Hängematte, Mückenspray und ein gutes Buch

Der amerikanische Slawist Carl Proffer, Professor an der Universität von Michigan, erheiterte seine Studenten mit einem T-Shirt, das die Aufschrift „Russische Literatur ist besser als Sex“ trug. Seitdem ist ein halbes Jahrhundert vergangen und die Literatur hat ein wenig an Stellenwert verloren. Doch auf der Datscha wird noch gelesen.

Und wenn die Bibliothek auch unter der Treppe Platz findet: Auf der Datscha wird gern und viel gelesen. (Foto: Igor Beresin)

Wenn das Tagwerk des Datschniks nur darin besteht, den Garten zu bestellen, dann stimmt etwas nicht. Denn dann hat er etwas Wichtiges nicht verstanden: Blumenzwiebeln und Tomatensaat sind schön und gut, doch zum Landleben gehört auch eine andere Ebene. Das Buch passt zur Datscha in Mittelrussland wie der Ski zu den Alpen. Und wie in den Alpen heißt es auch hier: Alle machen mit, unabhängig vom Alter, der sozialen Stellung, dem Grad gewisser Fertigkeiten und anderen Unterschieden.

Wer in Russland nicht wenigstens über eine kleine Bibliothek auf der Datscha verfügt, was befremdlich und beklagenswert ist, der bleibt im Urlaub trotzdem nicht ohne Bücher. Der Moskauer Datschnik wird darauf schon in der Kindheit programmiert. Jeder Schüler nimmt eine lange Liste an Literaturempfehlungen mit in die Ferien. Manche Bücher sind Unterrichtsstoff, andere nicht.

Eine Sechstklässlerin riskiert, den Sommer nicht nur mit den russischen Klassikern des 19. Jahrhunderts à la Puschkin, Tolstoi und Gogol Bekanntschaft zu verbringen, sondern auch mit den Klassikern des 20. Jahrhunderts: Andrej Platonow, einem der bedeutendsten Schriftsteller des Jahrhunderts, oder den Strugazki-Brüdern, Großmeistern der fantastischen Literatur, generationenübergreifend verschlungen. Und dann natürlich die ausländische Literatur. Was wäre der Sommer ohne Mark Twain und Robert Louis Stevenson, ohne Jules Verne und Jack London, ohne J.R.R. Tolkien?

MDZ-Chefredakteur und Datscha-Besitzer Igor Beresin plaudert in seiner Kolumne aus dem Datschnik-Nähkästchen.

Die Liste umfasst insgesamt 35 Positionen. Wer nicht alles davon gelesen hat, wird im September nicht gleich gesteinigt. Doch wenigstens das eine oder andere Buch sollte man sich zu Gemüte geführt haben. Und das, liebe Tochter, ist keine Beschneidung deiner Persönlichkeitsrechte, sondern völlig legal. Also pack deinen Rucksack. Du wirst mir noch dankbar sein: Auf der Datscha gibt es kein Internet und keine städtischen Vergnügungen. Und es regnet schon den zweiten Tag dermaßen, dass man gar nicht vor die Tür gehen mag. Lesen ist die Rettung.

Bücher auf die Datscha mitzunehmen, erübrigt sich meist: Sie sind schon da. Erstens – die besagte Schulliteratur. Gelesen und dort gelassen. Das trifft zweitens auch für die Freunde und Bekannten der Landimmobilienbesitzer zu, nur dass die Bücher andere sind. Man kennt das Bild von den Mittelmeerstränden: Sonnenbrille, breitkrempiger Hut und in der Hand ein dicker Roman in weichem Einband. Auf der Datscha sieht das ganz ähnlich aus, nur verdrängt die Hängematte den Liegestuhl und das Mückenspray die Sonnencreme. Wobei es in unseren Breiten durchaus auch unangenehm heiß werden kann. Aber wie dem auch sei: Die Gäste fahren wieder weg, aber ihre Bücher bleiben da. Drittens verlagern viele ihre Bibliothek aus der Stadt auf die Datscha.

Einen Keller haben die meisten Bewohner russischer Großstädte nicht zur Verfügung. Was nie oder selten gebraucht wird, landet meist auf dem Balkon. Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Verbannung auf die Datscha. Bücher überspringen den Balkon. Der unfreiwillige Umzug in eine kleinere Wohnung, das Erbe der Eltern, Tanten und Onkel oder die eigene unkontrollierte Anhäufung von Büchern sind typische Gründe für das Auffüllen der Bibliothek auf der Datscha.

Das Bücherregal – oder aber sein Fehlen – verrät über einen Menschen mehr als sein Lebenslauf und Empfehlungsschreiben. Auf der Datscha ist das irgendwie besonders augenfällig. Was auf den Regalen abgelegt ist, spiegelt die Familiengeschichte wider – und die Geschichte des Landes. Hier stapeln sich die Nummern der grandiosen Zeitschrift „Amerika“ aus den 1970er Jahren, ein Lesevergnügen, das nicht jedem Sowjetbürger vergönnt war. Dort vergammeln so langsam die gesammelten Werke von Remarque: mieses Zeitungspapier, furchtbarer Einband. Klar, ein Billig­erzeugnis von Anfang der 1990er.

Und natürlich die Krimis in endloser Zahl. Sie setzen sich also auf das Bänkchen vor dem Ofen und werfen immer mal ein Holzscheit ins Feuer. Aber das tun Sie mehr oder weniger automatisch, der Ofen verlangt keine Aufmerksamkeit, der kommt selbst zurecht. Viel interessanter ist es da schon, wie der Anwalt Perry Mason und seine Sekretärin Della Street ihre Klienten aus den ausweglosesten Situationen befreien. Wenn Ihnen Erle Stanley Gardner nicht zusagt, dann eben Agatha Christie! Auch Intellektuelle müssen sich nicht schämen, wenn sie auf der Datscha Platons „Politeia“ von sich schieben und lieber zu einem leichten Krimi greifen.

Die Datschenidylle sollte überhaupt durch nichts gestört werden. Dostojewskij heben wir uns lieber für eine Fahrt nach St. Petersburg auf. Das Dorf ist wie gemacht für Turgenjew und Gontscharow. Hier erschließen sie sich in ihrer ganzen Größe. Aber wenn die noch in Moskau begonnenen Bücher von Palahniuk oder Beigbeder unbedingt auf der Datscha zu Ende gelesen werden sollen, dann spricht auch da nichts dagegen.

Denn das Lesen auf der Datscha bedeutet auch Freiheit. Zum Beispiel von anderen Pflichten. Und was wäre das für eine Freiheit, wenn man den Leuten gleich wieder Vorschriften machen wollte. Soll ruhig jeder lesen, was er mag. Oder eben auch mal nichts lesen. Draußen scheint der Regen aufgehört zu haben. Also ab ins Freie und Tischtennis oder Federball spielen!

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