DJs – die Muntermacher am Mischpult

Welche Musikgenres sind in Moskaus Clubs zurzeit angesagt? Wieviel verdient man eigentlich als DJ? Und welches sind aktuelle Trends? Die MDZ hat sich mit Chris Helmbrecht unterhalten. Er legt seit über 15 Jahren in Moskau auf und ist ein Kenner der Szene in der Hauptstadt.

Der gebürtige Münchner ist eine feste Institution in der Mosaker Clubszene. © Privat

So merkwürdig das vorkommen mag, bei ihrem angeborenen Hang zu eher ernstem, ja abweisendem Gesichtsausdruck: Russen sind geradezu vergnügungssüchtige Menschen. Gemeinhin und gemeinsam lieben sie es, fröhlich zu singen, zu tanzen, zu essen, zu trinken, unterhalten zu werden. Das hat Grund und Geschichte – „Wer weiß, was morgen ist, leben ist heute.“

Und Musik in jeder Form gehört immer dazu – auf der Straße, in jeder Art der Abertausenden von Gaststätten, bei Veranstaltungen in Firmen oder zuhause, einfach überall. Ob „live“, aus dem Radio oder von der Konserve. Oder eben handgemixt von DJs, den Discjo ckeys. Allerdings: „discs“ kommen kaum mehr zum kreativen Einsatz. Schon längst hat auch hier die Digitalisierung die Einspeisung der gewünschten Titel und Passagen übernommen.

Ein so versierter wie erfolgreicher DJ muss sein Publikum fühlen, seine wechselnden Stimmungen, Erwartungen, Bedürfnisse. Mal wollen die Leute richtig abrocken, zu wummernden Bässen ihre Herzfrequenz in die Höhe puschen und ekstatisch sämtliche Gliedmaßen verrenken. Mal sich sanft-sentimentalen Melodien hingeben. Mal sich romantisch-aufreizend aneinander kuscheln. Mal auch verschwiegen-giggelnd Tratsch wispern. Mal mystisch-wohlig ins Nirwana gleiten.

Die MDZ hat mit weit offenen Ohren dem gebürtigen Münchner Chris Helmbrecht zugehört – unter den DJs in Moskau nach mehr als 15 Jahren sozusagen ein gestandener Veteran – was und wie das so läuft in dieser Szene.

Was sind aktuell die angesagtesten DJ-Musikstile in Moskau?

Hauptsächlich drei: erstens Pop und kommerzieller House, auch „Mashup“-Musik genannt, allgemein verträglich für jedermann, wie in den „SOHO Rooms“ gespielt. Zweitens Hip Hop und R’n’B. Hier unterscheidet man zwischen kommerziellem Hip-Hop (R’n’B) und Underground. Hip-Hop ist in Moskau sehr beliebt, wie zum Beispiel im „Secret Room“, einem der angesagtesten Clubs für die Schönen und Reichen. Underground spricht eher ein kreatives, alternatives Publikum an. Da wird auch gescratcht, auf Teufel komm raus gemixt, verschiedene Songs zusammengeschnitten. Die bei der DMC-Weltmeisterschaft (Disco Mix Club) in London demnächst am 28. September. Die nationale Vorausscheidung der Underground-Hip-Hop-DJs fand gerade auf dem WDNCh-Gelände im Rahmen des Festivals „Rhythmus meiner Stadt“ statt. Ein großer Name dieses Genres ist der Moskauer DJ Tactics. Seine Freunde bei der „Flammable Beat Crew“ sind auch bekannt für ihre coolen Parties. Drittens Techno, Minimal, Deep- und Tech-House, die Musikrichtungen der Kreativen, Werber, Schauspieler, Künstler. Hier wird ganz anders gemixt, es geht um einen möglichst harmonischen, langen Übergang zwischen den Stücken. Das ist mein Revier, dafür bin ich bekannt, besonders in der „Mendelejew Bar“. Diese Musik gibt es auch im „Gasgolder Club“. Der wird immer erst gegen drei Uhr früh langsam voll und die Leute sind oft bis in den Nachmittag auf den drei Tanzflächen. Ein DJ-Star dort dieser Richtung ist Sanchez, ein Russe mit spanischem Opa. Der hat vor über 20 Jahren im legendären „Propaganda Club“ angefangen und macht dort heute noch jeden Donnerstag weiter, obwohl er eigentlich längst in Barcelona lebt.

