„Wir möchten einfach mit unserer Musik den Leuten eine schöne Zeit vermitteln“

Dschinghis Khan
„Dschinghis Khan“ rocken auch mal einen Ball © Dresdner Opernball

Moskau, Moskau, Moskau. Wie oft ward ihr eigentlich schon in der Stadt?

Wolfgang Heichel: Puh, 150 Mal? Ich weiß es nicht. Ich habe es nie gezählt. Es geht eigentlich seit 2005 aktiv, als wir damals für RetroFM zum 25. Jubiläum in der Olympiahalle gespielt haben. Mit Kamelen, Pferden, dem Bolschoi-Ballett und Kinderchor. Wir waren zwischendurch mit 80 Leuten auf der Bühne.

Und die hatten euch eingeladen?

Marichal Navarro: Wir haben eine große Show gespielt, das ging eine Stunde. Wir waren das Highlight des Abends.

Stefan Track: Wir waren das Highlight, weil Dschinghis Khan überhaupt das erste Mal in Russland war. Damit ging es los.

Aber ihr ward ja auch in der Sowjetunion schon bekannt?

Stefan Track: Bekannt ja, aber nie da.

Wie erklärt ihr euch dann, dass ihr in der Sowjetunion schon beliebt gewesen seid?

Wolfgang Heichel: Wir haben damals für die Olympiade in den Farben von Olympia ein Kompliment gemacht. Dann kam der Boykott und wir durften nicht hin. Und dann wurde die erste LP unter dem Ladentisch gehandelt.

Marichal Navarro: Dadurch hat sie aber auch Kultcharakter bekommen.

Wolfgang Heichel: Dieses Verbot hat uns im Endeffekt Marketingtechnisch so geholfen, dass „Moskau“ heute, egal wo auf der Welt, bekannt ist. Selbst wenn die Menschen nicht wissen, dass wir das singen, aber das Lied kennt man.

Oft wird von eurer Liebe zu Russland gesprochen. Worin drückt die sich denn aus?

Wolfgang Heichel: Die hat sich dadurch entwickelt, dass wir seit 2005 die Menschen kennengelernt haben.

Stefan Track: Und viel Liebe erfahren haben.

Wolfgang Heichel: Ein Irrsinn. Emotionen ohne Ende.

Marichal Navarro: Die Leute sind so herzlich. Bei Konzerten in Deutschland sind die Menschen übersättigt. Aber hier haben die Menschen so viel…

Stefan Track: Das kann nicht mit anderen Ländern vergleichen. Definitiv nicht.

Sind da mehr Emotionen im Spiel?

Stefan Track: Viel mehr.

Marichal Navarro: Und viel mehr Dankbarkeit.

Und das kriegt ihr eher in Moskau oder der Provinz mit?

Stefan Track: In der Provinz ist die Emotion schon noch höher. Wir wissen ja, dass die Menschen oft nicht viel das Jahr über haben. Da ist dann irgendein Fest, zu dem wir kommen und spielen. Das ist natürlich noch mal eine andere Euphorie. In der Provinz kann es dir wirklich passieren, dass jemand unten im Publikum steht und vor Freude weint. Weil sich einfach ein Leben lang gewünscht hat, dich zu sehen. Und dann hat er vielleicht auch noch Glück, dass wir einen Auftritt haben, bei dem wir runter gehen und den Menschen die Hände geben. Dann dürfen sie noch ein Foto machen. Das vergessen sie ihr Leben nicht mehr.

Singen die Zuschauer auch mit?

Wolfgang Heichel: Ja. Phonetisch oder wie auch immer. Selbst der Chor der Russischen Armee singt „Moskau“ auf Deutsch.

Sprecht ihr eigentlich mittlerweile Russisch?

Wolfgang Heichel: Zwischen spasibo und nasdrowe. Für uns ist das Phänomen aber, dass Musik an der Grenze nicht aufhört. Das ist mit dem Sport. Es ist gut, dass wir unpolitisch arbeiten können.

