Ehemalige HSE-Dozenten gründen eine eigene Hochschule

Die renommierte Higher School of Economics hat zahlreiche oppositionell eingestellte Lehrkräfte vor die Tür gesetzt. Denn die verstoßen angeblich gegen neue Richtlinien der Universität. Jetzt wollen die Dozenten eine eigene Universität gründen. Ein unabhängiges Bildungsprojekt, das frei von Zensur sein soll.

Universität
Aktion der Gewerkschaft Universitätssolidarität gegen die Entlassung von Dozenten in Russland (Foto: Anton Romanow)

Wiktor Gorbatow ist noch immer schockiert. Völlig unerwartet erhielt der 44-jährige Philosophie-Dozent Anfang August ein Kündigungsschreiben von der Higher School of Economics (HSE), wo er seit 2008 unterrichtete. „Wir [Lehrer und Studenten] waren immer wie eine HSE-Familie und haben den Gerüchten über mögliche Einschnitte bei regimekritischen Lehrkräften nie Glauben geschenkt“, erzählt Gorbatow im Gespräch mit der MDZ. 

Die HSE ist eine besondere Hochschule. Laut Forbes-Ranking gehört sie zu Russlands besten Universitäten. Als Karriereschmiede mit qualifizierten Lehrkräften und freier Atmosphäre. Sie gilt als das „russische Harvard“ und ist bei Studenten im ganzen Land und auch dem Ausland beliebt. 

Die HSE war berühmt für ihre freie Atmosphäre 

Doch Anfang des Jahres schränkte die Hochschulleitung diese Freiheit ein. Am 17. Januar veröffentlichte sie auf der Homepage der Universität interne Richtlinien. Professoren dürfen seitdem die russische Regierung nicht mehr öffentlich kritisieren, ohne darauf hinzuweisen, dass es sich um ihre private Meinung handelt. Auch die offizielle Unterstützung studen-
tischer Medien wurde eingestellt. So verlor das von HSE-Studenten gemachte Internetjournal „Doxa“ seinen Status als Studentenorganisation und somit das Recht, sich für Menschen einzusetzen. Im vergangenen Sommer hatte „Doxa“ ausführlich über die Proteste in Moskau berichtet. 

Schon damals, im Winter, warnten viele Professoren, dass sich unter dem Deckmantel der „Umstrukturierung von Fakultäten“ die Einschränkung akademischer Rechte und Freiheiten der Universitätsangestellten verberge. Spätestens nachdem der Ethikkodex für Universitätsangestellte im Sommer 2020 verabschiedet wurde, gab es keine Zweifel mehr. Laut des neuen Kodex dürfen sich Mitarbeiter in der Universität nicht mehr politisch betätigen. Außerdem müssen alle politischen Diskussionen, die in Räumen der HSE stattfindet, neutral sein.

Darüber hinaus dürfen Universitätsangestellte in sozialen Netzwerken zu akuten sozialen, religiösen und politischen Fragen keine kritischen Ausdrücke mehr verwenden, die „Konflikte entfachen, Hass, Feindseligkeit oder Ressentiments hervorrufen können“, da solche Aussagen den „Ruf der Universität schädigen“, heißt es in dem Kodex. 

Sommerwind der Repression

Doch es blieb nicht bei Vorschriften. Denn die Universitätsleitung nutzte den Ethikkodex und die geplante Neustrukturierung als Vorwand, um unerwünschte Lehrkräfte zu entlassen. Neben Wiktor Gorbatow traf es auch seine Frau Julia, Kirill Martynow, Jelena Lukjanowa und weitere regimekritische Dozenten. Offiziell wurden ihre Verträge wegen der Abschaffung einiger Universitätsinstitutionen und Zinssenkungen einfach nicht verlängert. Medienberichten und ihren eigenen Worten zufolge wurden die Lehrer jedoch wegen oppositioneller Ansichten entlassen. Schließlich unterschrieben sie zuvor offene Briefe zur Unterstützung politischer Gefangener, gingen auf Demonstrationen und veröffentlichten in sozialen Netzwerken kritische Beiträge. 

