„Lasst Currentzis nicht fort“

Drei Wochen vor der Tournee des glorreichen SWR-Symphonieorchesters hält dessen Chefdirigent Teodor Currentzis noch das Djagilew-Festival im heimischen Perm ab – und wird da schon vermisst.

Currentzis

Teodor Currentzis bringt sich im Stück „Hammerschlag“ selbst mit auf der Bühne ein. © Gyunai Musaeva

Die Sonne über Perm geht langsam unter, doch die Industriestadt am Ural wird noch lange nicht einschlafen können. Man wandert vom Konzert der Alten Musik im Opernhaus im Laternenlicht zum ehemaligen Schpagin-Werk. Für das Djagilew-Festival 2019 wurde diese Institution erneut in die zweite Bühne verwandelt. Auf dem Weg dahin unterhalte ich mich mit einer Frau aus der Schweiz. „Es ist fünf Jahre her, dass er mir nach dem Rameau-Konzert in der Schweiz eine CD signiert hat und sagte, er mache Musik, um die Seelen zu berühren“, erzählt sie.

Vom Griechen Teodor Currentzis ist die Rede, dem wohl aufregendsten Dirigenten der Gegenwart, der trotz Beliebtheit im Westen weiter in Russland lebt. An der Oper von Perm residiert auch sein mittlerweile vierzehnjähriges Kind, die Chor- und Orchesterformation „musicAeterna“. „Die Lebendigkeit, Freude, das absolute Dasein für die Musik zeichnen ihn für mich aus“, sagt die Frau weiter. Selbst keine Musikerin, begleitete sie jedoch das Ensemble im Dezember 2017 auf der Konzerttour  im Zug durch Sibirien. Im Februar 2019 folgte sie ihm sogar nach Japan. „Nun, dieses Jahr schwebt ein Dunst der Ungewissheit in der Luft. Wo und wie geht es weiter?“ Seit Monaten meinen die Leute, Currentzis könnte Perm bald verlassen. Am ersten Tag des Festivals aufgekommen, tauchte die Phrase bald auf den T-Shirts der zahlreichen Fans auf: „Lasst Currentzis nicht fort.“

Das Publikum muss überrascht werden

Im Schpagin-Werk spielt das deutsche Künstlerteam Ammer und FM Einheit das Industrial-Stück „Hammerschlag“. Currentzis lässt sich nicht auf das Dirigat beschränken, macht auch hier mit, mit Hammer und Drillbohrer in den Händen, liest dazu die Gedichte des Futurismus-Dichters Alexej Gastew vor. Das Publikum muss überrascht werden, so wie Impresario Sergej Djagilew es einst zum Ziel der Kunst erhob. Hier, im Perm des unermüdlichen Currentzis, werden Djagilews Gebote schon seit acht Jahren befolgt. Auf die Frage, was der Mann da besonders gut macht, antwortet der Künstler FM Einheit: „Energie“.

Übrigens: Teodor scheint ein perfekter Vermittler zwischen den Kulturen zu sein. Energisch und selbstlos schließt Currentzis zwei Tage später das elftägige Festival mit Brahms’ „Deutschem Requiem“ ab. Intim und fast selig klingt sein musicAeterna-Chor, nachdrücklich und zärtlich fängt ihn das Mahler Chamber Orchestra auf. Currentzis weiß auch, es zu schätzen. Der erste Cellist Frank-Michael Guthmann spricht seinerseits vom „absoluten Verständnis“. Die leidenschaftlichen Gleichgesinnten bestimmen heute wohl über die Zukunft der klassischen Musik.

„Der größte Schock ist es, aufrichtig zu sein“

„Ich werde die klassische Musik retten, lasst mir zehn Jahre“, versprach der noch wenig bekannte Dirigent 2005 gegenüber „The Daily Telegraph“, indem er die etablierte Musikindustrie für die Geistlosigkeit, Bürgerlichkeit und den Hedonismus tadelte. In der russischen Kulturszene war er längst wegen der verbalen Rücksichtslosigkeit gegenüber der Musikelite ein Geächteter. Nach fünf Jahren bei dem „Meistermacher“ Ilja Musin in Sankt Petersburg soll er sich Ende der 90er um den Assistenzplatz bei Juri Temirkanow in der Philharmonie bemüht haben, wurde jedoch von diesem als „Affe“ abgewiesen.

Zu radikal schien Currentzis mit seinem expressiven Dirigierstil. Einzelne Kritiker werfen ihm weiterhin vor, zugunsten des eigenen Egos auf die akademischen Standards zu verzichten. Currentzis kontert darauf, er stehe am Dirigierpult, weil er in den Partituren etwas sehe, was die anderen nicht sehen würden. „Der größte Schock ist es, aufrichtig zu sein“, meint er in zahlreichen Interviews und bleibt sich treu. Auch Moskau hat ihn nach dem Umzug aus Sankt Petersburg verdrängt: Hin zum weltweiten Erfolg lagen mehrere Jahre harter Arbeit in der Oper Nowosibirsk. Jetzt könnte er den Gerüchten zufolge nach Sankt Petersburg zurück.

„Manche finden ihn extravagant, aber er spielt gerade das, was in den Noten steht“, sagt der serbische Jungkomponist Marko Nikodijević. „Als die Oper Perm mich vor fünf Jahren mit Ballettmusik beauftragte, vermutete ich einen Scherz. Er ist doch ein Superstar, wieso soll er von mir je gehört haben?“ Vor einem Jahr nannte der von Currentzis ebenso geförderte Ukrainer Olexij Retynskyj den freiwilligen „Russen“ seinen geistigen Bruder. Es war seine Frau Katerina, die Currentzis einst auf die Musik ihres Mannes aufmerksam machte.

Seinen jungen „musicAetern“-Musikern hatte Currentzis am Anfang versprochen, einmal bei den Salzburger Festspielen aufzutreten  – der Superliga der Kunstmusik. Seit drei Jahren gastieren sie dort. In diesem Sommer bringt er auch das SWR-Symphonieorchester nach Salzburg. Nach der Zusammenführung des Radio-Orchesters Stuttgart mit dem von Baden-Baden und Freiburg suchen die Musiker nach „dem neuen deutschen Klang“: eine große Herausforderung für einen Dirigenten, selbst für einen unerschrockenen.

„Geht er fort, wird das Kulturleben hier dahinsiechen“

Für die Provinzstadt Perm ist der Weltstar Currentzis die Chance, sich einmal ganz groß zu fühlen. Doch bis 2020 könnte ihr sein Ultimatum zum Verhängnis werden: Sollte die längst versprochene Bühne nicht gebaut werden, ist er fort. Die alte ist wohl die kleinste in Russland, technisch veraltet und marode. Seine Leute müssen immer in stickigen Sporthallen proben. Er sei ja kein Tourist hier, so Currentzis, er wolle für die Menschen wirklich etwas hinterlassen. „Geht er fort, wird das Kulturleben hier dahinsiechen“, seufzt ein Fotograf beim Djagilew-Festival. Noch nie schien der Umzug Currentzis’ so wahrscheinlich. Auf der Abschlussparty umkreisen den ledigen Currentzis noch zahlreiche Frauen, umarmen, küssen ihn und wollen ihn nicht loslassen. Doch schon am frühen Morgen begibt sich der 47-Jährige wieder auf die Reise: Die Kunst ist seine ewige Geliebte.

Liudmila Kotlyarova

Kommentare

Kommentare

Newsletter




Wir bitten um Ihre E-Mail: