Leipzigs orthodoxe Kirche im Porträt

„Verlassen Sie nie die Stadt Leipzig, ohne die russische Gedächtniskirche zu besuchen!“, heißt es auf einer Postkarte von 1913. Tatsächlich ist das orthodoxe Gotteshaus einzigartig in Leipzig, allein wegen seiner Architektur. Doch während der Coronakrise steht Erzpriester Alexej Tomjuk vor denselben Herausforderungen wie andere Geistliche. Der MDZ hat er die Pforten der Kirche geöffnet und über sich und seine Arbeit gesprochen.

Einzigartig in Leipzig: die orthodoxe Kirche  (Foto: David Tiefenthaler)

Herr Tomjuk, wie wurde bei Ihnen Ostern in der Coronakrise gefeiert?

Für mich hat sich nichts geändert, wir halten die Gottesdienste ab wie immer. Gläubige und Gemeindemitglieder dürfen natürlich nicht dazu, es wird hinter verschlossenen Türen gefeiert. Grundsätzlich ist es für die Gläubigen schwierig, da Ostern das wichtigste Fest des Jahres ist.

Haben die Gemeindemitglieder Verständnis für die Restriktionen?

Je gläubiger die Menschen sind, umso weniger verstehen sie diese Einschränkungen. 

Wie wird Ihre Arbeit als Seelsorger und Priester sonst eingeschränkt?

Seelisch kann ich kaum helfen, etwa wenn Verwandte gestorben sind. Die Menschen können nicht an Begräbnissen in Russland teilnehmen, wie es sonst üblich ist. In unserer Kultur ist der persönliche Abschied von Verstorbenen sehr wichtig. In solchen Situationen bin ich sprachlos und kann nur wenig trösten. 

Arbeiten Sie jetzt vermehrt per Telefon oder Videokonferenz?

Das habe ich schon immer gemacht. Bei uns Orthodoxen ist es aber so, dass man Glaube weniger als Unterhaltung miteinander versteht. Glaube ist für uns Richtung Himmel gerichtet, sprich geistiger Beistand und Gebet sind am wichtigsten. Glücklicherweise klingelt das Telefon nicht ständig. 

Wie viele Menschen würden normalerweise zum Ostergottesdienst kommen?

Zu normalen Zeiten wäre unsere Kirche voll, ungefähr 80 Gläubige verschiedener Nationalitäten. Die Gemeinde hat ungefähr 300 Mitglieder.

Wie gläubig ist die russische Community in Leipzig?

Viele gehören zur katholischen oder evangelischen Gemeinde, da sich die Menschen bei der Einwanderung anpassen wollen. Manche tendieren nur historisch oder kulturell zur Orthodoxie. Zwar ist die Empörung jetzt groß, weil die Kirchen zu Ostern geschlossen waren. Doch selbst viele Menschen, die in Leipzig russisch-orthodox getauft sind, besuchen die Kirche maximal zweimal im Jahr. Ähnlich wie bei anderen Konfessionen auch. Ich habe 20 Taufen im Jahr, theoretisch müsste die Kirche voll sein (lacht).

Ist Ihre Gemeinde durch die Spätaussiedler sehr jung?

Nein, wir sind sehr durchmischt. Meine ältesten Gemeindemitglieder haben noch den Zweiten Weltkrieg in Leipzig miterlebt, als hier in der Kirche ein Lazarett eingerichtet war. Viele sind schon in Leipzig geboren, einige noch in der Sowjetunion.

Wie war Ihr Weg ins Priesteramt?

Sehr klassisch. Schule, Armee, Priesterseminar. Meine Eltern waren sehr gläubig und das hat mich sehr geprägt. Ich wurde 1995 nach Leipzig geschickt. Damals haben alle Gemeinden ihre Priester aus Russland bekommen, das ist heute anders. 

Was ist das Besondere an Ihrer Tätigkeit in Leipzig?

Es ist hier viel interessanter als auf einem deutschen oder russischen Dorf, wo alle Menschen aus diesem Dorf kommen und dieselbe Sprache sprechen. Hier ist es bunt und interessant, das macht die Arbeit vielfältig.

Die Kirche ist Denkmal und Sakralbau in einem. Ist das ein Alleinstellungsmerkmal in der Leipziger Kirchenlandschaft?

Natürlich. Vielen Menschen ist unsere Kirche ein Begriff, das freut mich schon. Wir versuchen die Kirche so zu pflegen, dass sie ihrer Stellung als Sehenswürdigkeit und Kulturdenkmal gerecht wird. Es gibt viele Schautafeln, Kirchengerät und unzählige Ikonen. Der Architekt hat die Kirche so konzipiert, dass sie als Attraktion funktioniert. Die Alte Messe befindet sich in unmittelbarer Nähe, da wollte man sicher auch Besucher anziehen.

Sehen Sie Ihre Kirche als transnationalen Gedenkort? Sie ist eines der wenigen Denkmäler, das explizit an die Gefallenen anderer Nationen erinnert.

Lothar de Maizière (Anm. d. Red.: ehemaliger Ministerpräsident der DDR und hugenottischer Abstammung) hat mich bei einer Veranstaltung einmal gefragt, warum denn nicht auch die Franzosen auf der Gedenktafel stehen. Da konnte ich ihm keine gute Antwort geben (lacht). 

Die Russen verstehen ihre Beteiligung an der Völkerschlacht als Heldentat für die Befreiung der europäischen Völker. Auf diese Rolle im 19. Jahrhundert ist man immer noch stolz.

Welche Botschaft hält Ihre Kirche für Besucher – Gläubige und Nichtgläubige – bereit?

In Leipzig gibt es viele schlichte Kirchen: Bänke, Altar, Kreuz und aus. Die Ausstattung und die Architektur unserer Kirche vermitteln das Gefühl von Schönheit, das ist wohl der einzige große Gedanke, der auf jeden Besucher wartet. Sie ist ein Gesamtkunstwerk, wo sich die Seele ausruhen kann. Viele – auch nicht gläubige – Besucher kommen zur Besinnung und Kontemplation. Sie sitzen da vielleicht eine Viertelstunde, hören ein bisschen Musik vom Tonbandgerät und genießen die Stimmung.

Die Fragen stellte David Tiefenthaler.

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