Wiktor Gorbatow wurde von seinen Studenten geliebt. (Foto: privat)

 „Die HSE-Verwaltung hat mir erstmal ‚harmlos‘, also indirekt über Kollegen oder Freunde, angedeutet, dass meine regimekritischen sozialpolitischen Aktivitäten zu ‚Konsequenzen‘ führen können. Im August erhielt ich ein offizielles Schreiben, dass die Universität den Vertrag mit mir und meiner Frau [Julia Gorbatowa, Dozentin an der Fakultät für Geisteswissenschaften, Anm. d. Red.] nicht verlängern wird“, berichtet Gorbatow.

„Es gab keine formellen Gründe für meine Entlassung, da ich erst im Februar 2020 den Wettbewerb zur Neubesetzung in der Fakultät bestanden habe”, erzählt Jelena Lukjanowa, ehemalige Jura-Professorin an der HSE, gegenüber der MDZ. „Die Verwaltung war jedoch unzufrieden, dass wir keine Angst hatten, uns offen zu politischen Themen zu äußern, kritische Beiträge in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen oder an öffentlichen Demonstrationen teilzunehmen“, fügt sie hinzu.

„Wenn die Universität nicht mehr frei sein kann, brauchen wir eine neue freie Universität.“

Wiktor und Julia Gorbatow, Kirill Martynow und Jelena Lukjanowa waren bei ihren Studenten sehr beliebt und wurden mehrfach als beste Dozenten ausgezeichnet. Nach ihrer Entlassung beschlossen sie, eine neue Universität zu gründen, die frei von Zensur und Bürokratie sein soll. Die Idee dazu entstand, als die vier erkannten, dass die HSE nicht mehr frei von staatlichem Einfluss war. Da trennten sich die Wege der Universität und des Staates. „Wenn die Universität nicht mehr frei sein kann, brauchen wir eine neue freie Universität“, sagen die Gründer. „Die Eröffnung der Freien Universität wird es uns ermöglichen, die autonome Atmosphäre der Universitäten wiederherzustellen und die Lehrer von jeglicher Verwaltungsdiktatur und unnötigen Formalitäten zu entlasten“, so Gorbatow.

Online-Unterricht von zuhause und vom Strand

Entsprechend der neuesten weltweiten Trends wird das Studium an der Freien Universität vollständig online organisiert. Das Sommersemester, das während der Corona-Pandemie bereits online stattgefunden hat, sei sehr effizient gewesen und habe gute Ergebnisse gezeigt, meint Lukjanowa. Bislang gibt es auf der Homepage der Freien Universität erst 20 Kurse. Aber Bewerbungen von Dozenten der HSE und anderen russischen und ausländischen Hochschulen werden weiterhin aktiv angenommen. Auch Studenten zeigen zunehmend Interesse. Bereits wenige Tage nach Bewerbungsbeginn haben mehr als 5000 Studenten aus Russland und auch dem Ausland ihre Unterlagen eingereicht.

Wenn es losgeht, will die Freie Universität von überall aus unterrichten: von zu Hause, aus Bibliotheken und vom Strand. „Wir haben nicht vor, mit Regierungsinstitutionen zu konkurrieren, Universitätscampusse zu eröffnen oder offizielle Diplome auszustellen“, heißt es auf der Homepage. Das alles halten die Initiatoren für teuer und ineffizient. Die Lehrkräfte der neuen Universität arbeiten freiwillig und kostenlos, weil sie eine qualitativ hochwertige Zusatzausbildung bieten und damit zum Schutz der Wissensfreiheit beitragen wollen. „Wir können nicht aus der Universität geworfen werden, weil wir selbst die Universität sind“, geben sich die Initiatoren selbstbewusst. 

Maria Rudenko

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