Stefan Track: Wir schaffen halt mit der Musik Dinge, die Politiker oftmals gar nicht mitbekommen. Wie beim Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Wir treten in beiden Ländern auf. Und beide Länder singen zu den gleichen Liedern. Vielleicht haben die Länder miteinander einen Konflikt, die Menschen in den Ländern aber nicht.

Seid ihr also Friedensvermittler?

Stefan Track: Ich weiß nicht, ob wir Friedensvermittler sind. Wir beziehen ja keine politische Stellung. Wir möchten einfach mit unserer Musik den Leuten eine schöne Zeit vermitteln.

Wolfgang Heichel: Das entscheidende ist, wir Unterhaltung für das Publikum machen, nicht für Politiker.

Wie würdet ihr eure Musik selbst beschreiben?

Stefan Track: Ich glaub man kann sagen, dass wir die Leute jeden Abend auf eine Weltreise mitnehmen. Wir entführen sie mit unseren Liedern in Länder und Welten… Wir besingen ja verschiedene Länder und Städte. Und dann setzen wir unsere Show auch visuell um, damit die Leute auch was zu sehen haben. In großen Shows ziehen wir uns vier Mal um. Wir ändern immer die Stimmung. Wenn wir auf die Bühne gehen, ist das für die Leute eine Revue. 

Wolfgang Heichel: Die Menschen haben zu gucken. Sie fühlen sich wohl, es ist positiv. Man kann vielleicht kurz sagen: es ist sauber. Fröhlich, sauber, positiv.

Dschinghis Khan gibt es 40 Jahre. Wo nimmt man die Kraft her, das durchzuziehen?

Wolfgang Heichel: Das ist der Job. Du kriegst so ein Feedback von den Leuten, das ist gigantisch.

Stefan Track: Das ist ja das schöne an dem Job. Du bekommst sofort viel zurück. Dazu ist das Team sehr gut. Wir waren an so vielen Orten, an die wir sonst nie gekommen wären. Und dafür sind wir auch dankbar.

Marichal Navarro: Jakutsk war so ein Ziel.

Stefan Track: Die Herzlichkeit der Menschen! Die schreiben heute noch und fragen, wann wir wiederkommen. Sobald ich einen Post mache, steht das in Jakutsk in den News. Wir machen immer kleine Videos und grüßen die Leute dort.

Wolfgang Heichel: Und das ist ja nicht aufgesetzt. Wenn wir können, gehen wir auf Konzerten zu den Leuten hin. Und die Leute merken das. Das kann man nicht spielen.

Eure aktuelle Russlandreise führt euch von Kasachstan bis zum Dresdner Opernball in St. Petersburg. Eine interessante Mischung.

Wolfgang Heichel: Es geht nicht um die Mischung. Wir sind nach 40 Jahren einfach Kulturgut. Weil: deutsche Sprache. Mittlerweile hat sogar das Auswärtige Amt verstanden, dass wir nicht ein Hitparadenact sind.

Marichal Navarro: Wir bringen deutsche Sprache in alle Länder. Und es gibt keinen Künstler, der das in dem Umfang macht. Wir singen in allen Ländern deutsch und bringen als deutsche Band diese deutsche Sprache und dieses deutsche Musikgut dorthin. Bis auf Rammstein, die aber eine andere Musiksparte sind, macht es keiner in diesem Umfang.

Wann kam der Punkt, an dem ihr das gemerkt habt, dass ihr Kulturvermittler seid?

Stefan Track: 1979/80 war das noch nicht der Fall.

Wolfgang Heichel: Damals wurde ja immer ein bisschen die Nase gerümpft. Da war deutsche Popmusik ja gar nichts. Da hieß es immer noch England und Amerika. Angefangen hat es damit, dass wir so viel Resonanz, Ehrungen und Goldene Schallplatten aus dem Ausland bekommen haben. Wir sind nach wie vor der einzige deutsche Künstler, der jemals auf Deutsch im israelischen Radio gelaufen ist. Wir haben einen israelischen Oscar und den israelisch-ägyptischen Friedenspreis. Und Australien und Japan, da waren wir auch mehrfach Platz 1. Das war 1979/80 und dann wieder vor zwei Jahren mit einer japanischen Mädchengruppe.

