Lesen und feiern

Vorlesungen, Ausstellungen, Festivals: 2020 feiert Russland den 150. Geburtstag von Iwan Bunin. Präsident Putin unterschrieb im vergangenen Jahr sogar einen entsprechenden Erlass. Doch wer war der Schriftsteller?

Gefeiert: Iwan Bunin wurde als als erster Russe mit dem Literaturnobelpreis geehrt. (Foto: www.culture.ru)

Blutige Tumulte auf den Straßen, entfesselte Pogrome und der Zusammenbruch aller gesellschaftlichen Schranken: Die Oktoberrevolution 1917 und die ersten Jahre der kommunistischen Herrschaft erlebte Iwan Bunin als einen einzigen, nicht enden wollenden Alptraum. „Tag und Nacht leben wir in einer Orgie des Todes“, schrieb er in seinem erst 2005 auf Deutsch erschienenen Erinnerungswerk „Verfluchte Tage. Ein Revolutionsbuch“. „Und das alles im Namen der ‚lichten Zukunft‘, die angeblich ausgerechnet aus diesem diabolischen Dunkel geboren werden soll.“

Sprachgewaltiger Gegner der Sowjets

Kein Wunder, dass der zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem für seine detaillierten Landschaftsbeschreibungen und seine ausdrucksvolle Sprache gefeierte Schriftsteller, Ehrenmitglied der Russischen Akademie und mehrfacher Träger des Puschkin-Preises, zu einem kompromisslosen Gegner des sowjetischen Systems wurde. Im Jahre 1920 gelang ihm mit einem der letzten Schiffe aus Odessa die Flucht über das Schwarze Meer. Fortan lebte der Künstler als Staatenloser im französischen Exil. Er schrieb weiter und verblieb bei seinem reduzierten Stil, der tief im Realismus des 19. Jahrhunderts fußte. Die Sprachexperimente der aufkeimenden russischen Avantgarde lehnte Iwan Bunin rundherum ab. Seine Themen kreisten um Liebe, Tod, Einsamkeit, die Ablehnung der Sowjetherrschaft – und die Erinnerung an Russland. Mit Erzählungen wie „Mitjas Liebe“ (1924) fand er viel Bewunderung und bewahrte das Erbe der russischen Klassikergeneration im Ausland. 1933 wird die Ausdauer des zeitweise in finanziellen Nöten lebenden Schriftstellers belohnt: Als erster Russe überhaupt wird er mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.

Freiheit im Exil

Auch nach der Auszeichnung legte er die Feder nicht aus der Hand. Noch im selben Jahr erscheint „Das Leben Arsenjews“, Bunins größtes Prosawerk, in dem er seine Jugend und das alte Russland melancholisch besingt. Schwer trifft den Künstler der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, der sein geliebtes Vaterland abermals in Chaos und Verderben stürzt. Nach dem Sieg 1945 wollen sowjetische Kollegen wie der Schriftsteller Konstantin Simonow den Exilierten zu einer Rückkehr bewegen. Doch Bunin lehnt schweren Herzens ab: Zu schwer wiegen für ihn die Beschränkungen der Freiheit der Künstler. Seine Leser fand Bunin lange vor allem im Ausland und unter emigrierten Russen – in der Sowjetunion konnten seine Werke erst im Zuge des „Tauwetters“ ab 1956 escheinen. Seine erotischen Geschichten blieben allerdings bis zur Perestrojka tabu.

Bunin auf dem Roten Platz

2020 jährt sich der Geburtstag des Schriftstellers nun zum 150. Mal  –  und Präsident Wladimir Putin hat per Erlass angeordnet, das Jubiläum gebührend zu feiern. Das Staatsoberhaupt begründete den Schritt mit dem „herausragenden Beitrag Bunins zur russischen und zur Weltliteratur“. Für die Vorbereitung der Festivitäten hat die Regierung ein eigenes Organisationskomitee gegründet. Geplant sind Lesungen, Ausstellungen, Literaturfestivals. Die Festivitäten finden unter anderem in Städten wie Sankt Petersburg, Woronesch, Orjol statt. Auch in der russischen Hauptstadt steht das Kulturjahr 2020 ganz im Zeichen von Iwan Bunin. So widmet das mittlerweile traditionelle Bücherfestival „Roter Platz“ Ende Mai Bunin eine eigene Ausstellung. Die Russische Staatsbibliothek holt Handschriften des Autors aus ihrem Fundus und auch das Haus des Russischsprachigen Auslands „Alexander Solschenizyn“ bereitet eine eigene Wanderausstellung mit Fotos Bunins vor. In der Russischen Staatsbibliothek für Kinder beschäftigt sich der Wettbewerb „Grammatik der Liebe“ mit dem Schriftsteller. Und dies ist nur eine unvollständige Übersicht über die Feierlichkeiten.

Birger Schütz

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