „Karren“, demnach wäre hier das Viertel der Wagenbauer gewesen.

Solche Namen nach bestimmten Berufen sind gar nicht selten. „Meistens handelt es sich um die Namen von Handwerkersiedlungen. Sie können sich sowohl in den Namen von Stadtvierteln als auch von Straßen widerspiegeln“, sagt Denis Romodin. Serebrjaniki nennt sich beispielsweise ein Viertel am Ufer der Jausa, benannt nach den dort einst angesiedelten Silberschmieden. Und wer sich schon einmal gefragt hat, woher die Metrostation Taganskaja ihren Namen hat, mag überrascht sein. Das Wort Tagan bezeichnet ein dreibeiniges Gestell, etwa für einen Kochtopf. Solche Gestelle wurden im dortigen Viertel einst für das Militär hergestellt. Das Wort stammt übrigens ursprünglich aus dem Griechischen, kam jedoch über das Türkische oder Tatarische nach Russland.

Der Bezirk Kotelniki im Osten hat seinen Namen von den Kesselschmieden, die wohl einst dort ihr Handwerk betrieben. Noschowyj Pereulok, der Name einer Gasse in der Nähe des Arbat, geht auf die Messerschmiede und ihr Geschäft zurück.

Bojaren als Namensgeber

Manches Dorf ging im Laufe der Zeit in der Großstadt auf. Deren Namen bekleiden heute nicht selten die Stadtbezirke, die sich an den entsprechenden Stellen befinden. „Diese Namen wurden, wie in ganz Zentralrussland, aus Vor-, Spitz- oder Familiennamen gebildet“, erklärt Denis Romodin. Ein Beispiel hierfür ist der heutige Doppelname Troparjowo-Nikulino im Südwesten. Beide Bestandteile haben ihren Namen von Bojaren, die im Mittelalter Besitzer dieser Dörfer waren: Iwan Tropar und Mikula Weljaminow.

Auf die Jagdlust des Adels verweist wiederum der Name Sokolniki: Der dortige Kiefernwald wurde seit dem 15. Jahrhundert für die großherzogliche, später königliche Falknerei verwendet, wie Denis Romodin mitteilt. Sokol ist das russische Wort für den Falken.

Und hat die Stadt Moskau ihren Ortsnamen? Klar ist, dass schon der Fluss so hieß, bevor es die Stadt gab. Doch ob der Name slawischen oder baltischen Ursprungs ist, das ist bis heute umstritten. So oder so, beide Varianten weisen auf altertümliche Wortwurzeln für Nasses und Sumpfiges.

Jiří Hönes

Kommentare

Kommentare

Newsletter

Wir bitten um Ihre E-Mail: