
Land der unbegrenzten Möglichkeiten
… klingt erstmal verdächtig nach den USA. Aber das Vorurteil, geprägt zu verflossenen Pionierzeiten, ist doch längst Geschichte. Im rein persönlichen Falle eröffneten sich in Russland völlig unerwartet Beschäftigungen, manche gleich in der ersten Dekade meines Hierseins. Ganz nebenbei, ganz abseits meiner vertraglichen Verbindlichkeiten in Marketing, Werbung und freier Schreiberei aus geradezu angeborener Leidenschaft – zum Beispiel für die „Moskauer Deutsche Zeitung“ (MDZ), ein höchst bemerkenswertes Blatt aus dem Ersterscheinungsjahr 1870. Es wurde aufgelegt, um die gewaltig große Gemeinde aus dem Westen – Fabrikanten und Wissenschaftler, Händler und Handwerker, Adelsstämmige und Immigranten aus dem Volke – in ihrer Muttersprache „à jour“ zu halten. Im Ersten Weltkrieg 1914 dann verboten, seit Ende der 1990er Jahre auf Initiative des Gründers des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur Heinrich Martens wieder herausgegeben – auch heutzutage noch alle 14 Tage neu, zeitgerecht on- und offline.
Warum hatte eigentlich ausgerechnet ich immer wieder das ausgesprochene Glück, einfach so spannende Aufgaben zugetraut zu bekommen? Nun ja, Russen kann man erfahrungsgemäß als durchaus offenherzig und experimentierfreudig erleben. Und wenn einer mit unbändiger Neugier selbst etwas Neues erobern will, genug um die Häuser streift, empathisch auf andere zugeht, spinnt sich mit der Zeit ein Netz von Bekannt- und Freundschaften eigentlich wie von selbst.
Daran hat auch die seit nun schon drei Jahren machtoffiziell verbreitete Gebrandmarkung aus einem „unfreundlichen Staat“ wie Deutschland zu stammen, nicht viel ändern können. Und aus so manchen beidseitig erwachsenden Vertrauensverhältnissen öffneten sich Türen, an die ich von mir aus wohl nie geklopft hätte, weil ich für so manche Erfahrung gar keine echte Chance erkannt hätte (und bis heute nur ein peinlich gebrochenes Russisch verstehe und spreche, weil ich nie wirklich die Absicht hatte, mich hierzulande festzusetzen). Wer jetzt ungläubig, zweifelnd und vielleicht sogar ablehnend denkt, reichlich übertrieben, bitte einfach weiterlesen:
„Meister und Magnete“
– Sein unersättliches Interesse, sich ungewöhnlichen Leuten aller Couleur sehr persönlich zu nähern, deren Lebensweg, Talent und Antrieb herauszufiltern, hat schon frühzeitig zu einer inzwischen wohl über 50-stelligen Serie in der MDZ geführt – „Menschen und Magnete“. Viele davon mit generationsübergreifendem, russlanddeutschem Hintergrund. Daraus entstanden zwei ansehenliche Bücher – „Zukunft braucht Herkunft“ (leider vergriffen). Einige namhafte Beispiele: Alissa Freindlich, das Frauenbild-Idol in zahllosen Sowjet-Filmen. Georgij Still, ein begnadeter Komödiant auf Bühne und Zelluloid der Kriegsgeneration illustrer Schauspieler. Friedrich Lips, ein weltweit gefeierter Akkordeon-Virtuose und Musikprofessor am renommierten Moskauer Gnessin-Institut. Irina Antonowa, weit über 60 Jahre bewunderte, kulturelle Instanz und Verantwortliche am global anerkannten Puschkin-Museum in der Kapitale. Viktor Kress aus Tomsk, heute noch im Föderationsrat des Landes, bis zu seiner Pension vor wenigen Jahren mit insgesamt 21 Jahren Rekordhalter des am längsten kontinuierlich dienenden Gouverneurs-Titels seiner Heimatregion.
