Die Stimmungsmacher: Unterwegs mit „Dschinghis Khan“ im Nordkaukasus

40 Jahre und kein bisschen müde. Mit Hits wie „Moskau“ eroberte die Popband „Dschinghis Khan“ die weltweiten Charts. Doch am liebsten touren die Musiker durch die russische Provinz. Denn hier gibt es noch große Emotionen. Die MDZ hat „Dschinghis Khan“ bei ihrem Auftritt in Tscherkessk begleitet.

Dschinghis Khan
„Dschinghis Khan“ begeistern mit ihrer Musik über Generationen hinweg. © Daniel Säwert

Es gibt wohl kaum eine Band auf der Welt, die Russland so intensiv und erfolgreich besungen hat, wie „Dschinghis Khan“. Schon kurz nach der Veröffentlichung vor 40 Jahren hat es der Hit „Moskau“ bis in die letzten Winkel der Welt geschafft. Doch ausgerechnet in der Sowjetunion war es offiziell tabu. Denn der Auftritt „Dschinghis Khans“ bei den Olympischen Spielen 1980 fiel dem Boykott vieler westlicher Staaten zum Opfer. Gehört wurde „Dschinghis Khan“ dennoch. Die Platten waren beliebte Bückware. 

25 Jahre sollten vergehen, bis „Dschinghis Khan“ in Moskau auftreten konnten. Doch seitdem die Band im Jahr 2005 ihr Russlanddebüt gab, scheint es, als sei sie nicht mehr von hier wegzudenken. Wie oft sie mittlerweile in Russlands Hauptstadt waren, können die Musiker gar nicht sagen. 150 Mal oder mehr, keiner weiß es. Sänger Wolfgang Heichel sagt, dass er teilweise mehr in Russland unterwegs sei, als zu Hause in Deutschland. 

Einer der Gründe, warum „Dschinghis Khan“ so oft und gerne in Russland auftreten, ist die innige Beziehung, die die Musiker seit dem ersten Konzert zu Land und Leuten aufgebaut haben. Man habe hier so viel Liebe erfahren, wie in keinem anderen Land der Welt, sagt Sänger Stefan Track. Es gebe hier einfach so viel Emotionen, ergänzt Heichel. 

Liebe erfährt „Dschingis Khan“ nicht aber in Moskau oder St. Petersburg, sondern vor allem in der russischen Provinz. Die Emotionen seien dort viel größer als in den Metropolen, sagt Track. Und oft komme man den Menschen auch viel näher. Dafür lieben sie die Auftritte irgendwo in der Tiefe Russlands. 

Stargast auf dem Stadtfest

Auch in diesem Jahr haben „Dschinghis Khan“ schon viel von Russland gesehen. Sie sind sowohl in Sotschi am Schwarzen Meer als auch in Jakutsk im Fernen Osten aufgetreten. Und jetzt Tscherkessk, die Hauptstadt der Kaukasusrepublik Karatschai-Tscherkessien. Die beging am ersten Septemberwochenende ihren 194. Stadtgeburtstag. Grund genug für den Bürgermeister, „Dschinghis Khan“ als Stargast einzuladen.

Eigentlich freuen sich die Bandmitglieder, schließlich waren sie noch nie in Tscherkessk. Einziger Wermutstropfen: Das Konzert findet im Amphitheater der Stadt statt. Nur etwas mehr als 1000 Gäste passen hinein, und die sind handverlesen. Denn das Konzert ist ein Dankeschön an die verdienten Bürger der Stadt. Schade finden das die Sänger, denn eigentlich würden sie lieber im Stadion nebenan spielen. Dort hätten nämlich viel mehr Menschen Platz.

Und aus Erfahrung wissen die Musiker, dass es nicht so einfach ist, vor einem kleinen ausgewählten Publikum zu spielen. Denn das lässt sich oft schwer begeistern. Doch für einen großen Auftritt gibt es angeblich nicht genügend Polizisten. Außerdem hat im Stadion noch nie ein Konzert stattgefunden. Also Amphitheater. Man sieht es professionell und nimmt die Herausforderung an. 

Die Stimmung baut sich langsam auf

Noch bevor das Konzert beginnt, wird eines schnell klar. Die bunten Kostüme, mit denen die Musiker gerne auffallen, werden in Tscherkessk nicht voll zur Geltung kommen. Denn schon die Kinder, die als „Vorband“ kaukasische Tänze aufführen und die ehrenwerten Gäste ein wenig aufwärmen, sind farbenfroh gekleidet.

