Mit dem Hubschrauber zum Meeting

Anfang August nahm die Firma Russian Helicopter Systems Charterflüge von Moskau nach Kaluga auf. Auch andere Unternehmen wollen ins Geschäft mit „Lufttaxis“ für Businesskunden einsteigen. Doch Flüge ins Moskauer Stadtzentrum sind bislang tabu.

Der Leichthubschrauber VRT-500 soll ab 2022 einsatzbereit sein. (Foto: vrtech.aero)

Die Rede ist von nicht weniger als dem ersten „Hubschrauber-Taxi“ Russlands: Am 5. August nahm das Unternehmen Russian Helicopter Systems offiziell den Betrieb von Passagierflügen zwischen Moskau und der knapp 200 Kilometer südwestlich gelegenen Stadt Kaluga auf. Der erste Flug diente in erster Linie Werbezwecken. Doch das Unternehmen, das bislang Hubschrauberdienstleitungen etwa für die Luftrettung und die Forstwirtschaft anbietet, möchte ernsthaft Charterflüge auf der Strecke anbieten. Rund 40 Minuten dauert der Flug.

Alexej Sajzew, Direktor des Unternehmens, hat vor allem Geschäftsleute als Kunden im Blick. „Ich denke, dass der Einsatz eines Hubschraubers ein Ausweg aus der heutigen Verkehrssituation ist“, sagte er gegenüber dem Fernsehsender „Nika“ mit Hinblick auf regelmäßige Staus auf den Straßen der Region anlässlich des Erstflugs.

Zum Einsatz kam dabei eines der ersten Serienmodelle des Typs Mi38, der von den Kasaner Hubschrauberwerken in Kooperation mit dem Konstruktionsbüro Mil gefertigt wird. Der mittelschwere Mehrzweckhubschrauber wurde für Russian Helicopter Systems in einer speziellen VIP-Konfiguration ausgeliefert. Die bietet Platz für elf Passagiere und bietet gehobenen Komfort mit Business-Class-Ausstattung.

Passagierflüge für mehr als 400 Euro die Stunde

Ein Flug für drei Passagiere soll laut dem Fernsehsender „Moskwa 24“ 40000 Rubel (ca. 450 Euro) pro Stunde kosten, bei sieben bis neun Passagieren wird ein Betrag ab 200 000 Rubel (ca. 2300 Euro) fällig. In Planung sind laut dem Magazin „Tulskije Nowosti“ auch Flüge nach Tula und Nischnij Nowgorod.

Doch Russian Helicopter Systems ist nicht das einzige Unternehmen, das Passagierflüge mit Hubschraubern für zahlungskräftige Businesskunden als Geschäftsfeld anpeilt. Die Firma Aerosojus, deren Hauptgeschäft Vertrieb und Wartung von Helikoptern ausländischer Hersteller ist, bietet seit 2018 unter dem Namen Aerotaxi Charterflüge an. Nach eigenen Angaben hatte das Unternehmen seither über 10 000 Kunden. Wie viele davon tatsächlich auf Businessflüge entfallen, wird jedoch nicht klar, denn Aerotaxi vermarktet auch touristische Rundflüge. Für eine Flugstunde mit einem Robinson R-44, der Platz für drei Passagiere bietet, werden laut Firmenwebsite 3600 Rubel (ca. 420 Euro) fällig.

Flüge ins Moskauer Stadtzentrum sind allerdings nicht erlaubt. Die Grenze ist der Moskauer Autobahnring MKAD. Daher startet das Unternehmen vom Firmengelände in Prokschino in Neu-Moskau. Nach eigenen Angaben arbeitet man jedoch seit 2019 daran, eine Genehmigung für Flüge in die Stadtmitte zu erhalten.

Yandex zeigt schon länger Interesse an Lufttaxis

Zudem entsteht nahe der Metrostation Prokschino in Zusammenarbeit mit der Entwicklungsgesellschaft A101 ein Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach eines Einkaufszentrums. Der Bau soll schon in wenigen Wochen abgeschlossen sein. Wladimir Schidkin, Leiter der Abteilung für Stadtentwicklung in Neu-Moskau, träumte bereits von 50 weiteren Hubschrauberlandeplätzen.

Der Internetkonzern Yandex hat ebenfalls bereits vor längerer Zeit angekündigt, in Zusammenarbeit mit dem Hersteller Russian Helicopters in den Markt für Lufttaxis einzusteigen. Zuletzt wurde als Startdatum des Dienstes das Jahr 2022 angegeben. Bis dahin sollen die neuen Leichthubschrauber vom Typ VRT-500 einsatzbereit sein.

Auch Yandex hat Flüge ab der Ringautobahn in die Region im Blick und ist offenbar dabei, nach geeigneten regelmäßigen Routen zu suchen. Wie die Zeitung „Iswestija“ berichtete, strebt das Unternehmen ein Preisniveau an, das mit Business-Class-Limousinen konkurrieren könne. Es schielt auf Flüge ab der Innenstadt. Man möchte offenbar gerne bereits am Gartenring starten. Ob das realistisch ist, wird die Zukunft zeigen. Vermutlich ist jedoch entscheidend dafür, wie erfolgreich solche Dienste tatsächlich sein werden. Wer sich einen Hubschrauberflug nach Moskau leistet, wird danach wohl kaum seine gewonnene Zeit in der Metro oder im Stau wieder verlieren wollen.

Jiří Hönes

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