– Zu allen so schnell wechselnden Zeiten immer wieder gefragter Expat-Interviewpartner für Journalistenkollegen über aktuelle Befindlichkeiten – u.a. „Neue Zürcher Zeitung“, Wiener „Kurier“, ZDF, Onlinedienste.
Gastprofessor
– Als Universitätslehrer vom ersten Tage 2015 des initiativen durchgängig Englisch-sprachigen Bachelor-Studiengangs „Global Governance and Leadership“ der Moskauer Elite-Universität RANEPA schärfte er Studenten aus allen Teilen des Riesenreiches den interkulturellen Blick über den russischen Tellerrand und nahm ihnen Ängste vor öffentlichen Redeauftritten – sieben Jahre lang bis zum Februar 2022, da war es als Fremdling aus bekannten Gründen damit vorbei.
Russlandkenner
– 2017: Jeden Straßenmeter, jedes Schlagloch, jede Wetterüberraschung über mehr als stattliche 9200 Kilometer vom Moskauer Zentrum bis auf die Mitte der Russkij Most in Wladiwostok mit dem Auto als täglicher Blogger beim Ultra-Radrennen Red Bull Trans-Siberian Extreme im Begleit-Bully schwärmend überlebt – 24 Abenteuertage plus viele Nächte, unermüdlicher „Parforceritt-Ritt“ durch die russische Unendlichkeit. Tausende Kilometer entfernt von der Hauptstadt die berührenden, unvergessenen Begrüßungsworte eines alten Dörflers in der Einsamkeit Sibiriens, weit abseits der einzigen Trasse, die durchs ganze Land führt: „Wie habt ihr uns gefunden?“
Zwei Jahrzehnte zuvor schon auf den vier Rädern eines Mietwagens die legendäre Langstrecke Route 66 von der kalifornischen Pazifikküste bis Chicago in den Vereinigten Staaten abgespult – na, die war dagegen mit ihrer halben Entfernungsdistanz sozusagen eine „Spazierfahrt“.
Dieses Kaleidoskop von allesamt Freude machenden Aktivitäten fand schließlich auch dankenswerten Eingang bei „Die Russland-Meister“, ein Ehrentitel aus einem bibeldicken, schwergewichtigen Präsentationsbuch der damaligen Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), der in den gegenwärtigen Wirren nicht mehr ganz so offen und stolz vor sich hergetragen wird. Die gewinnbringende Symbiose im abwechslungsreichen Zusammenarbeiten und -leben von (zugegebenermaßen) stereotypen treudeutschen Mentalitätswerten wie Disziplin, Organisationstalent, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und russischem Aufbauwillen, Einfallsreichtum, Widerstandskraft, Durchhaltevermögen hat dem ureigenen Wohlbefinden unter so viel Russen gut getan.
Buchautor, Konferenzredner, Gastprofessor‚ Personal Coach, Management-Berater, Ideenmacher, Marketing-Stratege, Kommunikations-Experte, Reise-Journalist, Musik-Agent, Nebendarsteller und Sprecher bei Film- und Fernsehproduktionen. Letztere Umtriebigkeiten werden noch Themen folgender „Mein Moskau“-Erzählungen sein – dranbleiben. Und immer und zwischendrin, zielstrebig und unermüdlich das persönliche Netzwerk weiter knüpfen – nur ja kein interessantes Treffen verpassen. Wo sonst? Als in einem vibrierenden Umfeld wie diesem hier – zwischen Kontrast und Tradition, gewachsener Kultur und attraktiver Unterhaltung, oft herausfordernder Unberechenbarkeit und schnelllebiger Spontaneität. Bei solcher Turbo-Hektik heißt es „immer schön ruhig bleiben“, immer nach dem alltäglich aufbauenden Lebenscredo – gleichsam wie in die Haut tätowiert: Wsjo budet choroscho = „Alles wird gut“.
Frank Ebbecke