Nachdem lokale Künstler aus vollem Herzen die Heimat besungen haben, ist es endlich soweit. „Dschinghis Khan“ betreten die Bühne. Und im Publikum gibt es erste Regungen. Die hochdekorierten Militärs aller Truppengattungen, die eine Reihe für sich bekommen hatten, ergreifen schnell die Flucht. Sie ahnen wohl, dass es hier bald wild werden könnte.

Und sie scheinen recht zu behalten. Bereits beim zweiten Song halten es die ersten nicht mehr auf ihren Sitzen. Es sind vor allem die Mädchen, die kurz zuvor selbst noch auf der Bühne gestanden haben. Für sie selbst stammt „Dschinghis Khan“ aus einer unbekannten Vorzeit. Doch das stört sie nicht. Der Rhythmus ist da und die unbekannten Worte werden einfach mit den Lippen irgendwie nachgeformt. 

Dschinghis Khan
Am Ende hält es niemanden mehr auf den Sitzen. © Daniel Säwert

Ein Hit nach dem anderen

Doch bereits beim nächsten Song „Afrika“, einem der neuen Lieder, kommt auch in die ersten Erwachsenen Bewegung. Als der Klassiker „Hadschi Halef Omar“ auf der Bühne ertönt, wird klar, dass wird heute noch was mit der ausgelassenen Stimmung. Auch wenn den Tanztakt immer noch die jungen Mädchen vorgeben, werden die Sitzreihen immer lebendiger. 

Mittlerweile hat sich an den Zugängen zum Amphitheater auch das einfache Volk eingefunden. Durch die Gitterstäbe versuchen die Schaulustigen einen Blick auf die berühmten Musiker zu erhaschen. Und dann sind sie auf einmal drin. Zur Mitte des Konzerts scheinen die Veranstalter ein Einsehen zu haben und öffnen die Tore, damit wirklich alle in den Genuss kommen und ein Fest erleben können.

Es ist genau der richtige Zeitpunkt. Auf der Bühne sind „Dschinghis Khan“ mittlerweile richtig in Stimmung und singen einen Hit nach dem anderen. Jetzt haben die Musiker das Publikum. Kaum jemanden im Aphitheater hält es noch auf den Sitzen. So gut wie es zwischen den schmalen Stuhlreihen eben geht, werden Hüften und Beine geschwungen. Oder wenigstens die Arme klatschend in die Luft geworfen. Selbst die Männer machen mit.  Am Ende steht das ganze Amphitheater. Das Publikum ist dankbar.  

Am Ende sind Band und Publikum glücklich

Und es bekommt noch eine Zugabe. Mit „Do Swidanja“ – „Auf Wiedersehen“ verabschiedet sich „Dschinhis Khan“ von den ehrenwerten Bürgern von Tscherkessk. Und die wollen anschließend doch schnell nach Hause. Kaum jemand will vor die Kameras und Mikrofone der Jourmalisten treten und erzählen, wie es denn nun war, „Dschinghis Khan“ live zu erleben. Eine ältere Dame bleibt dann doch stehen. Noch völlig außer Atem bringt sie nur die Worte „großartig“ und „Nostalgie“ hervor. 

Dschinghis Khan
„Spasibo, do swidanja“. Wolfgang Heichel verabschiedet sich vom Publikum. © Daniel Säwert

Aber es gibt sie auch, die wahren „Dschinghis-Khan“-Fans von Tscherkessk. Sie stürmen in die Umkleidekabine der Band, um ein Autogramm und ein Foto zu bekommen. Zwei rüstige Damen ebnen sich den Weg zu den Musikern und beteuern sich gegenseitig, dass sie gerade ihre Jugend wiederentdeckt haben. Die richtige Jugend macht derweil stilsicher Selfies mit der Band. Und „Dschinghis Khan“ freut sich. Ist es doch genau dieser Kontakt mit den Menschen, der den Musikern so viel bedeutet. 

Auf dem Weg ins Hotel, glücklich und erschöpft, wird ein wenig analysiert. Wie erwartet, war es ein schweres Publikum in Tscherkessk. Aber die Musiker sind froh, es mal wieder geschafft zu haben, ein Publikum glücklich zu machen und auch ein wenig aus der Reserve zu locken. 

Die Pause nach dem Konzert ist kurz. Für die nahen Berge bleibt keine Zeit. Schon am nächsten Morgen sitzen „Dschinghis Khan“ im Flugzeug. Es geht mal wieder nach Moskau. 

Daniel Säwert

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