Die Rückkehr von Weihnachten

Man ist bescheiden geworden. Das schönste Geschenk zum Fest ist, wenn es überhaupt stattfinden kann. In Moskau sind nach einem Jahr Pandemiepause die Weihnachts- und Neujahrsfeierlichkeiten (was für wen auch immer zuerst kommt) zurück. Vieles ist eine Nummer kleiner als gewohnt, aber man weiß es trotzdem zu schätzen.

Weiße Weihnachten auf dem Moskauer Manegeplatz im Stadtzentrum (Foto: Tino Künzel)

Mit Traditionen ist es so eine Sache. Wann darf, was gestern noch neu war, schon als traditionell gelten? Das Moskauer Straßenfest „Reise nach Weihnachten“ wurde vor gerade einmal acht Jahren aus der Taufe gehoben. Im Vergleich zu den Weihnachtsmärkten in Dresden oder Nürnberg, die etliche Jahrhunderte auf dem Buckel haben und weltberühmt sind, ist das natürlich nicht der Rede wert. Aber diese kleine Tradition mag eine Rolle gespielt haben, als das Rathaus vor der Frage stand, ob es die Festlichkeiten um den Jahreswechsel herum zulässt oder wegen der Pandemielage wie im Vorjahr abbläst.

„Reise nach Weihnachten“ erfreut sich trotz seiner kurzen Geschichte bereits großer Beliebtheit. Für die letzte Auflage 2019-2020 meldete die Stadt anschließend mehr als 26 Millionen Besucher. Wie man die gezählt haben will, sei dahingestellt, aber in der Innenstadt herrschte tatsächlich viel Betrieb. Das Fest an offiziell 81 Standorten wurde sogar eigens verlängert und dauerte am Ende 50 Tage.

Mein Nachbar, der Teddybär

Ende November hat die Stadt nun entschieden, alle geplanten Außenaktivitäten durchzuziehen. Als Bürgermeister Sergej Sobjanin die frohe Botschaft verkündete, wirkte er indes eher nachdenklich als heiter. Die Situation an der Corona-Front hatte sich nicht wirklich entspannt, aber immerhin „stabilisiert“, wie er sagte. Anders als in Deutschland, wo neben zahlreichen anderen Weihnachtsmärkten auch die in Dresden und Nürnberg ausfallen, waren in Russland die Höchstwerte der vierten Welle mit täglich neuen Anti-Rekorden bereits Anfang November verzeichnet worden. Seitdem ist wieder weitgehend Alltag eingekehrt. Die Zahlen nähern sich einstweilen denen vom Sommer.

Aber natürlich war Sobjanin bewusst, dass eine Absage in dieser weiterhin schwierigen Gemengelage kaum verwundert hätte. Kurz vor seinem Ja zur Weihnachtsreise war bekanntgegeben worden, dass die Kreml-Jolka, ein prominentes Kinderfest zu Silvester, erneut im Online-Format ausrichtet wird. Auch die Feiern im Stadtbild sind nicht ganz so unbeschwert wie sonst. Mit 27 Schauplätzen im Zentrum und den Außenbezirken fällt der Rahmen deutlich kleiner aus als zuletzt. Um die Kontakte zu reduzieren, wird auf Aktivitäten in Innenräumen ganz verzichtet. Für Abstand auf den Karussells sorgen Plüschteddys, die jeden zweiten oder dritten Platz einnehmen.

Fahren auf den Karussells mit: Plüschteddys (Foto: Tino Künzel)

Feststimmung auf dem Roten Platz

Die „Reise nach Weihnachten“ hat am 10. Dezember begonnen und soll bis zum 9. Januar dauern. Ein weiteres Highlight sind die Außenanlagen des Kaufhauses GUM auf dem festlich illuminierten Roten Platz. Dort wurde noch vorigen Monat Moskaus zentralster Weihnachtsmarkt nebst Eisbahn und Curlingfeld eröffnet. Geheimtipp: Zwischen 9 und 13.30 Uhr ist der Eintritt zur Eisbahn mit Blick auf den Kreml kostenlos.

Das GUM selbst wirft sich um diese Zeit ebenfalls besonders in Schale. Ein Besuch von Russlands schickstem Einkaufstempel mit seinen Galerien, Brücken und dem Kuppeldach lohnt sich gegenwärtig also doppelt. Weiter geht es durch Moskaus populärste Fußgängerzone, die Nikolskaja-Straße, Richtung Lubjanka-Platz. Die Nikolskaja wurde während der Fußball-WM 2018 eher unerwartet für die Organisatoren – die extra Fanzonen eingerichtet hatten – zur Feiermeile der ausländischen Fans. „Street of Lights“ wurde sie von ihnen getauft. Und an Lichterglanz mangelt es auch jetzt nicht.

Der Rote Platz ist in diesen Tagen noch mehr Besuchermagnet als sonst. (Foto: Tino Künzel)

Größter Tannenbaum im Kreml

Am Lubjanka-Platz ist das Zentrale Kinderkaufhaus eine weitere schmuck-geschmückte Pflicht-Adresse kurz vor den Feiertagen. Im Innenhof des historischen Baus ragt einer der größten Tannenbäume von Moskau in die Höhe. Der größte ist selbstverständlich dem Kreml vorbehalten und wird auf dem Kirchplatz, Moskaus ältestem Platz überhaupt, aufgestellt. Diesmal ist er 28 Meter hoch, stammt aus Wäldern nordöstlich der Stadt und wurde bereits angeliefert.

Auf dem Revolutionsplatz wird diesmal im „kaufmännischen“ Stil gefeiert, nebst einer weiteren Eisbahn. Nebenan auf dem Manegeplatz, wo die Moskauer zuletzt „europäische Festtraditionen“ erleben konnten, passte der Budenzauber offenbar nicht ins Hygienekonzept. Die Tanne mit ihrem „Dach“ aus tausenden Lämpchen ist aber auch stimmungsvoll. Hoch im Kurs bei Besuchern steht darüber hinaus der Weihnachtsmarkt auf dem Twerskaja-Platz vis-à-vis des Rathauses. An den Ständen wird vor allem handgemachtes Spielzeug und Dekor angeboten. Wer dann noch nicht genug hat, der findet in dem Moskauer Parks sicher genug Gründe, Weihnachten in Moskau für eine feine Sache zu halten.

Tino Künzel

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