Tragische Schicksale und ungeheurer Lebensmut

In diesem Jahr blickt der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK) auf 30 Jahre seines Bestehens zurück. Aus diesem Grund rückt auch die MDZ russlanddeutsche Themen verstärkt in den Mittelpunkt. Einer, der sich damit nicht zuletzt für sein Porträtbuch „Zukunft braucht Herkunft“ beschäftigt hat, ist unser ständiger Autor Frank Ebbecke. Hier spricht er darüber.

Frank Ebbecke und Olga Martens
Frohnatur: Frank Ebbecke mit MDZ-Herausgeberin Olga Martens (Foto: IVDK)

Wie bist du auf die Idee gekommen, 20 Russlanddeutsche zu porträtieren?

Im Laufe der Recherchen und Arbeit an meinem ersten Buch, das sich ausschließlich mit ausgewiesenen „Brückenbauern“ zwischen Ost und West – insbesondere zwischen Russland und Deutschland – beschäftigte, und aufgrund meiner jahrelangen engen Beziehungen zum IVDK und besonders zur Moskauer Deutschen Zeitung, bin ich auf so einige weitere bemerkenswerte Leute mit rein russlanddeutschem Hintergrund gestoßen.

Während zahlreicher Gespräche, auch auf damit verbundenen Konferenzen und Seminaren, habe ich immer wieder Menschen getroffen, deren verschlungene Lebenswege mich sehr beeindruckt haben, tief berührende russlanddeutsche Familiengeschichten. Aus dieser Gruppe haben wir zusammen mit der Herausgeberin der MDZ und stellvertretenden IVDK-Vorsitzenden Olga Martens eine Auswahl
getroffen.

Alle Protagonisten sind Preisträger des Wettbewerbs „Russlands heraus ragende Deutsche“.

Ja, alle sind russische Staatsangehörige, aber mit spürbarer, teilweise
sogar unübersehbar deutscher Orientierung, und das seit Generationen. Alle haben einen bewunderswerten Lebens- und Berufsweg gemeistert, teils trotz ungeheuer tragischer Schicksale. Bei meinen Treffen und Gesprächen habe ich mit diesen besonderen Leuten nicht nur Stunden, sondern bisweilen Tage verbracht. Dabei sind mir gewisse Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge aufgefallen: zum Beispiel ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein, eine eindeutig ererbte Widerstandskraft, ein bedingungsloses Durchhaltevermögen, eine energische Zukunftsorientierung trotz all dieser schrecklichen Dinge, die ihren Familien passiert sind.

Familiengeschichten waren ein besonderes Thema.

Sicher. Natürlich auch bedingt durch ihre tragische Qualität: So viel Erschütterndes, Erinnerungswürdiges ist ihnen widerfahren. Vitalij Robertus, Top-Manager beim Ölriesen Lukoil, ist ein gutes Beispiel, wenn es um das Interesse für und die Aufarbeitung der eigenen Geschichte geht. Modellfliegerei ist sein Hobby, aber im großen Stil: Er war schon sieben Mal Weltmeister. Seine zweite Leidenschaft betrachtet er als sein sehr persönliches Lebenswerk. Er bereitet schon seit langen Jahren ein zweibändiges Buch über seine Familiengeschichte vor, die bis in die Anfänge der Einwanderung im 18. Jahrhundert zurückreicht. Er arbeitet sogar wissenschaftlich mit Universitätsgelehrten in Deutschland und Russland zusammen. Das soll ein wertvolles Erbe für seine Kinder werden, damit nichts aus der eigenen Historie verlorengeht.

Aus dem Interesse an der eigenen Abstammung entstehen Familienchroniken.

Und nicht nur die. Sogar ein physischer, ein monumentaler, ein Denkmalsaufbau zur Herkunft der Familie. Zum Beispiel die Moskauer Deutsch-Professorin Galina Perfilowa. Ihre Mutter kommt aus einer rein russlanddeutschen Familie, einer wolgadeutschen aus dem Saratow-Gebiet. Sie hat ihrem Kind Galina schon die ersten Worte gleich in deutscher Sprache beigebracht. Und in diesen Jahren lässt die über 80-jährige Galina unter persönlicher Aufsicht ein kleines, typisch russisches Holzhaus, in dem sie aufgewachsen ist und wo heute eine junge russische Familie wohnt, wieder bis auf das letzte Dachrinnendetail erinnerungsgetreu restaurieren. Als eine Art Denkmal für ihre Mutter, da steckt sie ihr Erspartes rein.

Ist der Glaube oft ein wichtiger Teil der Identität?

Viele sagen, dass ihre Lebensgrundlage, ihre Standfestigkeit und Willensstärke in einer tiefen Religiosität wurzelt. Heute scheint es aber im russlanddeutschen Umfeld lange nicht mehr so wie früher zu sein, der Glaube als lebenserhaltendes Elixier hat sich über die Generationen hinweg abgeschwächt. Trotzdem bleibt die entsprechende Erbbasis schon sehr stark. Jeder erklärt sein Bewusstsein, dass es doch irgendeine höhere Macht geben müsse.

Welche Geschichte hat dich am stärksten berührt, welches Treffen am meisten begeistert?

Seine Geschichte sicher, und nicht aufgrund des hohen Alters des Protagonisten: Alexander Traugot, schon ziemlich weit über neunzig, mit Wohnsitz in St. Petersburg. Er ist ein auch international recht bekannter Künstler, Maler, Bildhauer, besonders auf dem Gebiet der Illustration von Büchern. Er hat mit seinem schon länger verstorbenen Bruder viele Kinder- und Märchenbücher zu wahren Kunstwerken gemacht.

Vor Corona lebte er jeweils ein halbes Jahr in St. Petersburg, seiner Heimatstadt, und ein halbes Jahr in Paris, seine Ehefrau ist Französin. Ein richtiger Künstlertyp, in seiner Erscheinung und seiner Orientierung. Er hat die ganze schreckliche Leningrader Belagerungszeit erlebt und überlebt. Die meisten seiner Familie, Freunde, Nachbarn nicht. Als Junge von gerade mal zehn Jahren hat er alles sehr bewusst mitbekommen. Und sich seitdem nach und nach immer mehr in die Welt der Kunst geflüchtet.

Sein sichtbares Talent ist von seinen Eltern, auch beide Künstler, geerbt. Sein Hauptpunkt in unseren Gesprächen war, dass er von dieser Welt nach all dem Erlebten eigentlich nicht mehr viel wissen wollte. Abgekapselt aber hat er sich deshalb nicht, nur Werte für sein eigenes Leben, seinen eigenen
Lebensinhalt definiert. Kein einziger Anschein von Depression oder
Traurigkeit zu entdecken.

Ist das russlanddeutsche Thema mit diesem Buch für dich abgeschlossen?

Im Gegenteil! Die meisten neuen Freunde, die ich kennenlernen durfte, sind schon im Pensionsalter. Was ich aber gelernt habe, ist, dass die Geschichte der Russlanddeutschen weitergeht. Meine spontane Idee war deshalb, eine weitere besondere Gruppe von Russlanddeutschen ausfindig zu machen, Menschen einer jüngeren Generation zu treffen, die mit ihrer gehörigen Portion ererbten Deutschseins ihren vorbildlichen Lebensweg in allen möglichen Berufs- und Gesellschaftsbereichen gehen.

Das Interview führte Igor Beresin.

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