Kunstfestival DOCA 2021: Von Fehlern im Zahlenwald

Der Mensch ersetzt sich zunehmend selbst. Künstliche Intelligenz macht das Leben einfacher, erzeugt jedoch auch Unsicherheit. Was auf uns zukommt, ist nicht immer greifbar, doch die Kunst kann es zumindest versuchen. So geschehen beim Festival DOCA in Moskau.

DOCA 2021
„Party mit Einheitsgewicht“: Eintritt nur gegen Selbstaufgabe (Foto: Jiří Hönes)

Gedämpftes rötliches Licht erfüllt den Raum, in dessen Mitte ein Planschbecken mit einigen tanzenden Leuten steht. Luftballons und Lichterketten sorgen für Feierstimmung, Musik ist dagegen keine zu hören. Die Tanzenden tragen Kopfhörer. „Wollen Sie Teil des Werks werden?“, fragt eine Studentin und hilft mir, die Warnweste anzuziehen. Zehn Kilogramm Gewicht stecken darin. „Jetzt können Sie tanzen gehen.“ Wahlweise Reggae oder Techno klingt aus den Kopfhörern. Mir macht das Gewicht ja nicht wirklich etwas aus, aber wer etwas zierlicher gebaut ist, hat ordentlich zu kämpfen.

„Das Projekt sieht die Gesellschaft als ein System, in dem man bestimmte Anforderungen erfüllen muss, sonst wird man vom System nicht akzeptiert und ausgestoßen. Wenn Ihr Aussehen, Gewicht, Größe und sogar Geschlecht nicht passt, sind Sie ‚anders‘“, sagt Darja Pristupa, die die Installation „Party mit Einheitsgewicht“ entworfen hat. Um in das System aufgenommen zu werden, müsse man aufhören, ein Individuum zu sein. Wer das auf sich nimmt, erhält Einlass. „Die Party ist schon im Gange!“

„Wie nie zuvor, aber nicht sicher“

Darja Pristupa studiert an der Fakultät für Design an der Hochschule IGUMO in Moskau. „Party mit Eineitsgewicht“ hat sie eigens für das Festival „DOCA – Days of Contemporary Art“ geschaffen, das an einem Aprilwochenende die Seminarräume in eine Galerie verwandelte. „Wie nie zuvor, aber nicht sicher“ war das Motto in diesem Jahr. Schon zum neunten Mal baute das Festival Brücken – einerseits zwischen bekannten und aufstrebenden Künstlern der Gegenwart und andererseits zwischen Russland und der Welt.

„Wir wollen ein positives Bild unseres Landes in der Welt vermitteln“, sagt Kuratorin Jelisaweta Semljanowa, Dekanin der Fakultät für Design am IGUMO. Die internationale Fachwelt habe oft ein recht traditionelles und konservatives Bild von russischer Kunst. Deshalb ist es seit den Anfängen ein Anliegen des Festivals, auch internationale Künstler einzubinden. Und man setzt sich mit aktuellen Themen auseinander, der Ethik der Zukunft etwa.

Probleme der Zukunft heute benennen

„Der Künstler, aber auch der Autor, kann Bruchstücke der Zukunft sehen und anderen zeigen. Er oder sie kann Probleme benennen, die wir vielleicht in der Zukunft angehen müssen“, sagt Jelisaweta Semljanowa. Bildung, Technologie und Kunst seien heute eng vernetzt und die Kunst habe eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

Das Thema der Unsicherheit zieht sich durch viele der ausgestellten Werke. Der Fotograf Sergej Poterjajew aus Jekaterinburg befasst sich mit kulturellen und subkulturellen Gemeinschaften und ihren Lebensräumen, hauptsächlich in seiner Heimatregion Ural. Für das Festival hat er arbeiten erstellt, die sich mit dem benachbarten Ismajslowskij Park beschäftigen.

Spruren im digitalen Wald

Der Mensch, so der Künstler, greife in den Wald ein und forme daraus einen Park, mit Infrastruktur aller Art. Dabei dringe er in die Lebensräume von Pflanzen und Tieren ein und entzieht den Wald ein Stück weit ihrer Kontrolle. Auf ähnliche Weise führte Sergej Poterjajew einen Kontrollverlust über seine Fotografien von eben diesem Wald herbei. Mit der Methode des Databending führte er Veränderungen in den Bildern herbei, indem er mit einem Texteditor im maschinensprachlichen Code der Fotos wilderte. Die Ergebnisse zeigen noch immer den Ismailowskij Park, aber eben verändert. „Fehler im Zahlenwald“ heißt das Projekt.

Viele andere der Arbeiten hatte die künstliche Intelligenz und den Menschen, der sich selbst ersetzt, zum Thema. Besonders schön veranschaulicht wurde dies durch Polina Kusnezowas Installation „Uncanny Valley“. Sie basiert auf der in den 1970er Jahren aufgestellten Hypothese, dass Menschen Roboter zwar prinzipiell je mehr akzeptieren, desto ähnlicher sie ihnen selbst sind. Diese Korrelation hat jedoch einen Bruch, das sogenannte „Uncanny Valley“: In einer bestimmten Spanne der Ähnlichkeit lösen anthropomorphe Gestalten eher Angst und Abscheu aus. Die Akzeptanz fällt der Theorie zufolge ab einem bestimmten Niveau des Anthropomorphismus schlagartig ab und steigt erst ab einem bestimmten, sehr hohen Grad wieder an.

Die Installation greift die Geschichte einer Japanerin auf, die sich selbst durch eine Pappfigur ersetzte, um ihr kleines Baby zu beruhigen. Wirkt die Figur nun beruhigend oder versetzt sie eher in Panik?

Jiří Hönes

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