Literarische Erinnerungen an die Sowjetunion

Beim Verlag AST erschien kürzlich die Sammlung von Kurzgeschichten „Ohne Warteschlange“ (Originaltitel: „Bes Otscheredi“). Größen des zeitgenössischen Literaturbetriebs beschreiben darin das Leben in der Sowjetunion zwischen nostalgischer Verklärung und skurriler Folklore.

Eine Moskauer Warteschlange vor Astropizza Schlange, 1988.
Moskau, 1988: Vereint in der Schlange vor der Ladentür? (Jurij Abramotschkin/ RIA Novosti)

„Dass es in sowjetischen Läden nichts Gutes gab, oder dass es Gutes gab, aber man dafür Schlange stehen musste, oder dass es Gutes gab, aber in einer anderen Stadt, oder nicht in meiner Größe, oder dass man sich dafür in Listen eintragen musste… das musste man ertragen.“

So beginnt die Erzählung „Langfinger“ von Tatjana Tolstaja, einer von Russlands auch international bekanntesten Autorinnen. Am Anfang steht eines der meistbemühten Motive, wenn es um die Beschreibung des sowjetischen Alltags geht. Die Warteschlange vor Läden mit mäßig bestücktem Sortiment hat sich nicht nur in das Gedächtnis derjenigen eingebrannt, die sie selbst erlebt haben. Sie ist auch eines der Bilder, das für viele Europäer wie kein anderes für das Leben von Sowjetbürgern steht.

Sowjetischer Schalk

Bei Tolstaja wird schnell klar, dass die Erinnerung an Warteschlangen und Warenmangel nicht nur negativ behaftet ist. Sie hebt an zu einer Ode auf den Schalk der Sowjetrussen, die das Defizit mit erfinderisch eingefädelten Diebstählen am Arbeitsplatz kompensierten. Wenn ein Angestellter eines wissenschaftlichen Instituts zu Hause, für was auch immer, ein paar Quadratmeter Zelluloid brauchte, dann wickelte er sich eben am Arbeitsplatz damit ein und watschelte steif mit der unter dem Mantel verborgenen Ware am Portier vorbei. Not macht erfinderisch.

Tolstajas liebevoller Ton steht exemplarisch für die Texte in „Ohne Warteschlange“. Der Blick zurück auf sowjetische Tage ist für viele der Autoren, von denen die meisten zumindest die 80er-Jahre noch bewusst miterlebt haben, offenbar ein bittersüßer. Die Geschichten sind oft geprägt von einer Nostalgie, die man der russischen Gesellschaft im Ganzen nachsagt.

Das sieht man schon dem Buchdeckel an. In dicken, weißen Lettern spannt sich der Titel des Bandes über die Schlucht zwischen zwei grauen Wohnblöcken. Darunter steht verloren ein kleines Mädchen im blauen Kleid und schaut ziellos in die Ferne. Man muss zwar für nichts mehr anstehen, so der Subtext. Aber um einen herum gibt es dafür auch keinen sozialen Körper mehr, der einen umgibt und aufnimmt.

Ein anderer Planet

Immer wieder taucht diese in warmen Tönen erinnerte Zusammengehörigkeit auf. In der Geschichte „Der Planet Juschino“ erzählt Jelena Cholmogorowa autobiographisch angehaucht von frühen Kindheitserinnerungen. Zwei Sommer verbrachte die Autorin und Erzählerin als junges Mädchen, wohl Anfang der 1960er Jahre, bei Verwandten in dem kleinen Dorf Juschino in Südrussland.

Cholmogorowa beschreibt die Dorfgemeinschaft als komplett anderen Planeten im Vergleich zum ihr vertrauten Moskau. Gute Bauern, die ihr einfaches Leben im Rhythmus der Jahreszeiten und Erntezyklen bestreiten, machen fast das komplette Figurenarsenal aus. Aus der Perspektive des damals jungen Mädchens ein paradiesischer Ort, an dem sozialer Zusammenhalt mehr gilt als die Annehmlichkeiten eines modernen Lebens. Sogar als die Erzählerin kurz von hohem Fieber niedergestreckt wird, machen der russische Ofen und die Fürsorge der Bewohner die Fahrt zum Arzt in der nächsten Stadt unnötig.

Pathos und Nostalgie

Was das speziell sowjetische an dieser Erinnerung ist, wird erst auf den letzten Seiten klar. Die mittlerweile gealterte Ich-Erzählerin findet durch eine Online-Recherche heraus, dass Juschino heute nur noch als Ansammlung halb verfallener Hütten existiert. Wenn solche Ortschaften zwar auch vor 60 Jahren schon nicht in die Modernisierungslogik der Sowjetunion passten, so existierten sie und ihre eng gestrickten Gemeinschaften doch wenigstens. Am Ende steht das oft bemühte Bild einer verlorenen Welt, die der Fall der Sowjetunion dahingerafft hat.

Zusammenhalt und Einigkeit sind offenbar die Hauptmotive des Bandes. In Cholmogorowas Erzählung sind sie genau so prominent wie bei ihrem Kollegen Roman Sentschin. Der lässt einen ehemaligen Bandkollegen des legendären Sängers Wladimir Wysozkij, in Russland bis heute verehrt, auf Einladung in ein mongolisches Dorf reisen.

Konsens über politische Grenzen hinweg

Dort begehen die Dörfler jährlich einen Feiertag zu Ehren des Musikers, der dort einmal auf Tour einige Tage zugebracht hatte. Zunächst skeptisch, erwärmt sich der Ehrengast schnell für das Geschehen. Beim angetrunkenen Singen der größten Wysozkij-Hits wird ihm schlussendlich klar, dass es genau diese Lieder sind, welche die Völker der hier schon vergangenen Sowjetunion im Geiste zusammenhalten. Wo der Pathos in Folklore umschlägt, ist Ansichtssache.

„Ohne Warteschlange“ ist voll von solchen Geschichten, die ein hübsches, mit vielen Klischees behaftetes Bild des 20. Jahrhunderts zeichnen. Vor allem der Verlust einer gemeinschaftlich erfahrenen Lebenswelt scheint viele der Autoren nachhaltig zu beschäftigen. In der Retrospektive wird diese Erfahrung nostalgisch aufgewertet. Bemerkenswert ist, dass diese Nostalgie von Autoren aller Seiten des politischen Spektrums getragen wird. Von der früheren Emigrantin Tolstaja bis zu konservativen Hardlinern wie Sentschin: man ist sich einig, dass das Leben vor dem Fall irgendwie wärmer war. Zumindest in der Erinnerung.

Thomas Fritz Maier

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