Marichal Navarro: Wir kriegen das auch an der Fanpost mit, die aus Ländern kommen, in denen wir niemals aufgetreten sind. 

Stefan Track: Und in den sozialen Medien bekommt man noch mehr mit.

Marichal Navarro: Und du musst natürlich sagen, dass es Kult ist. Hast du eine schlechte Party, leg „Moskau“ oder „Dschinghis Khan“ auf und alle sind wieder auf der Tanzfläche. Das schaffst du mit wenig Künstlern oder Musik.

Wolfgang Heichel: Wir waren vergangene Woche in Solikamsk. Da haben wir für die Chefetage eines Salzwerkes gespielt. Hinterher kam jemand zu uns und meinte, es sei das erste Mal gewesen, dass der Chef auf der Tanzfläche gewesen ist.

Stefan Track: Die saßen alle steif an ihren Tischen und keinen hat das Showprogramm interessiert.

Was bewegt euch, bei solchen Veranstaltungen aufzutreten?

Wolfgang Heichel: Im Detail sagt dir das oft keiner. Da kriegst du nur gesagt, dass es eine Veranstaltung ist.

Marichal Navarro: In Solikamsk war es eine Doppelveranstaltung. Erst im kleinen Kreis für die Direktoren und dann fürs Volk. Da waren dann 30000 Menschen.

Muss man solche Auftritte vor Direktoren mit Professionalität einfach durchziehen?

Wolfgang Heichel: Du muss in dem Moment einfach versuchen zu fühlen.

Stefan Track: Solch ein Auftritt ist viel schwieriger als vor 30000 Leuten, wo man auf einer Euphoriewelle schwimmen kann.

Sind solche „Privatauftritte“ etwas, dass man eher hier findet?

Marichal Navarro: Überwiegend ja. In Deutschland und anderen Ländern wirst du bei den großen öffentlichen Events gebucht.

Passiert bei solchen Auftritten auch ungewöhnliches?

Stefan Track: Schwierig zu sagen. Jeder Auftritt hat was Besonderes.

Wolfgang Heichel: Also wir haben immer einen Haufen Spaß. Wir haben Freude miteinander zu arbeiten. Auch in der Kooperation mit russischen Tänzern.

Eure Lieder haben oft einen östlich-orientalischen Einschlag. In eurem neuen Song besingt ihr Paris. Wie kommt denn das?

Wolfgang Heichel: Es kommt noch schlimmer. Es wird auch noch Istanbul geben.

Marichal Navarro: Einer der neuen Titel heißt „Afrika“. 

Stefan Track: Wir haben die Leute noch nie mit nach Frankreich genommen. Und dann hat Luis Rodriguez es geschrieben. Er weiß was das Publikum möchte und packt den Sound rein. So hat er für uns „Straßen von Paris“ gemacht. Als er uns anrief und meinte, er habe einen Hit für uns, haben wir ihm nicht geglaubt. Beim Anhören klang der Song bekannt. Man fühlt sich wohl damit und kann gleich mitmachen. Und das ist das wichtige, dass das Publikum gleich mitmachen kann. Dann haben wir den Song in Berlin und Düsseldorf vor 12000 und 16000 Russen getestet. Und die haben alle mitgesungen und mitgelacht.

Marichal Navarro: Wir haben eine russische Plattenfirma, die im September das neue Album herausbringt. Das besteht zu einem Großteil aus neuen Songs und unseren Highlights, neu aufgenommen im Sound von heute. Es wäre nicht gut, die Version von 1979 aufzunehmen. Musik und das Empfinden dafür ist komplett anders geworden.

Stefan Track: Und wir haben uns ja auch verändert.

Wo würdet ihr gerne nochmal auftreten?

Wolfgang Heichel: Ja. Der City Dome in Tokio. Da passen 55000 Leute rein.

Stefan Track: Japan und Australien wären Ziele.

Marichal Navarro: Und direkt auf dem Roten Platz.

Wolfgang Heichel: Direkt Roter Platz mit Schlittschuhen.

Stefan Track: Genau.

Das Gespräch führte Daniel Säwert

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