Welche sind derzeit die beliebtesten „Hang-outs“ in Moskau mit DJ-Auftritten?

Außer den schon genannten spielen die bekannten lokalen DJs im „Mutabor“, „Fantomas“, die Pop-DJs auf Events und Festivals, aber auch in den „SOHO Rooms“, im „The Toy“ und im „Adrenalin Stadium“.

Wie sehen die Arbeitszeiten eines DJs aus und was bekommt man dafür?

In der Regel dauert ein Set zwei Stunden, dann kommt ein anderer zum Einsatz. Dafür gibt es je nach Bekanntheitsgrad 1500 bis 30 000 Rubel, für die richtig Eingespielten bis zu 1000 US-Dollar, meist noch Speisen und Getränke umsonst. International anerkannte DJs kassieren Honorare von 1500 bis zu 250 000 US-Dollar für die ganz Großen, jeweils plus Reisekosten.

Wie ist die Konkurrenzsituation im DJ-Beruf?

Der Markt ist mehr als gesättigt. Es gibt Tausende, darunter nur vielleicht zwei Hände voll Ausländer. Obendrein strömt ständig eine Menge Leute nach Moskau, um hier ihr DJ-Glück zu finden. Nur wenige können dann davon leben. Deswegen gibt es oft ein Hauen und Stechen um jeden einzelnen Gig. Man muss es zum Resident-DJ schaffen, regelmässig in einem der guten, angesagten Läden spielen, um auch woanders gebucht zu werden.

Welche Entwicklungen und Veränderungen in der DJ-Arbeit zeichnen sich ab?

Die Musik und die Technik ändern sich kontinuierlich. Früher wurden Schallplatten abgespielt, dann CDs, heute spielt man digital vom USB-Stick oder mit einem Controller vom Computer. Der Trend wird wohl dahin gehen, dass die DJs selbst mehr Musik vor Ort kreieren, also Stücke aus verschiedenen Titeln oder sogar eigene Tonspuren live zusammenmixen. Es gibt auch Tendenzen, Live- und DJ-Musik zu verbinden, mit Saxophon oder Trompete zum DJ-Set zum Beispiel. Außerdem werden auch immer neue Bars und Clubs aufgemacht und damit immer neue Ideen verlangt.

Wie wird man zum gefragten DJ?

Man muss einfach gute Musik spielen, technisch, im Mixen, fit sein. Aber natürlich braucht man auch entsprechende Werbung in den Medien, gute PR-Fähigkeiten. Man muss sich sein eigenes Publikum aufbauen, durch möglichst viele Auftritte und Mixes im Internet und im Radio wie „Megapolis FM“.

Und wie lief und läuft die DJ-Karriere des Chris Helmbrecht?

Mit 14 habe ich zuhause schon Mixtapes für Freunde gemacht. Dann habe ich bei Partys und im Jugendclub aufgelegt. Bis noch vor ein paar Jahren war das eher ein Hobby, jetzt verdiene ich damit gut. Ich bin inzwischen schon in vielen Städten aufgetreten, wie in New York, in Spanien und Italien und in so einem exotischen Ort wie der iranischen Hauptstadt Teheran. Mit jetzt 48, denke ich, solange ich hören und stehen kann, werde ich weitermachen. Es freut mich, zu erleben, wie die Leute zu meiner Musik tanzen, mich anlachen, dass sie eine gute, entspannte Zeit in dieser hektischen Welt haben.

Das Gespräch führte Frank Ebbecke.

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