
Vom Germanisten zum Slawisten
Arthur Luther wurde am 3. Mai 1876 in Orjol geboren. Sein Vater, der Philologe Theodor Luther, entstammte einer deutschbaltischen Familie mit angeblicher Verwandtschaft zu Martin Luther. Nach dem Abitur 1894 studierte Arthur Luther in Moskau Geschichte und Philologie, vertiefte Germanistik und Slawistik in Deutschland und erwarb den Magistergrad. An der Moskauer Universität lehrte er Deutsch und etablierte als Erster die Geschichte der Germanistik als eigenständige Disziplin. Parallel schrieb er ab 1896 Theaterkritiken für das Feuilleton der „Moskauer Deutschen Zeitung“.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, befand sich der 38-jährige Germanist und Dozent Arthur Luther an der Moskauer Universität in Deutschland, wohin er in den Urlaub gereistwar. Eine Rückkehr nach Russland erwies sich als unmöglich. Ab 1914 begann ein neuer Abschnitt in seinem Leben: Luther wandte sich der Slawistik und der Übersetzung russischer Literatur zu.
Brückenbauer: Luther und seine Mitstreiter
In der Zwischenkriegszeit fand in Deutschland eine intensive Rezeption des russischen literarischen Erbes statt. Den kulturellen Transfer leisteten gerade die Deutschen aus St. Petersburg und den baltischen Regionen des Russischen Kaiserreichs. Zu ihnen gehörten Arthur Luther, Reinhold von Walter, Werner von Mattey, Wolfgang Gröger und Sigismund von Radecki. Sie gelangten unabhängig voneinander nach Deutschland, befanden sich jedoch in ähnlichen Lebensumständen und kamen etwa zur selben Zeit dort an.
Zwar beschäftigten sich auch andere in Europa mit Übersetzungen russischer Literatur ins Deutsche. Doch gerade Luther und seine Mitstreiter haben die Übersetzungen des „goldenen“ und „silbernen“ Zeitalters der russischen Literatur auf ein neues Niveau gehoben. Selbst in schwierigen Jahren, einschließlich der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, machten sie den deutschen Leser weiterhin mit dem Reichtum der russischen Klassiker vertraut. Ihre Übersetzungen werden in Deutschland bis heute veröffentlicht. Bemerkenswert ist, dass die Autoren selbst keine professionellen Übersetzer waren. Die Tatsache, dass sie nach ihrem Umzug einen Großteil ihres Lebens der Arbeit an russischer Literatur widmeten, kreativ miteinander interagierten und ihr eigenes Übersetzungskonzept entwickelten, hängt zum Teil mit ihrer kulturellen und ästhetischen Verbundenheit zusammen.
Übersetzen als Flucht vor der Realität
Luther hinterließ nicht nur in seinen Übersetzungen, sondern auch in der Übersetzungstheorie deutliche Spuren, indem er zahlreiche Essays veröffentlichte und gemeinsam mit Gleichgesinnten Sammelbände herausgab. Ästhetisch blieben ihnen sowohl die postrevolutionäre Kultur Russlands mit ihrer neuen Lebensweise und Rhetorik als auch die gesellschaftlichen Diskurse der Weimarer Republik fremd. Dabei begegneten sie der klassischen russischen Literatur und vor allem der Poesie Puschkins, mit Ehrfurcht. Sie stellten Puschkin als einen Autor von europäischem Rang dar, dessen Werk sich organisch in das gesamteuropäische kulturelle Erbe einfügte. Indem sie die Frage der gegenseitigen Beeinflussung nationaler Literaturen aufwarfen, formulierten die Übersetzer Thesen, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
Auf der Suche nach Selbstverwirklichung entschieden sie sich – bewusst oder unbewusst – für die Arbeit mit Sprache und Literatur, um der Realität zu entfliehen. Das Übersetzen wurde für sie zu einer Form der Realitätsflucht – zu einer Flucht in die Welt der russischen Klassiker und über diese hinweg in das verlorene vorrevolutionäre Russland. Es wurde für sie auch zu einem Mittel, sich von der in Deutschland wachsenden totalitären Bedrohung zu distanzieren.
Ein Beispiel für ihre Zusammenarbeit ist eine Sammlung von Prosawerken Puschkins, die 1941 in Dessau im Verlag „Rauch“ erschien. Das Vorwort verfasste Arthur Luther, die Übersetzungen stammten von ihm selbst und seinen Kollegen von Radecki und von Walter.
„Geschichte der russischen Literatur“
Im Jahr 1924 veröffentlichte der Leipziger Verlag „Bibliographisches Institut“ Arthur Luthers 500-seitiges Werk „Geschichte der russischen Literatur“. Im Vorwort wies der Autor auf das große Interesse der deutschen Leser an der russischen Kultur hin und begründete die Veröffentlichung des Buches mit der Nachfrage seitens der Verleger.
Luther hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die altrussischen Denkmäler eingehend zu untersuchen, um den Mythos von der „wilden Barbarei“ der vorpetrinischen Epoche und die falsche Vorstellung zu widerlegen, die russische Literatur sei erst unter Peter I. entstanden. Er stellte sich die Frage: Ist es möglich, dass sich innerhalb von anderthalb Jahrhunderten eine der reichhaltigsten Literaturen der Welt herausgebildet hat? So wollte der Autor beweisen, dass sich die altrussische Literatur nach denselben Gesetzen entwickelte wie andere europäische Traditionen. Er wies darauf hin, dass bereits in der Zeit zwischen der Christianisierung der Rus und dem Mongolenfeldzug kulturelle Grundlagen gelegt worden waren, die bis zum Eintreten der „harten Zeiten“ Früchte trugen. Luther versuchte zudem, die literarischen Tendenzen der Jahre 1919 bis 1924 zu erfassen, räumte jedoch ein, dass die politischen Umstände dies nicht in vollem Umfang zuließen.
„Mein Tolstoi“
Luther analysierte nicht nur die deutschen Übersetzungen von Puschkin eingehend. Bei der Untersuchung einer anonymen Übersetzung einer Erzählung von Tolstoi bemerkte er: Obwohl sich der Text leicht lesen lässt, wächst bei einem Leser, der das Original kennt, ein Gefühl der Unzufriedenheit. „Es liegt eine gewisse Überhitzung, eine Hektik darin, die dem russischen Tolstoi völlig fremd ist“, schrieb er. Luther sah den Grund dafür darin, dass der Übersetzer die komplexen Konstruktionen Tolstois in kurze Sätze zerlegt hatte. So verwandelte sich, wie er bildhaft ausdrückte, „ein breiter, langsam über die Ebene fließender Strom in einen schäumenden Gebirgsbach“.
Bemerkenswert ist, dass Luther von „meinem Tolstoi“ und „meinem Dostojewski“ sprach. Er fragte sich, wie jemand, der mit den Riten der orthodoxen Kirche nicht vertraut sei, die Szene der Beerdigung des Alten Zosima in „Die Brüder Karamasow“ oder die Hochzeit Levins in „Anna Karenina“ getreu wiedergeben könne. In diesen Überlegungen schwang eine selbstbewusste Andeutung mit: Luther selbst verstand den kulturellen Kontext des Originals zutiefst und konnte die Authentizität der Übersetzung garantieren.
Bei der Arbeit an Theaterübersetzungen berücksichtigte Luther den kulturellen Kontext seines Publikums. Bei der Vorbereitung von Gogols „Der Revisor“ für die deutsche Bühne ersetzte er die Erwähnung von „Juri Miloslawski“ (dem russischen Publikum gut bekannt) durch „Rinaldo Rinaldini“, der dem deutschen Zuschauer vertraut war. Dadurch konnte der komische Effekt des Originals erhalten bleiben. In den für das Lesen bestimmten Ausgaben versah Luther den Text stets mit ausführlichen Kommentaren und erklärenden Fußnoten.
Prof. Dr. Tatiana Yudina, Mitglied der Turgenjew-Gesellschaft Moskau
Deutsche Fassung von der MDZ


